Als Andreas Stalder an der 37. Delegiertenversammlung von IP-Suisse das Wort ergriff, begann er nicht mit Zahlen oder Strukturfragen, sondern mit Musik. Er erinnerte mit dem Lied «Verlorenes Paradies» von Vicky Leandros – ein Hit aus dem Jahr 1982 – daran, dass sich im Grunde nichts geändert habe, obschon man schon seit Generationen wisse, was auf unserem Planeten passiere. Leandros singt darin vom langsamen Verschwinden der Schmetterlinge, vom Wegschauen einer Gesellschaft, die spürt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. «Seht das endlich einmal ein», lautet ihre eindringliche Forderung. Für den IP-Suisse-Präsidenten ist dieses Lied nicht Nostalgie, sondern ein Spiegel, wie er an der DV erklärte. Wenn man genau hinhöre, könne der Text deprimieren. Denn die Frage, ob wir aus den seither vergangenen vier Jahrzehnten tatsächlich etwas gelernt hätten, stelle sich dringlicher denn je.
Entkoppelung zwischen Kaufentscheid und Verantwortung
Andreas Stalder legt den Finger bewusst auf einen wunden Punkt: Die Biodiversität steht weiter unter Druck, obwohl längst bekannt ist, dass gezielte Förderflächen einen messbaren Nutzen bringen. «Studien zeigen, dass zusätzliche Strukturen und Lebensräume die Artenvielfalt deutlich erhöhen konnten – genau das, wofür IP-Suisse seit Jahren einsteht», so Stalder. Doch der gesellschaftliche Kontext habe sich verändert. «Wir sind nicht mehr bereit, für Lebensmittel zu zahlen, was sie wert sind», sagte Stalder, und er sprach dabei bewusst von «wir Konsumenten», also auch von den über 100 im Saal anwesenden Delegierten, Bäuerinnen und Bauern und über 120 Gästen aus der Agrarszene. Die Entkopplung zwischen Kaufentscheid und Verantwortung sei weit fortgeschritten. Mit der allgegenwärtigen Digitalisierung und dem Einzug von Künstlicher Intelligenz gewöhne sich der Mensch gar das eigene Denken ab, ist der IP-Suisse-Präsident indes sicher. Und in der Flut globaler Krisen scheine die Klimakrise mancherorts aus dem kollektiven Bewusstsein zu rutschen. Welche Rolle IP-Suisse in diesem Umfeld einnehmen sollte, war deshalb an der DV keine rhetorische Frage, sondern eine, die direkt in die Zukunft des Labels führt.
Eggenschwiler über 9% Biodiversität – und warum 2026 ein Übergangsjahr wird
Geschäftsführer Christophe Eggenschwiler zeichnete in seinem Jahresbericht ein differenziertes Bild: grundsätzlich positiv, aber mit deutlichen Akzenten. IP-Suisse wolle kein «verlorenes Paradies», sagte er in Anspielung auf Stalders Einstieg. Und: «Wir dürfen uns nicht untreu werden.» Hinter dieser Aussage steht ein weitreichender Entscheid. Ab dem 1. Januar 2026 sollte der Anteil an Biodiversitätsförderflächen im gesamten System auf 9 Prozent steigen. Die Mehrheit der IPS-Betriebe erfülle diese Vorgabe bereits, andere sollen Unterstützung erhalten. «Wer das Ziel noch nicht erreicht, wird beraten – und zwar individuell und praxisnah», erklärte Eggenschwiler. Das Jahr 2026 sei bewusst als Übergang definiert worden. Für Betriebe, die noch nicht so weit sind, habe der Entscheid im ersten Jahr keine Konsequenzen. Ideen aus der Basis seien ausdrücklich willkommen.
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Ein Markt mit Licht und Schatten
Christophe Eggenschwilers Ausführungen zur Marktentwicklung zeigen: 2024 war kein einfaches Jahr, aber in vielen Bereichen entwickelte sich 2025 vielversprechender. In den Ackerkulturen sorgten Tafel- und Mostobst weiterhin für stabile bis wachsende Absätze. Auch im Gemüsebereich zeigte sich ein positiver Trend, viele Kanäle konnten 2024 zulegen und wurden 2025 weiter ausgebaut. Kartoffeln schnitten qualitativ gut bis sehr gut ab, die Erwartungen aufgrund der Ernte 2025 waren sogar ausgezeichnet.
