Der Wein steht vor uns, dunkel und ruhig im Glas. Wir sitzen in Münchenbuchsee BE im Gasthof Häberlis. Ruedi Haudenschild, der ehemalige Chefredaktor des «Schweizer Bauer», beginnt zu erzählen, kaum dass er sitzt. Er spricht schnell, verbindlich, mit diesem offenherzigen Drauflos, das keinen Anlauf benötigt. Er ist kein Mann des langen Nachdenkens vor jedem Satz. Er erinnert sich – und während er sich erinnert, lebt die Szene sofort wieder auf.[IMG 4]

Das Ende einer Ära: Ruedi Weber tritt ab

Es geht um Ruedi Weber aus Utzensdorf BE: Kommenden Donnerstag wird er aus dem Vorstand von IP-Suisse verabschiedet. Ein Abschied, der nicht einfach ein Sitzwechsel ist, sondern das Ende einer Ära, die nicht laut war, aber weitreichend. Ruedi Haudenschild hebt das Glas leicht an, nicht wirklich zum Anstossen – eher, um Worte festzuhalten. «Weisst du», sagt er, «mit Ruedi musste man nie lange darüber sprechen, ob etwas getan werden soll. Wenn wir ein Ziel hatten, haben wir daran gearbeitet. Punkt. Er war immer offen. Direkt. Und entscheidungsfreudig», sagt Haudenschild und nimmt einen Schluck Wein.

Gemeinsam für die Landjugi

So sei es auch schon damals gewesen, vor einigen Jahrzehnten, in der Landjugend-Zeit. Weber als Präsident der Bernischen Landjugendvereinigung BLJV, Haudenschild als Sekretär. Ruedi Haudenschild war seinerzeit noch als Landwirtschaftslehrer und Berater der Landwirtschaftsschule Waldhof in Langenthal BE unterwegs und noch nicht für die Agrarpresse tätig. «Wir haben Menschen zusammengebracht», erinnert er sich. «Junge Leute. Und eben auch Frauen – auch das war uns wichtig. Alle sagten damals: Die Landjugend ist vorbei», so Haudenschild weiter. Doch diesen Meinungen habe man keine Beachtung geschenkt. «Wir haben neue Landjugi-Gruppen gegründet, während andere vom Ende sprachen. Weil wir nicht an Problemen herumnörgelten, sondern an Möglichkeiten dachten.»

Und das ist es schliesslich, was Haudenschild über Ruedi Weber immer wieder betont: Er sah Möglichkeiten. Nicht Probleme. Das möge einfach klingen, so Haudenschild, aber eben diese Haltung präge Lebenswege. Und Strukturen. Die Gründungsidee von IP-Suisse sei keine romantische Vision gewesen, weiss der ehemalige Schweizer-Bauer-Chefredaktor. Er hat diese Geschichte eng begleitet. «Sie war ein konkreter, praktischer Gegenentwurf zu einer Landwirtschaft, die zunehmend von Abnehmern und Verbänden gesteuert wurde», weiss er.

Als Haudenschild von den Anfängen von IP-Suisse erzählt, spricht er nicht über Strategiepapiere oder Konzeptentwürfe, sondern über Gespräche zwischen Menschen, über Höfe, Stallgassen, Telefonate spät am Abend und über Bauern, die Verantwortung übernehmen wollten. «IP-Suisse liegt eine einfache Idee zugrunde», sagt er. «Nicht die Grossverteiler sollten bestimmen, wie produziert wird, sondern die Bauern. Sie wollten sagen, zu welchen Bedingungen, zu welchen Preisen. Und nicht warten, bis andere sagen würden, was sie zu tun haben.»

Es war auch unbequem

Diese Haltung war nicht bequem. Sie führte zu Reibungen. Zu Spannungen zwischen IP-Suisse und beispielsweise der Fenaco, die in jenen Jahren versuchte, die Vermarktungswege im grösseren Stil zu ordnen – und damit auch zu bestimmen. Es war Wandel angesagt: Die Landwirtschaft wurde in den Medien wegen des Pestizideinsatzes immer mehr kritisiert. Die Diskussionen wurden immer mehr öffentlich ausgetragen und gingen mitten durch Stammtische, Dorfstrukturen und persönliche Beziehungen. Doch Ruedi Weber und seine Weggefährten wollten ihre Zukunft mitbestimmen. Sie suchten Lösungen, nicht Gegner.

