«Wir sind an einer Weiterentwicklung der Agrarpolitik interessiert», stellte Thomas Roffler an der Mutterkuh-Regionaltagung Graubünden, die am 2. Dezember 2025 in St. Peter stattfand, fest. Ein Neuanfang sei kein Thema. Die heutige Agrarpolitik biete dem Berggebiet Planungssicherheit und Stabilität, so der Präsident des Bündner Bauernverbandes (BBV). Dies wolle man nicht aufs Spiel setzen.
Einbussen bei den Einkommen hinnehmen
BBV-Geschäftsführer Sandro Michael wies darauf hin, dass mit der Einführung der AP14/17 die Einkommen pro Familienarbeitskraft bis zum Jahr 2021 stetig angestiegen sind – in den Bergregionen jedoch von einem sehr tiefen Ausgangsniveau aus. Die starke allgemeine Teuerung in den beiden darauffolgenden Jahren hat die Einkommenssituation der Bauernfamilien jedoch wieder erheblich verschlechtert.
Besonders das Berggebiet, das überproportional von Direktzahlungen abhängig ist und nur begrenzt von den leicht gestiegenen Produzentenpreisen profitieren konnte, musste aufgrund des fehlenden Teuerungsausgleichs bei den Direktzahlungen spürbare Einkommenseinbussen hinnehmen.
Das fordert der BBV in Sachen Agrarpolitik
Sandro Michael ging auf die zentralen Forderungen des BBV zur Ausrichtung der Agrarpolitik ab 2030 ein:
- Direktzahlungen: Das bestehende Direktzahlungssystem ist zu justieren, ohne komplett neu aufzugleisen.
- Teuerungsausgleich: Die Direktzahlungsmassnahmen müssen aufwandgerecht abgegolten werden, dabei ist auch der starken Teuerung der vergangenen Jahre Rechnung zu tragen. Kann die Landwirtschaft zukünftig nicht mehr Mittel ausgeben, muss zwingend auf die Einführung neuer Massnahmen verzichtet werden, sofern diese zulasten der Finanzierung bestehender Programme gehen würden.
- Massnahmenkatalog: Der Massnahmenkatalog für den Erhalt von Direktzahlungen soll gestrafft werden.
- Massnahmenorientiert: Das Direktzahlungssystem soll weiterhin massnahmenorientiert sein. Eine Orientierung nach Zielen dagegen wäre für die Landwirtschaft nur dann attraktiv, wenn sie die Ziele selbst festlegen könnte und den Freiraum hätte, diese zu erreichen.
- Flächengebunden: Direktzahlungen sollen weiterhin an Flächen gebunden sein. Ein pauschal an das Tier gekoppelter Basisbeitrag würde eine Mehrproduktion zur Folge haben, die wiederum mit tieferen Marktpreisen quittiert würde. Bei der expliziten Förderung des Tierwohls hingegen sind die Beiträge sehr sinnvoll.
- Sömmerungsgebiete: Direktzahlungen im Sömmerungsgebiet sind mindestens beizubehalten bzw. bei der Milchproduktion zu erhöhen. Auch was etwa die Verbuschung betrifft, sind Mehrinvestitionen notwendig.
- Kleinvieh: Die Haltung von Kleinwiederkäuern muss gefördert werden.
- Erschwernisse: Erschwernisse durch Strukturen sind besser zu berücksichtigen (z. B. steile Hänge, Steinmauern).
- Familienbetriebe: Familien sind zu unterstützen – nicht nur direkt finanziell, sondern auch in sozialer Hinsicht. Ein Betrieb soll sich zur Entlastung Angestellte finanzieren können. Dies bedingt auch eine gewisse Betriebsgrösse.
- Strukturverbesserung: Gelder zur Strukturverbesserung sind aufzustocken (z. B. für den Wegunterhalt in Berggebieten).
Alle Faktoren sollen zusammenspielen
Weiter fordert der BBV einen deutlichen Grenzschutz sowie die Stärkung der Landwirtschaft bei Preisverhandlungen. Schlussendlich gehe es nicht nur um die Direktzahlungen, sondern beispielsweise auch um Markt, Grenzschutz und Strukturverbesserungen: «Alle diese Faktoren müssen zusammenspielen», folgerte Sandro Michael.
Der Geschäftsführer ging zudem auf die aktuelle Wolfssituation in Graubünden ein: Im laufenden Jahre ist es bisher zu rund 210 Rissen gekommen, fünf davon betrafen Rinder. Besonders im Unterengadin habe die Wolfswehr viel zu tun gehabt. «Zwar hat sich die Situation innerhalb des Kantons nicht verschlimmert, aber auch nicht verbessert», sagte Sandro Michael. Es wäre wünschenswert, wenn für die Anzahl Wolfsrudel ein Maximum festgelegt würde. Derzeit seien im Kanton zwölf Rudel aktiv.
Nachfolge Mutterkuh-Schweiz-Vorstand: «Gerne auch Frauen»
Hans-Andrea Patt, Vertreter Mutterkuhhaltung beim BBV, rief zum Engagement gegen die Ernährungs-Initiative auf, die im kommenden Jahr zur Abstimmung kommt. Diese fordert unter anderem einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 % (aktuell 46 %). «Das wäre sehr unrealistisch, besonders bei einer Bevölkerung von über 9 Millionen Menschen», sagte Patt. Auch hätte ein Ja den Verlust der Konsumfreiheit zur Folge. Zudem würden die Lebensmittel teurer, was wiederum den Einkaufstourismus anheizen und einen Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen würde. «Unter der Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz gegenüber dem Ausland würde insbesondere auch die Berglandwirtschaft leiden», so Patt weiter.
Hans-Andrea Marugg schliesslich kündigte an der Regionaltagung an, als Bündner Vertreter im Vorstand von Mutterkuh Schweiz auf die GV 2027 hin zurückzutreten. Daher suche man eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger aus der Region Graubünden. «Es dürfen sich gerne auch Frauen melden», sagte Marugg. Gegenwärtig sei der Vorstand ein reines Männergremium. Die Ersatzwahl erfolgt an der nächsten Regionaltagung in einem Jahr.