Die Podcast-Reihe «Das Gift und die Dosis – Grosse Panik um kleine Werte?» widmete sich in fünf Folgen der Frage, wie Grenzwerte zustande kommen, was sie taugen und welches Restrisiko bleibt. Organisatorisch interessant: Während der Podcast von einer agrarpolitischen Plattform produziert wird, stammt das Geld für die Reihe von swiss-food.ch – einer Kommunikationsagentur, die für Konzerne wie Syngenta und Bayer arbeitet. Entsprechend aufmerksam verfolgten die Anwesenden, wie kritisch – oder eben nicht – diskutiert wurde. Ein Sicherheitsdienst war vor Ort, hatte aber trotz nur 200 Meter Luftlinie zum linksextremen Szenelokal «Zentralwäscherei» kaum etwas zu tun. Die Atmosphäre blieb ruhig, der Ton höflich.
«Panik» oder einfach Verunsicherung?
Auf dem Podium sassen Sarah Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, Michael Beer, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), sowie Dominique Werner, Chemikalienrechtsexperte des Wirtschaftsverbands Science Industries. Moderiert wurde die Diskussion von Gastgeber Andreas Wyss (Agrarpolitik Podcast).
Sarah Stalder zeigte sich bereits über den Titel der Reihe irritiert. Von «Panik» habe sie bei Konsumentinnen und Konsumenten noch nie etwas gemerkt, sie sprach – eher von einer «unguten Stimmung». Die sehr kleinen Zahlen und Rückstände seien für viele schwer einzuordnen und lösten gerade deshalb Verunsicherung aus. Besonders kritisch sieht sie die ungenügend erforschten «Cocktails» aus verschiedenen Stoffen. Zudem verwies sie auf Widersprüche bei Grenzwerten: So nannte sie den Stoff Triazol im Genfersee – in Frankreich gelte dort ein Grenzwert von 71 Mikrogramm, in der Schweiz von 0,1 Mikrogramm. Solche Differenzen stellten die Verständlichkeit des Systems infrage.
BLV: Landwirtschaft nicht Hauptverursacherin
BLV-Vizedirektor Michael Beer ordnete ein: Rund 80 Prozent der Verunreinigungen stammten nicht aus der Landwirtschaft, betonte er. Dennoch werde diese in der öffentlichen Wahrnehmung oft als Hauptproblem gesehen – schlicht, weil man Felder, Traktoren und Spritzen sehe, während andere Quellen unsichtbarer seien.
Gleichzeitig stellte Beer fest, dass die Gesellschaft heute faktisch ein «Null-Prozent-Risiko» einfordere: Was auf dem Teller oder im Glas lande, solle vollkommen unbedenklich sein. Genau hier beginne der Zielkonflikt zwischen Machbarem, Messbarem und Akzeptablem.
Industrie: Kosten–Nutzen-Abwägung und unsichtbarer Nutzen
Industrievertreter Dominique Werner rückte die Nutzenfrage in den Vordergrund. Chemikalien würden nicht einfach «blind» in Verkehr gebracht, sondern anhand von Risiko- und Kosten–Nutzen-Abwägungen bewertet. Gefährliche oder problematische Stoffe kämen in der Regel nur zum Einsatz, wenn es keine praktikablen Alternativen gebe – und ihr Nutzen hoch sei. Als Beispiel diente unter anderem der Einsatz von PFAS in gewissen Feuerlöschmitteln.
Sarah Stalder widersprach nicht grundsätzlich, erinnerte aber daran, dass es ohne Druck von aussen oft kaum Bewegung gebe. Als Beispiel nannte sie Bisphenol A auf Kassenzetteln: Aus Sicht des Konsumentenschutzes habe die Industrie sich lange gegen den Ersatz gewehrt, obwohl die Problematik bekannt gewesen sei. Dominique Werner hielt dem entgegen, der Nutzen vieler Anwendungen sei für Firmen offensichtlich, für die breite Bevölkerung aber schwer erkennbar – sichtbar bleibe vor allem das Risiko.
Ein sachlicher, aber zahmer Abend
Inhaltlich bot der Abend eine nüchterne «Tour d’horizon» zu Grenzwerten, Messmethoden, Risiken und Wahrnehmungen. Wer auf scharfe Wortgefechte, offene Konfrontation zwischen Konsumentenschutz, BLV und Industrie hoffte, ging an diesem Abend enttäuscht nach Hause. Stattdessen dominierten abgewogene Formulierungen und der Konsens, dass noch viele Fragen – etwa zu Mischwirkungen – offen sind und weitere Forschung brauchen.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Die komplette fünfteilige Serie «Das Gift und die Dosis – Grosse Panik um kleine Werte?» des Agrarpolitik-Podcasts, inklusive der Abschlussveranstaltung im Bogen F, kann online nachgehört werden.
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