Weniger erfreulich präsentierte sich die Lage bei der Braugerste: Nach einem Jahr mit tiefer Qualität waren die Lager hoch, Absatz wurde gesucht. Bei verschiedenen Nischenkulturen und Ölsaaten zeigt sich ein Wechselspiel zwischen anspruchsvollen Bedingungen und dennoch guten Zukunftsaussichten. Prämien mussten teils halbiert werden, was zu Wartelisten führte. Die Gastronomie wird zunehmend als Wachstumsfeld identifiziert – gleichzeitig bleibt der Importdruck ein hartnäckiger Faktor.
Ähnlich vielschichtig zeigt sich die Tierhaltung. Die Legehennen-Produktion hält ihren Schwung, der Pouletmarkt wächst weiter, und die Nachfrage nach Kaninchen steigt so deutlich, dass IP-Suisse neue Produzenten sucht. Die Wiesenmilch bleibt mit über 300 Millionen Kilogramm stabil und hält zehn Prozent Marktanteil – ein Wert, der sich trotz schwierigem Umfeld behauptet. Hingegen belasteten das Blauzungenvirus und die hohen Tränkerpreise die Kälber- und Lämmerproduktion der jüngsten Vergangenheit.
Swiss Black Angus und das Grossvieh entwickelten sich dagegen solide und kontinuierlich. Im Schweinemarkt zeigte sich das bekannte Muster: 2024 bremste ein Konsumrückgang, 2025 jedoch verlief (noch) stabiler.
Digitalisierung – Werkzeuge, die Betriebe entlasten sollen
In einem weiteren Schwerpunkt widmet sich IP-Suisse der Digitalisierung: Die Weiterentwicklung der eigenen Tools, das Portal LV4, Smartfarm und der massnahmenbasierte Klimaansatz Climafarm sollen den administrativen Aufwand senken und gleichzeitig die Wirkung der Betriebe sichtbarer machen.
Climafarm, das weiterentwickelte Klimapunkte-System von IP-Suisse, wurde inzwischen auch von Bio Suisse übernommen. Dahinter steht ein Gedanke, den Eggenschwiler immer wieder betonte: Klimaschutz müsse messbar, fair und praxistauglich sein. Die Landwirte wollten wissen, welche Massnahmen tatsächlich etwas bringen und wie sie ihre Leistung verbessern können – «ohne, dass sie im Datensammeln versinken», so der Geschäftsführer.
Die Funktionsweise wird daher bewusst einfach gehalten: Einmal im Jahr erfassen die Betriebe ihre umgesetzten Massnahmen im Online-Tool. Jede davon ist wissenschaftlich unterlegt. Agroscope berechnet die Klimawirkung anonymisiert und bricht die Ergebnisse bis auf die Produktebene herunter. Damit sollen Handel und Konsumentinnen erstmals nachvollziehen können, welche Klimawirkung beispielsweise ein Kilogramm Weizen oder Milch ausweist – und die Leistungen der Betriebe transparent würdigen.
Schweizer Durchschnittswerte sollen dabei ausreichen. Niemand müsse dokumentieren, wann welcher Traktor auf welchem Feld ist. Die Betriebe bleiben handlungsfähig, während das System wissenschaftlich fundiert bleiben soll.
Abschiede und ein Neuanfang
Mit emotionalen Momenten endete der offizielle Teil. Drei langjährige Vorstandsmitglieder traten ab:
Rudolf Weber, Gründungsmitglied und seit 2005 im Vorstand, hinterlässt Spuren. Er prägte die Marketingstrategie von IP-Suisse wesentlich mit – und war bekannt dafür, Käfertafeln eigenhändig aufzuhängen, wenn Bauern sie nicht montierten. Eine «sichtbare Käferwelt» war für ihn nie nur Symbolik, sondern Ausdruck einer Haltung. Sein Sitz wurde nicht neu besetzt.
Auch Samuel Moser (seit 2017) und Jost von Wyl (seit 2001) haben das Gremium verlassen.
Neu gewählt wurde Simon Schneider aus dem Kanton Jura, Jahrgang 1991, Landwirt EFZ, Master in Betriebswirtschaft und künftiger Betriebsleiter in Courgenay. Sein Betrieb umfasst Mutterkühe, Mast, Ackerbau, Hochstamm-Obstgärten und Agrotourismus. Der Zentralschweizer Sitz bleibt dagegen vakant.
