Wer Zeitungen liest, TV schaut und sich ab und zu Kommentare in den Sozialen Medien zu Gemüte führt, kommt beim Thema Fleischkonsum in der Schweiz wohl zum Fazit, dass es sich damit verhält wie mit dem Schnee: Jedes Jahr weniger und irgendwann ist dann Schluss.

Die neue Kampagne ist für die Fleischesser(innen)

Abo 25 Jahre Proviande Der Wandel des Fleischkonsums: Vom Statussymbol zum Zeichen der Krise Friday, 23. August 2024 Dabei liegen die Fakten anders: Der Fleischabsatz in der Schweiz steigt. Und es sind nur rund 5 Prozent der Bevölkerung, je nach Statistik oder Umfrage, die sich vegetarisch ernähren. 2024 haben gemäss Bundesamt für Statistik 96 % der Bevölkerung Fleisch gegessen. Eine kleine Minderheit hat sich also viel Gehör verschafft. Die Thematik ist bei Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, Alltag. Doch nun gebe es einen Paradigmen-Wechsel, erklärte Donat Schneider, seit Sommer Direktor von Proviande, Anfang Woche bei einem Auftritt in Sempach LU bei den Zentralschweizer Anicomkunden.

Er habe immer gesagt, dass er sich erst 100 Tage mit den Dossiers bekannt machen wolle, bevor er «rausgehen» werde. Auf Einladung von Anicom-Verwaltungsrätin Tanja Müller sprach er über Marketing, Markt und Politik. Etwa über die neue Werbekampagne mit TV-Spots, die eingangs erwähntes Paradoxon aufnimmt. 

«Genug der Rechtfertigung», brachte Schneider die neue Haltung von Proviande auf den Punkt. Ziel der Öffentlichkeitsarbeit sei nicht mehr in erster Linie, den fünf Prozent Vegetariern zu erklären, dass das Tierwohl in der Schweiz sehr wohl beachtet werde. Die neue Kampagne richte sich vielmehr an die Fleischesser – dies mit der Botschaft: «So isst die Schweiz». Und die Schweiz esse nun mal Fleisch. Neben den Werbespots, zugeschnitten auf Fitness-Gesellschaft, Grosseltern, Familien und WG-Bewohner, werde weiterhin mit detaillierteren Infos über die bäuerliche Schweizer Tierhaltung informiert. Dies aber als kommunikatives Tagesgeschäft. Etwa auf der Webseite von Schweizer Fleisch oder den gängigen Social-Media-Kanälen.

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Im Notfall muss die Nachfrage mit Importen gedeckt werden 

Verhandlungen erfolgreich US-Zollstreit: Tieferer Zusatzzoll – aber dafür zollfreie Fleischeinfuhren und wenig Neues beim Käse Friday, 14. November 2025 Die Herkunft Schweiz sei bei Fleisch von grosser Bedeutung, bekräftigte Donat Schneider. Nur fünf Prozent sei die Herkunft egal – Tendenz sinkend. So reagiert Donat Schneider in einer ersten spontanen Stellungnahme zum Thema «Chlorhuhn»-Import auch einigermassen gelassen. Das Fleisch müsse entsprechend deklariert werden, das werde die sensiblen Schweizer Kunden genauso abschrecken wie Hormon-Fleisch aus den USA. Importe, vor allem bei Arten von Fleisch, wo die Inlandversorgung tief ist, bereiten dem Proviande-Direktor keine Sorgen. Wichtig sei, dass die Branche die geforderten oder abgesprochenen Mengen selbst und unter Aufsicht freigeben könne, damit der Markt versorgt und die Nachfrage gedeckt werden könne. Das gelte auch bei Fragen rund um das Mercosur-Abkommen.

Aktuell sei die Lage auf dem Markt, wie häufig um diese Jahreszeit, ein wenig angespannt. Ein gestaffeltes Angebot helfe den Schlachthöfen und schliesslich dem Absatz, so Schneider. 2025 kam es bei Verarbeitungskühen zu zwei grösseren Peaks in Woche 37 und dann nochmals in Woche 42. Abalpung und Einstallung seien typische Termine, an denen Tiere ausgemerzt würden, so Schneider. Das sei nachvollziehbar. Trotzdem: «Schwankungen auf den öffentlichen Märkten von 500 Kühen wöchentlich sind schwierig.» Die hohen Importfreigaben 2025 seien nötig gewesen, so Schneider. Ziel der Branche müsse sein, die Nachfrage zu decken – notfalls mit ausländischer Ware. 

Bei den Verarbeitungskühen wurden im September und Oktober jeweils rund 1200 Tonnen eingeführt – dreimal so viel wie im September und doppelt so viel wie im Oktober des Vorjahres. Als Grund dafür nannte Schneider die tiefere Inlandproduktion und den guten Absatz beim Rindfleisch. «Importe führen, wenn gut gemacht, zu wenig Preisschwankungen», sagte Schneider. Proviande stehe deswegen traditionell im Kreuzfeuer. «Unsere Leute wissen aber, wie das geht», beruhigte er die Tierproduzenten.

Bei der Ernährungsinitiative brauche es ein «wuchtiges Nein»

Während sich der Inlandanteil beim Schwein mit 90 bis 95 Prozent immer etwas an der oberen Grenze bewegte, sei 2024 der Zenit beim Geflügel mit rund 36 Prozent «wohl erreicht» worden. Beim Rindfleisch sei die Tendenz gar sinkend: Waren es 2024 noch 84 Prozent gewesen, dürfte dieser Wert 2025 deutlich tiefer liegen, so Donat Schneider.

Sorgen mache Proviande der sinkende Anteil beim Rindfleisch. «Wir wollen die Wertschöpfung in der Schweiz», stellte Schneider klar. Ursachen für die Abnahme an Kälbern seien sinkende Kuhzahlen und Auswirkungen der Blauzungenkrankheit. Um Gegensteuer zu geben, habe Proviande einen Runden Tisch initiiert.

«Gegensteuer geben», heisse es auch wieder im nächsten Herbst, kündigte Schneider an. Dann wird über die Ernährungs-Initiative abgestimmt. Da brauche es nicht bloss ein Nein, sondern wiederum ein deutliches Nein, so Schneider. Eine klare Haltung beeinflusse den politischen Prozess und die Ausarbeitung in den Amtsstuben.