«Sie haben gesehen, dass die Bauern ein Einkommen brauchen, das ein Auskommen sichert», sagt Haudenschild. «Klar, war das nicht immer einfach. Aber wenn man nur sagt, was nicht geht, passiert gar nichts.» Und so wie Haudenschild das sagt, klingt es nicht nach Slogan, sondern nach Erlebtem.

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In Freundschaft verbunden

Es fällt ein Name immer wieder: Andreas Stalder. Ruedi Weber war eigentlich als Präsident vorgesehen, damals, als die Weichen nach Hans Luder, dem Gründungspräsidenten, neu gestellt wurden. Doch Weber verzichtete darauf, aus betrieblichen Gründen, und so rückte Stalder nach. Haudenschild lächelt, als er davon spricht. «Die Gründer, diese Funghis – das war eine Männerfreundschaft, die man nicht plötzlich kreieren konnte. Die war da, aus gemeinsamen Zeiten an Landwirtschaftsschulen, aus dem Ausgang, aus der Landjugend. Die hat getragen. Und die war nicht nur strategisch. Die war menschlich. Das waren nicht einfach Funktionäre. Das waren Persönlichkeiten.» Und diese Freundschaft spielte sich nicht in Sitzungssälen ab, sondern in erster Linie im Gasthof Bären in Ersigen BE. Jeden Samstag. Ohne Ausnahme.

«Und dort entstand das, was man später die DNA von IP-Suisse nennen sollte.»

Ruedi Haudenschild über die Treffen im Bären, Ersigen BE.

Ruedi Haudenschild erzählt, als wäre er oft auch im Bären gesessen, obwohl er nur sporadisch auf Einladung auftauchte. «Dort sassen sie, diskutierten, entwarfen, verwarfen, setzten neu an. Dort wurde nicht nur organisiert – dort wurde verstanden, worum es ging. Und dort entstand das, was man später die DNA von IP-Suisse nennen sollte: Eigenständigkeit. Respekt vor dem Boden. Verantwortung. Und ein Handeln aus Möglichkeiten, um Grenzen zu überwinden.»

Der Bären ist Geschichte

Jetzt ist der Bären zu. Stiller geworden ist damit auch eine Art Betriebsmittelpunkt des Denkens. Es bleibt Erinnerung – aber eine lebendige. «Was dort besprochen wurde, hallt bis heute nach», sagt Ruedi Haudenschild. Und dann erzählt er von der Zeit, als es deutlich bergauf ging. Migros, Denner und später Coop hätten sich um den Käfer getan. IP-Suisse sei nicht stehengeblieben, sondern wuchs und professionalisierte sich. Und veränderte die Schweizer Landwirtschaft, wurde zu einem mitgestaltenden Akteur.

Dann erzählt der ehemalige Chefredaktor mit grossem Respekt vom menschenverbindenden Macher, dem Geschäftsführer Fritz Rothen, der vor drei Jahren von der Bühne abtrat und an Christophe Eggenschwiler übergab.

Ein weiteres Gründungsmitglied, Daniel Niklaus, trat letztes Jahr aus der Geschäftsstelle aus. Niklaus hatte massgeblich am Swiss-Black-Angus-Projekt gearbeitet – zusammen mit der ASF Sursee und Hanspeter Wolf. «Die haben das einfach gemacht», sagt Haudenschild. «Auch hier wieder: nicht kompliziert, nicht warten. Einfach durchziehen mit Überzeugung und viel persönlichem Engagement.»

Und nun geht Ruedi Weber. Er habe geprägt und die Möglichkeiten gesehen, wo andere Schranken sahen. Einer, der Landwirtschaft nie in der Opferrolle akzeptiert habe, wie seine Freunde, die Funghis (von Fungizid, gegen das sie sich vehement einsetzten) auch. «Lieber Täter als Opfer», sei das unausgesprochene gemeinsame Motto gewesen.

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Es bleibt noch Andreas Stalder

Andreas Stalder bleibt als letztes Gründungsmitglied im Vorstand. Als Päsident. Und was wie ein personeller Wechsel klinge, sei ein kultureller Einschnitt. Die Generation, die IP-Suisse getragen habe, ziehe sich nun Stück für Stück zurück. Dann gibt Haudenschild zu bedenken: «Heute wird zunehmend verwaltet, anstatt gestaltet.» Haudenschild sieht eben diese Gefahr auch bei IP-Suisse, eine der ersten und bisher erfolgreichsten Erzeugerorganisationen der Schweizer Landwirtschaft.