Migros-Chef Irminger: «Wir müssen zuverlässiger sein»
Es gehörte zu den besonderen Momenten dieser DV, als Gastredner Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes, selbstkritisch festhielt, Migros sei «nicht besonders geübt, partnerschaftsfähig zu sein». Das war kein Urteil über die Gegenwart, sondern eher eine Einsicht aus der Vergangenheit. Migros komme aus einer Welt, in der der Konzern sehr erfolgreich gewesen sei – erfolgreich genug, um es gewohnt zu sein, die Spielregeln zu setzen. «So war auch der Umgang mit den Bauern», sagte Irminger. Doch dieses Verständnis wolle man hinter sich lassen.
Er betonte, man müsse zuverlässiger und fairer werden, Lösungen finden, «die für alle stimmen». Der Vergleich zur privaten Partnerschaft war gewollt: Auch zu Hause funktioniere Zusammenleben nur, wenn man sich gegenseitig stütze. Um den Labelpartner zu stärken, investiert Migros daher jährlich rund vier Millionen Franken in die Kommunikations- und Marketingaktivitäten rund um IP-Suisse.
Bemerkenswert ist, wie die Position der Bauernorganisation zu verorten ist. Das Label ist bei der Migros mittlerweile grösser als AdR (Aus der Region). Gleichzeitig blieb der Markt volatil, abhängig von Konsumententrends, Witterungseinflüssen und globalen Preisdynamiken.
«Ihr müsst Vertrauen in uns haben», appellierte Irminger an die Delegierten, und fügte – fast unerwartet – hinzu: «Uns mit viel Liebe begegnen. Und: lasst es uns gemeinsam weiterdenken.»
Ein neuer Markenauftritt – und warum IP-Suisse mehr Gefühle zeigen will
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Christophe Eggenschwiler erläuterte den strategischen Hintergrund des neuen Markenauftritts. Ein frisches Logo, neue Farb- und Illustrationswelten sowie ein klareres Zusammenspiel der Bilder sollen die Marke emotionaler machen und den Systemgedanken besser erklären. IP-Suisse wolle sichtbarer werden – nicht lauter, sondern eindeutiger, so Eggenschwiler. Die Kommunikation solle stärker von innen heraus funktionieren, getragen von den Betrieben und ihren Geschichten. Ziel sei ein erneuertes Wir-Gefühl, das auch nach innen trägt.
Der Auftritt sei nicht kosmetisch gedacht, sondern Teil einer breiteren Entwicklung hin zu mehr Transparenz, einem klareren Profil und einer stärkeren Verankerung im Markt.
Der Luzerner Antrag – und eine Debatte, die nicht abgeschlossen ist
In einem eigenen Traktandum wurde der Antrag der Sektion Luzern, der an der DV 2024 gestellt wurde, erneut aufgenommen. Der Auftrag vor einem Jahr war: Der Vorstand solle seine Ressourcen stärker in die Nachhaltigkeitsversprechen bei Sozialem, Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit investieren und im kommenden Jahr konkrete Resultate vorlegen.
Christophe Eggenschwiler verwies an der diesjährigen DV daher auf zahlreiche Aktivitäten: praxisnahe Anlaufstellen, eine verstärkte Präsenz an Messen, Sensibilisierung des Handels direkt auf den Höfen, digitale Hilfsmittel, aktive Informationspolitik, Projekte zu Kälbergesundheit, Antibiotikareduktion und Kaninchen, aber auch Bemühungen zur Absatzsicherung und neuen Vermarktungsmöglichkeiten. Prämienerhöhungen seien dort erfolgt, wo Spielraum bestanden habe.
Doch Luzern zeigte sich nicht wirklich überzeugt von den Massnahmen. Sprecher Stephan Furrer sagte offen, man sehe die Thematik im Vorstand noch zu wenig verankert. Das Engagement sei «nicht ausreichend». Eine Ablehnung der Traktanden stehe dennoch nicht zur Diskussion – man wolle die Debatte weiterführen. «Vielleicht ist die DV auch nicht der richtige Ort», so Furrer. Man werde daher das Gespräch auf einem anderen Weg suchen.
