Ab Februar gilt ein um 4 Rappen gesenkter Richtpreis für A-Milch, er liegt fixiert bis Ende Dezember 2026 bei 78 Rappen. Beim Entscheid hat laut der Branchenorganisation Milch (BOM) die vorausschauende Markteinschätzung für 2026 eine grosse Rolle gespielt: Auf den internationalen Märkten würden die Preise stark sinken und der Unterscheid zwischen der Schweiz und dem Ausland dürfe nicht zu hoch werden. Ansonsten drohten mittelfristig grosse Verluste beim Marktanteil der Schweizer Milch, schrieb die BOM Mitte Dezember 2025 zu ihrem Entscheid.

Bonus für jene, die weniger produzieren

«Europa steht am Rande einer weiteren potenziell verheerenden Krise im Milchsektor», teilte das European Milk Board (EMB, siehe Kasten) bereits Anfang Dezember mit. Die EU-Übersicht zeigt aktuell auf breiter Front sinkende Preise für Milch und Milchprodukte. Zum wiederholten Mal fordert das EMB daher die Aktivierung ihres Marktverantwortungsprogramms (MVP). Es soll zum Einsatz kommen, wenn der Milchmarkt in der EU aus dem Gleichgewicht zu geraten droht und soll Preisstürze durch freiwilligen Lieferverzicht verhindern. Wer weniger produziert bzw. liefert, wird mit einer Bonuszahlung entschädigt. Strafzahlungen sind auf der anderen Seite für Betriebe vorgesehen, die trotz Ausrufens der Krise ihre Produktion steigern. Ob eine Krise im Anmarsch ist und wann sie tatsächlich eingetreten ist, möchte das EMB anhand eines Marktindex bestimmen. Sobald der Index eine zu grosse Kostenunterdeckung für die Produzent(innen) anzeigt, würde das MVP gestartet.

Unternehmerisches Handeln dank Versursacherhaftung

«Entscheidend ist, dass das vorliegende Konzept sehr stark auf ein marktangepasstes Verhalten der Milchproduzent(innen) setzt», schreibt das EMB zu ihrem Programm. Unternehmerisches Handeln der Betriebe sei nur dann möglich, wenn anstelle der bisherigen Kollektivhaftung im Fall sinkender Milchpreise eine Verursacherhaftung trete. So rechtfertigt der Verband den «Mitverantwortungsbeitrag» für Produktionssteigerungen in einer Situation mit Angebotsüberhang und den finanziellen Ausgleich für jene, die in einer solchen Lage weniger Milch produzieren. Insgesamt ist das MVP nach Meinung des EMB ein «äusserst marktwirtschaftliches Instrument».

Keine Unterstützung in der EU

Wäre etwas Ähnliches hierzulande angesichts sinkender Milchpreise und aktuell grosser Milchmenge denkbar? Das MVP sei dem Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) auf dem Papier bekannt, sagt Kommunikationsleiterin Christa Brügger auf Anfrage. Es sei in der EU nicht konsolidiert und werde von der EU-Kommission nach Wissensstand der SMP auch nicht unterstützt.

Schweizer Parlament hat sich dagegen ausgesprochen

«Diese Diskussion wurde in der Schweiz anlässlich des Ausstiegs aus der Milchkontingentierung vor rund 20 Jahren geführt», gibt Brügger zu bedenken. Für eine wirkungsvolle Angebotsbündelung gebe es unter den Produzenten schlicht und einfach keine ausreichende Einigkeit. «Das Parlament hat zudem damals den Support nach intensiven Diskussionen abgelehnt», fährt die Kommunikationsleiterin fort. Ohne politische Unterstützung sei ein Marktverantwortungsprogramm aber undenkbar. Ob man eine Index-Berechnung als Frühwarnsystem – wie es dem EMB vorschwebt – einrichten könnte, sei keine Frage der Daten, sondern des politischen Willens.

«An den Marktrealitäten gescheitert»

«Es gab vor 15 Jahren bereits diverse Versuche, eine Mengensteuerung in Produzentenhand einzuführen», sagt auch Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM). Dieses Vorhaben sei an den Marktrealitäten gescheitert. «Ich sehe es also als sehr schwierig an, wenn man heute versuchen möchte, irgendeine Art von Mengensteuerung einzuführen», so Kohlers Fazit. Er möchte ausserdem daran erinnern, dass vor drei Jahren noch ein Marktungleichgewicht mit zu wenig Milch bestanden habe. Damals habe man sich gezwungen gesehen, Butter zu importieren.

Fonds-Lösung nicht damit vergleichbar

Zur Regulierung des Milchmarkts greift in der Schweiz das Fonds-System der BOM, über das Milchexporte gestützt werden. «Fonds-Lösungen mit Exportstützung und ein Marktverantwortungsprogramm sind völlig unterschiedliche Systeme, die nicht so einfach verglichen werden können», hält Christa Brügger fest. Beim Ersteren handle es sich um eine Branchenlösung, bei Letzterem um eine reine Angebotsbündelung und Mengensteuerung durch die Produzenten. «Es gibt zudem keine Praxiserfahrung beim MVP, da es einzig unerprobte Gedanken sind.» 

Mittel- bis langfristig eher zu wenig Milch

Das EMB ist sich bewusst, dass für die Einführung ihres Marktverantwortungsprogramms einige Hürden zu bewältigen wären. Neben Details zur Ausgestaltung stellt sich etwa die Frage, wie Bonuszahlungen finanziert werden könnten. Christa Brügger sähe – ohne politischen bzw. staatlichen Support – in der Schweiz keine Möglichkeit dafür. «Grundsätzlich kann jeder schon heute die Menge freiwillig reduzieren», bemerkt sie und verweist auf die Freiwilligkeit für C-Milch. Nicht zuletzt wäre aufgrund offener Grenzen ein MVP hierzulande nur machbar, wenn auch die EU ein solches Programm einführen würde.

Die Situation könnte sich bald ändern

«Wir sehen seit Jahren eine steigende Nachfrage nach Milchprodukten bei konstanter Produktion sowohl in der Schweiz als auch in Europa», beschreibt Stefan Kohler die Gesamtlage. Die momentane Überproduktion sei dem hervorragenden Wetter geschuldet. «Ich rechne damit, dass sich die jetzt aktuell sehr hohe Milchproduktion ab Frühjahr wieder normalisiert», so Kohler weiter. «Ausser, es folgt nach dem sehr futterbaufreundlichen Sommer 2025 wiederum ein futterbaufreundlicher Frühling 2026.» Wenn wieder «normale» Produktionsbedingungen herrschten, habe Europa eher das Problem von zu wenig Milch als zu viel davon. «Dies könnte bereits im Sommer 2026 der Fall sein», sagt der BOM-Geschäftsführer.

Was ist das EMB?

Das European Milkboard (EMB) ist ein Verband, der sich selbst als Interessenvertretung der Milchproduzent(innen) in Europa bezeichnet. Zum EMB gehören Mitglieder aus 16 europäischen Ländern und es repräsentiert nach eigenen Angaben Zehntausende Milchbauern. Zentrales Anliegen des EMB ist ein Milchpreis, der die durchschnittlichen Kosten der Milchproduktion deckt. Uniterre und Big-M sind Mitglied beim EMB, der Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) nicht. «SMP legt seine Prioritäten anders und hat beschränkte Mittel», begründet Kommunikationsleiterin Christa Brügger.