Es gibt Momente im Gespräch, in denen Haudenschild leiser wird, nicht sentimental, sondern ernst. Dann spricht er über Böden, Mistkäfer und Fruchtbarkeit, über Wärmestress und Thermotoleranz bei Pflanzen und Tieren, über Wiederkäuer und über Regenerative Landwirtschaft.

«Was mich am meisten aufregt, ist, wie der Wiederkäuer heute dargestellt wird. Als Problem. Dabei ist die Kuh eine Chance. Eine Lösung. Ihr Tritt auf der Weide arbeitet das organische Material (CO2) in den Boden. Sie bringt mit ihrem Mist Leben und Biodiversität hinein. Man muss das verstehen: Es gibt immer so viele Wiederkäuer, wie es Pflanzenwachstum gibt. Wo die pflanzenfressenden Wiederkäuer fehlen, kommen Brände und irgendwann kahle Landschaften und Halbwüsten.» Dann erzählt er von Böden, die festgefahren, verdichtet und «erstickt» sind. Von Maisparzellen, die nach einem Gewitter zu gelben Bächen werden. Und von Bodenlebewesen, die man nicht sieht und deshalb auch übersieht. «Jeder Betrieb hat neben Schwächen auch Stärken, mit denen er punkten kann. Und IP-Suisse ist die Organisation, die das aufnehmen kann», erklärt er. Aber dann kommt auch gleich wieder die Sorge um den stets grösser werdenden Verwaltungsapparat. Sein Ton ist klar – nicht nostalgisch. Nicht ratend, sondern auffordernd

IP-Suisse bewegt: «Es gibt immer eine Möglichkeit»

Ruedi Haudenschild hebt das Glas. «Weisst du», sagt er. «Die, die etwas machen, werden am Schluss immer von denen kritisiert, die nichts machen. Das war immer schon so. Aber wenn du etwas bewegst, dann zählt das. IP-Suisse hat viel bewegt.»

«Was bleibt?» frage ich nach einer kurzen Pause. «Der Boden. Die Nutztiere. Die Menschen. Und die Möglichkeit. Es gibt immer eine Möglichkeit», schliesst er.

Der Käfer, die Funghis und eine Freundschaft fürs Leben
Hans Luder (23. September 1939 bis 6. Mai 2021) war ein Meisterlandwirt aus Oberösch BE, der früh erkannte, dass Landwirtschaft nur im Miteinander funktioniert. Mit Beharrlichkeit und Gleichgesinnten, den sogenannten Funghis, wie Ruedi Weber half er, 1989 die Organisation IP‑Suisse aufzubauen – weg von starren Vorschriften, hin zu Eigenverantwortung, partnerschaftlichem Handeln und einer Landwirtschaft, die Beziehungen pflegt statt Systeme verwaltet.[IMG 5]

Luders Vision fand sogar Eingang in einen Film: Gemeinsam mit der Detailhändlerin Denner AG entstand eine Dokumentation über die Anfänge und Prinzipien von IP‑Suisse. Luder verstarb im Jahr 2021, doch seine Idee lebt weiter: Landwirtschaft als Beziehung – nicht als System.

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Die Sonnenblumendemo vor 35 Jahren und wie alles begann
1989 schlossen sich Schweizer Landwirte zusammen und gründeten IP-Suisse, die Organisation für integrierte Produktion. Das Ziel war, klare Richtlinien für Produktion und Vermarktung zu schaffen, die sich praktisch auf dem Hof umsetzen lassen und gleichzeitig wirtschaftlich Sinn machen. Das Label soll den Konsumenten zudem Orientierung geben und sichtbar machen, unter welchen Bedingungen Lebensmittel erzeugt werden. Es ging also nicht nur um ein neues Qualitätssiegel, sondern auch um Transparenz, Verantwortung und Vertrauen zwischen Produzenten und Gesellschaft.

Analogie zu heute
Die Gründung fiel in eine politisch und wirtschaftlich turbulente Zeit, die jener der Gegenwart in mancher Hinsicht gleicht. Ende der 1980er-Jahre standen die Schweizer Bauern unter Druck durch Überproduktion, fallende Preise und eine zunehmend kritische Öffentlichkeit. Umweltfragen, Pflanzenschutz und Tierwohl rückten stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft. Gleichzeitig war die Schweiz international in die GATT-Verhandlungen (General Agreement on Tariffs and Trade) eingebunden. Dabei ging es um die Liberalisierung des Agrarhandels sowie den Abbau von Exportsubventionen und Schutzmechanismen, was die Preise auf den Schweizer Märkten direkt beeinflusste. Die Bauern sahen sich gezwungen, sich auf gelockerte Handelsschranken und wachsende Konkurrenz vorzubereiten. Man ging davon aus, dass Freihandel langfristig allen Wohlstand bringen würde. Doch viele Landwirte fühlten sich in ihrer Existenz bedroht, da ihre Betriebe unter starkem Druck standen. Es kam zu Protesten und Demonstrationen – die Bauern wollten den Verantwortlichen in Bern zeigen, dass es so nicht weitergehen konnte.

