Als Teil der Strategie zur künftigen Obstbauforschung plante Agroscope zusammen mit den Kantonen Thurgau und Zürich ein gemeinsames Zentrum für Obstbauforschung und -züchtung am Strickhof. Damit sollten Synergiemöglichkeiten in den Bereichen Infrastruktur, Forschung, Beratung und Ausbildung generiert und genutzt werden. Die Umsetzung sollte ab ca. 2030 erfolgen.
Agroscope zieht die Reissleine
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Daraus wird jetzt vorerst nichts. Auf Nachfrage der BauernZeitung teilt Agroscope mit, dass das Projekt aus finanziellen Gründen sistiert wird. Eine gesamtheitliche Betrachtung des Projektes hätte eine Kostenschätzung von 30 bis 40 Millionen Franken für den gemeinsamen Bedarf von Agroscope und Strickhof (inklusive Hochwasserschutzmassnahmen) ergeben. «Diese Summe überschreitet die seitens Bund für Agroscope verfügbaren Investitionsmittel», sagt Manuel Boss, Leiter des Kompetenzbereichs Pflanzen und pflanzliche Produkte bei Agroscope. Strickhof-Direktor Ueli Voegeli bestätigt, dass die Finanzlage des Kantons Zürich nicht erlaubt habe, einen Teil dieser Kosten zu übernehmen. Einzig die Finanzsituation hätte zur Sistierung geführt.
Enge Zusammenarbeit mit der Beratung
Der inhaltliche Mehrwert des Projekts werde von allen involvierten Partnern und der Obstbranche unverändert anerkannt und sei nicht infrage gestellt, sagt Manuel Boss und weiter: «Trotz Sistierung des Projekts haben die involvierten Partner vor, noch enger zusammenzuarbeiten.» Auch hätten die Vorarbeiten für das Projekt Agroscope und Strickhof näher zusammengebracht und zu neuen Ideen und Zusammenarbeitsmöglichkeiten geführt, die man nun auf einem anderen Weg zu realisieren versuche.
Agroscope prüft «diverse Szenarien»
Die Forschung wird also vorerst bis 2030 am Standort Wädenswil weitergeführt. Wie es nach 2030 weitergeht, ob man an einem anderen Standort so ein Obstbauzentrum aufbaut, ist offen. «Abklärungen zum weiteren Vorgehen laufen aktuell», so Manuel Boss. Eine erste Kontaktaufnahme mit dem Kanton Zürich habe bereits stattgefunden. Dabei ging es um eine Verlängerung der Nutzung der betreffenden Forschungsparzellen in Wädenswil. Nun prüft Agroscope diverse Szenarien zu alternativen Standorten – welche das sind, gibt Agroscope nicht bekannt.
Mitarbeitende ziehen nach Reckenholz
Der Entscheid habe kurz- und mittelfristig keinen Einfluss auf die bestehenden Arbeitsverträge der Mitarbeitenden. Gemäss Standortstrategie Agroscope werden alle Forschenden des Obstbaus und der Obstzüchtung ihren künftigen Arbeitsort am Reckenholz Zürich haben. «Daran hätte auch das Projekt am Standort Strickhof nichts geändert», so Manuel Boss. Nur der Obstbaubetrieb verbleibe bis auf Weiteres in Wädenswil.
Züchtung soll weiterverfolgt werden
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Ob sich durch die Sistierung auch die Züchtung von toleranten Sorten verlangsamt, verneint Agroscope. Die Stärkung der obstbaulichen Forschung und Züchtung zugunsten einer starken Schweizer Obstproduktion sei Agroscope ein grosses Anliegen und werde weiterverfolgt. «Was jedoch gebremst wird, ist die direkte Nutzung von Synergiemöglichkeiten mit der Beratung und der Bildung», sagt Manuel Boss.
Keine weitere Flächenausdehnung am Strickhof
Die bestehenden Obstanlagen und -infrastrukturen am Strickhof werden weiterhin für Beratung, Ausbildung und das praxisorientierte Versuchswesen genutzt. «Eine weitere Flächenausdehnung in Lindau für Obstbauversuche ist nicht geplant», sagt Strickhof-Direktor Ueli Voegeli. Die Strickhof-Obstanlagen und -infrastrukturen würden aber kontinuierlich angepasst und verbessert. «Wir werden diese für eigene oder gemeinsame Versuche mit Partnerorganisationen nutzen», sagt Voegeli abschliessend.
