Ende Jahr sind es 25 Jahre, die Reto Hübscher in Luzern bei Emmi, der grössten Schweizer Milchverarbeiterin, arbeitet. Dies in der Milchbeschaffung, zuletzt als Leiter Einkauf Milch Direktlieferanten. Der richtige Moment für den 50-Jährigen, um sich beruflich nochmals neu zu orientieren. Hübscher, bei dem sich ein «Vierteljahrhundert lang alles um den Milchpreis drehte», wie er sagt, besitzt im Zugerbiet einen kleineren Landwirtschaftsbetrieb. Darauf möchte er sich wieder stärker fokussieren. Zudem wird er für eine bäuerliche Genossenschaft im Bereich erneuerbare Energie aktiv sein. An Ideen, den Tag zu füllen, fehle es nicht. Bei Emmi wird Beat Burri ab Januar Hübschers Aufgabenbereich übernehmen.

Ein Weg mit vielen Meilensteinen

Hübscher ist gelernter Landwirt EFZ und machte dann in Bern den Agrokaufmann, das «Bauern-KV», wie er mit einem Schmunzeln anfügt. Dass er in der Geschichte der Schweizer Milchwirtschaft während einer spannenden, aber auch herausfordernden Epochen an vorderster Front war, wird einem bewusst, wenn man seinen persönlichen Rückblick durchblättert. Die Unterlagen für ein Referat, welches er kürzlich am Produzententag der Milchproduzenten Mittelland Milch hielt. Viel habe sich verändert, die Konstante sei die fast schon «epische Diskussion rund um den Milchpreis». Erfahrenen Milchbauern sind die Meilensteine bekannt: das Ende von Swiss Dairy Food, der Börsengang von Emmi, der Ausstieg aus der Milchkontingentierung, die Gründung von Produzentenorganisationen (PO/PMO), Milchstreik, die Gründung der BO Milch, die Einführung Segmentierung, ein starker Franken, die Nachfolge Schoggigesetz bis hin zum Zollhammer.

Reto Hübscher, starten wir mit einer aktuellen Frage: Zurzeit sind die Milchmengen zu hoch in der Schweiz. Fachleute meinen, das Problem sei in einem Jahr vorbei. Einverstanden?

Reto Hübscher: Ja. Von den aktuellen Mengen wurden wir überrascht. Dazu kommt ein erschwerter Absatz wegen Zöllen usw. Wir sind jedoch überzeugt, dass die Milchwirtschaft der wettbewerbsfähigste Sektor der Schweizer Landwirtschaft ist und bleibt. Milch erhält in der Ernährung wieder einen höheren Stellenwert, Milchprodukte gehören zu einer ausgewogenen, gesunden und nachhaltigen Ernährung. Das aktuelle Ungleichgewicht – aktuell fast weltweit – wird sich wieder einpendeln.[IMG 2]

Emmi geht künftig von weniger Milch aus – weshalb?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Trends. Einerseits ist Ökologie schon lange ein grosses Thema. Viele Lieferanten setzen auf die grünlandbasierte Milchproduktion, was auch wirtschaftlich Sinn macht, Beispiele sind die Wiesenmilch oder auch Bio. Bei dieser Strategie fallen die Mengen in der Regel tiefer aus. Auf der anderen Seite haben wir eine Professionalisierung, Spezialisierung und Automatisierung. Diese Betriebe liefern eher mehr. Bis anhin heben sich diese beiden Entwicklungen in etwa auf. Dazu kommt ein recht konstanter Strukturwandel. Längerfristig stellt sich die Frage, wie viele noch bereit sind, sieben Tage pro Woche zu arbeiten, wie es in der Milchwirtschaft halt nun mal erforderlich ist.

Ein Rückgang wäre aus Sicht der Verarbeitung nicht besorgniserregend?

Der Selbstversorgungsgrad liegt zwar immer noch bei 104 %, ist aber in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Zusätzlich müssen wir exportieren, weil ja auch immer mehr Produkte importiert werden. Natürlich haben wir im Export aktuell grosse Herausforderungen. Der starke Franken und hohe Zölle erschweren es, die nötige Wertschöpfung zu generieren. Eine leicht sinkende Produktion ginge einher mit eher abnehmenden Verarbeitungskapazitäten. Mehrere Mitbewerber haben in den vergangenen Jahren Fabriken geschlossen.

Wie gross war Ihr Einfluss auf den Milchpreis im Tagesgeschäft?

(Lacht) Es gibt ein Zeitalter vor der BOM und mit der BOM. Die BOM brachte eine angenehme Stabilität in den Milchmarkt. Davor war alles recht wild und weniger reglementiert. Es gab damals auch viel mehr Milchkäufer. Jede Käserei, die aufgab, bekam von drei Abnehmern Offerten. Da gab es noch Zuschläge für Neulieferanten und ein Essen für den Käsereivorstand mit Begleitung. Heute gibt es noch einen kurzen Mail-Austausch mit den bekannten Bedingungen und die entscheidende Frage ist, ob der Lastwagen die Milch gut abholen kann oder nicht. Die BOM macht die Regeln und gibt den Richtpreis vor. Wir orientieren uns daran, mit Segmentierung, Abzügen, Zuschlägen usw. und diskutieren dann noch um Zehntelrappen.

Emmi bezieht die Milch von zwei Produzentenorganisationen, von der Hauptaktionärin ZMP und den Direktlieferanten Mittelland Milch. Gibt es da Unterschiede?

Emmi kauft Milch von den Direktlieferanten, ZMP und Mooh. Wir sind mit allen Gruppen im Gespräch und versuchen, franko Rampe, alle gleich zu halten. ZMP-Mitglieder erhalten über ihre Genossenschaft – unsere Hauptaktionärin – bei gutem Emmi-Geschäftsgang Rückvergütungen aufgrund der Emmi-Dividenden. Dies betrifft meine Arbeit aber nicht. Wir haben mit allen langfristige Zusammenarbeitsverträge. Es gibt schweizweit nicht grosse Verschiebungen zwischen Produzenten und Käufern. Milch ist ein langfristiges Geschäft. Die Natur hat bei uns den grösseren Effekt auf die Menge als wechselnde Produzenten.

2008 war Milchstreik und Bauern demonstrierten bei Emmi. Die Zusammenarbeit scheint heute besser.

Wir sind ein verlässlicher Partner, würde ich sagen. Das schätzen unsere Lieferanten. Bei den Preisen sind wir stabil und berechenbar, haben ein faires Qualitätsbezahlungssystem und kein einschränkendes Monatsmengensystem.

Emmi versuchte in letzter Zeit vermehrt, die Bauern ins Boot zu holen bei der Werbung. Mit Erfolg?

Ja, ein Beispiel ist unser Botschafter-Programm. Wir erhoffen uns, dass Konsumenten dank einer schönen Emmi-Bauernbotschafter-Tafel an der Stallwand wieder eine Verbindung machen können zwischen den Kühen auf der Weide und dem Caffè Latte im Regal. Dazu gibt es viele schöne Porträts auf der Homepage, teils mit Video, beste Werbung für die Milchwirtschaft wie sie heute stattfindet. Gleichzeitig möchten wir unsere Produzenten auffordern, Werbung für ihre Milch in unseren Produkten zu machen. Wenn unsere Lieferanten unzufrieden sind und dies nach aussen tragen, haben wir alle verloren.