Bundesrat Delamuraz im Lead
In dieser Phase spielte Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz eine zentrale Rolle. Als Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements war er direkt in die GATT-Verhandlungen involviert und versuchte, zwischen internationalen Verpflichtungen und den Interessen der heimischen Landwirtschaft zu vermitteln. Am 9. November 1990 – also vor genau 35 Jahren – kam es zur berühmten Sonnenblumen-Demonstration auf dem Bundesplatz, an der über 7000 Bauern teilnahmen. Organisiert wurde diese von IP-Suisse, um für eine zukunftsfähige, wettbewerbsfähige und zugleich umweltbewusste Landwirtschaft einzustehen. Die Ereignisse machten deutlich, wie eng politische Entscheidungen, internationale Abkommen und die Zukunft einzelner landwirtschaftlicher Betriebe miteinander verflochten sind.

Ziel: Einfach und machbar
Die Antwort der Bauern, zu denen auch Rüedu Weber gehörte, war die integrierte Produktion. IP-Suisse legt laut eigenen Angaben Wert auf eine alltagstaugliche Umsetzung auf dem Hof. Dazu gehören: der reduzierte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der gezielte Einsatz natürlicher Nützlinge, Bodenschonung, Biodiversitätsförderung und tiergerechte Haltung. Alle Produktionsschritte werden dokumentiert und kontrolliert. Produkte, die den Richtlinien entsprechen, tragen das Marienkäfer-Symbol, das den Konsumentinnen und Konsumenten signalisiert: «Dieses Produkt erfüllt die IPS-Standards.» Gleichzeitig soll der Mehraufwand für die Betriebe überschaubar bleiben und wirtschaftliche Perspektiven sichern.

Die Gründung von IP-Suisse lässt sich somit als Antwort auf mehrere Entwicklungen verstehen: wirtschaftlicher Druck durch Überproduktion, steigende Anforderungen aus der Gesellschaft, veränderte Rahmenbedingungen durch internationale Handelsabkommen und der Wille der Landwirte, eigene Lösungen zu gestalten. Sie zeigt, wie Produzenten in einem komplexen Umfeld Wege fanden, wirtschaftliche Interessen mit ökologischen Anforderungen zu verbinden – ein Thema, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

Eine Freundschaft mit Wirkung
Kommentar von Livio Janett
Wenn ich an Ruedi Weber und die Gründer von IP-Suisse denke, bin ich echt beeindruckt. Aus der Freundschaft und dem gemeinsamen Engagement dieser Menschen heraus entstand etwas, das der Schweizer Landwirtschaft Wert gegeben hat: klare, praxisnahe Richtlinien für Boden, Tiere und Umwelt, Mitbestimmung der Bauern und Vertrauen zwischen Produzenten und Bevölkerung. Dieses Wirken hat die Landwirtschaft nicht nur nachhaltig geprägt, es hat ihr offensichtlich auch eine Stimme gegeben, als viele andere nur von Vorschriften und Problemen sprachen. Gerade heute, in einer Zeit zunehmender Initiativen-Flut, zeigt sich, wie hoch dieser Wert ist. Hätte die Bevölkerung auch ohne IP-Suisse so klar und so lange hinter der Landwirtschaft gestanden? Ich bezweifle es. Ich lege beim Einkaufen ein Augenmerk auf das Käfer-Symbol und versichere meinen Freunden aus der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung stets, dass sie hier mit gutem Gewissen zugreifen können. So ein Gütesiegel, bei dem klar ist, wofür es steht, und welche umgreifende Tiefe ihm zugrunde liegt, ist immens wertvoll für die Konsumenten. Ich finde, IP-Suisse beweist, was möglich ist, wenn Menschen gemeinsam an Chancen arbeiten, statt an Grenzen zu verzweifeln. Diese Freundschaft hat Strukturen geschaffen, die bis heute wirken, und dafür empfinde ich wirklich Respekt.[IMG 7]