Sistierung betrifft auch den Versuchsbetrieb Obstbau in Güttingen (TG)
Agroscope zog die Reissleine und sistierte das Projekt «Zentrum für Obstbauforschung und -züchtung». Das hat einen direkten Einfluss auf die Weiterentwicklung und den Versuchsbetrieb für Obstbau in Güttingen (TG). Ursprünglich plante Agroscope, einen Teil der Flächen in Wädenswil nach Güttingen zu verlagern. Dafür wären am Standort Güttingen 6 ha zusätzlich nötig gewesen, die mit der Sistierung nicht mehr benötigt werden. Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbands, und Martin Angehrn, Chef des Thurgauer Landwirtschaftsamts, nehmen Stellung.
«Instandstellung von Güttingen läuft weiter»
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Martin Angehrn, Chef Thurgauer Landwirtschaftsamt, Frauenfeld
Der Entscheid von Agroscope, das Projekts «Zentrum für Obstforschung und -züchtung Strickhof – Agroscope» zu sistieren, ist nachvollziehbar. Ebenso, dass der Kanton Zürich finanziell nicht in der Lage ist, eine solche Investition zu stemmen. Das wäre mit unseren Kantonsfinanzen auch nicht möglich gewesen. Wir haben deshalb von Anfang an darauf hingewiesen, dass es einen Plan B braucht, wenn man die Agroscope-Versuchsflächen ab 2030 verschieben will.
Wir sind erleichtert, dass das laufende Instandstellungsprojekt in Güttingen hingegen nicht vom Entscheid betroffen ist. Die Arbeiten laufen wie geplant weiter. Einzig die Flächenerweiterung um 6 ha für das Zukunftsprojekt Obstbau in Güttingen ist nun hinfällig. Auch der Leistungsauftrag und -umfang von Agroscope in Güttingen bleibt bestehen. Wir sind gut aufgestellt und haben nach der Instandstellung wieder eine zukunftstaugliche Infrastruktur. Die Zusammenarbeit von Agroscope mit dem Kanton Thurgau und dem Kanton Zürich soll weiterhin gestärkt werden. Wenn es um die zukünftige Weiterentwicklung der Obstbauforschung ab 2030 gehen wird, werden auch wir wieder im Boot sitzen. So wurde es zumindest seitens Agroscope und dem Schweizer Obstverband kommuniziert.
«Der Wille, vorwärtszumachen, fehlte»
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Ralph Gilg, Präsident Thurgauer Obstverband, Fruthwilen
Bis vor kurzem waren wir von der Obstbau-Branche guter Dinge, dass das Projekt zustande kommen wird. Wir erhielten keine Signale, dass das Projekt nicht realisiert wird. Umso mehr bedaure ich, dass man nicht imstande war, so ein zukunftsgerichtetes Projekt durchzuziehen. Auch als Branche haben wir diverse Stunden darin investiert, uns in das Projekt einzubringen. Der Wille vorwärtszumachen und Entscheide zu fällen, fehlte bei Agroscope. Jetzt kamen noch Sparpläne dazu – was ja nicht überraschend war. Man hätte sich die ganze Übung sparen können, da wir wieder auf Feld 1 stehen.
Dazu kommt, dass Agroscope in Wädenswil, aber auch in Güttingen einen grossen Investitionsbedarf hat, weil viele Instandstellungen, Reparaturen etc. aufgrund der Standortstrategie aufgeschoben wurden. Das muss jetzt nachgeholt werden.
Wir sind mit dem Versuchsbetrieb Güttingen weiterhin gut aufgestellt. Wichtig ist, dass die Versuchsflächen für Versuche intensiv genutzt werden, und dass die Forschenden motiviert sind, für die Branche praxisnahe Lösungen zu entwickeln. Von Agroscope erwarte ich vor allem, dass sie im Obstbau nur minimal an Grundlagen forscht und dafür viel Energie in die Extension-Forschung steckt. Konkret könnte das bedeuten, dass die Sortenzüchtung reduziert wird und die Ressourcen vermehrt im Sorten-Scouting und in der Sortenprüfung eingesetzt werden. Auch im Pflanzenschutz stehen wir vor grossen Herausforderungen, welche grossen Forschungsbedarf mit sich bringen.