Am 21. Oktober wäre Hermann Müller-Thurgau 175 Jahre alt geworden. Ein Jubiläumsfest, das vor einer Woche im zürcherischen Wädenswil stattfand, würdigte das Schaffen des Pioniers, das weit über die Züchtung der gleichnamigen Rebsorte hinausgeht (siehe Kasten). «Hermann Müller-Thurgau ist ein visionärer Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und landwirtschaftlicher Praxis», sagte Guy Parmelin, der seine Gratulation via Würdigung überbrachte. Der Bundesrat, selbst Winzer, attestierte dem Werk von Müller-Thurgau einen hohen Stellenwert für die Forschung, der bis heute anhält.
Der Wädenswiler Agroforscher Lukas Bertschinger, der als Präsident des Vereins ErlebnisMüllerThurgau das Jubiläum mitorganisierte, wies zudem auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Müller-Thurgaus Schaffen hin: Beispielsweise betrage heute die Wertschöpfung der von ihm für einer verbesserte Trauben- und Obstweinherstellung initiierten Selektion und Nutzung von Reinzuchthefen, später dann auch eingesetzt in der Bierbrauerei, Backindustrie und Pharmazie, weltweit geschätzte 350 Mia. Franken - pro Jahr.
Das Erbe bleibt auch nach dem Agroscope-Wegzug
In diesem Sinn warf der Jubiläumsanlass nicht nur einen Blick zurück, sondern auch darauf, wie Müller-Thurgaus Wirken die Vielfalt der heutigen Forschung in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung prägt. So präsentierten sich in der Villa Rosenmatt verschiedene Institutionen der Region, die auf das Schaffen von Müller-Thurgau zurückgehen. Beispielsweise die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) mit ihren Studienlehrgängen im Bereich Lebensmitteltechnologie und -verarbeitung oder Agroscope zu aktuellen Forschungen mit der Rebsorte Müller-Thurgau. Oder das Weinbauzentrum Wädenswil mit dem Forschungsprojekt Vitiprotect, das Prognosen des Falschen Mehltaus mittels Künstlicher Intelligenz erprobt. In Wädenswil lebt das Erbe von Hermann Müller-Thurgau fort – auch nach dem geplanten Wegzug von Agroscope. So etwa mit der Müller-Thurgau-Stiftung, die 2019 gegründet wurde, um schweizweit praxisorientierte Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich der Spezialkulturen zu fördern. [IMG 2]
Anlässlich der Jubiläumsfeier wurde zudem der Professor-Hermann-Müller-Preis der Geisenheim Alumni Association verliehen. Der diesjährige Preisträger ist Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule Geisenheim University (D) und weltweit führender Forscher im Bereich Klimawandel und Weinbau. Der Preis würdigt seit den 1970er Jahren Persönlichkeiten, die sich in ausserordentlichem Mass für die Ausbildung und Forschung im hessischen Geisenheim verdient gemacht haben. Traditionellerweise findet die Verleihung in Deutschland statt. «Dass die Preisübergabe diesmal in Wädenswil stattfindet, bringt die Verbundenheit zwischen den beiden Forschungsstandorten zum Ausdruck», betonte Robert Lönarz, Präsident des Alumni-Verbands der Hochschule Geisenheim.
Weitere Veranstaltungen und Projekte zum 175-Jahre-Jubiläum
Dokumentarfilm gegen das Vergessen
Zum 175-Jahre-Jubiläum hat die Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau einen Film produziert: «Das Genie vom Bodensee – wie Hermann Müller-Thurgau die Welt veränderte» von Regisseur Markus Matzner. Die 50-minütige Dokumentation zeigt in mit Laien-Schauspielern besetzten Szenen die wichtigsten Stationen des Professors. Die Hauptrolle als Hermann Müller-Thurgau spielt David Szalatnay, Bereichsleiter Spezialkulturen am Strickhof. Als Zuschauer(in) erhält man zudem einen Eindruck der wissenschaftlichen Arbeitsweisen Anfang des 20. Jahrhunderts und schafft Bezug zur Gegenwart und Zukunft. Der Film soll dazu beitragen, dass Hermann Müller-Thurgau im kollektiven Gedächtnis erhalten bleibt. [IMG 3]
Die Person hinter der Rebsorte
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Hinter der Weissweinsorte Müller-Thurgau steht eine Persönlichkeit, deren Lebenswerk weit über den Rebbau hinausgeht: Hermann Müller-Thurgau gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Universalgelehrten. Geboren wurde der Bäckerssohn am 21. Oktober 1850 im thurgauischen Tägerwilen. Er besuchte das Lehrerseminar und erwarb anschliessend an der ETH Zürich das Fachlehrerdiplom in Naturwissenschaften. Nach weiteren Studien- und Wanderjahren war er von 1876 bis 1890 als Leiter der Pflanzenphysiologischen Versuchsstation in Geisenheim (D) tätig. In dieser Zeit kündigte Müller-Thurgau die später nach ihm benannte Rebsorte an. 1891 wurde er nach Wädenswil zum Direktor der neu gegründeten Deutsch-schweizerischen Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau (heute Agroscope) berufen, wo er unter anderem die Sorte Müller-Thurgau weiter selektionierte.
Noch in Geisenheim oder bereits in Wädenswil muss es zu einer Verwechslung gekommen sein: Bei der Müller-Thurgau-Rebsorte handelt es sich nicht wie ursprünglich angenommen um eine Kreuzung zwischen den Sorten Riesling und Sylvaner, sondern zwischen Riesling (Mutter) und Madeleine Royale (Vater). Der Nachweis dafür erbrachte in den 1990er-Jahren eine molekularbiologische Untersuchung. Die Rebsorte wird heute weltweit auf einer Fläche von etwa 19 500 Hektaren angebaut und ist weltweit die erfolgreichste Neuzüchtung für Weisswein überhaupt.
Nebst Rebenzüchter war Müller-Thurgau als Botaniker, Pflanzenphysiologe, Pflanzenpathologe, Mikrobiologe, Önologe sowie Lebensmitteltechniker tätig. Während seiner Forschungsjahre, insbesondere auch in Wädenswil, erbrachten er und seine Mitarbeitenden eine Reihe von Pionierleistungen. Einige Beispiele sind:
- Wissenschaftliche Sortenzüchtung und -prüfung (Rebe, Apfel, Birne)
- Aufbau einer wissenschaftlich abgestützten Ausbildung im Obst-, Wein- und Gartenbau
- Entdeckung des Rotbrenners bei der Rebe
- Entzifferung des Genoms des Feuerbrandbakteriums
- Alkoholfreie Herstellung von Obst- und Traubenweinen
- Nachhaltige Lagerung von Obst und Gemüse
Ein besonderes Anliegen des Professors war die praxisnahe Ausbildung im Obst-, Wein- und Gemüsebau sowie die Einheit von Lehre und Forschung. Darüber stand das Ziel, gesunde Lebensmittel in einer intakten Umwelt zu produzieren.