Nach und nach treffen am Sonntagnachmittag immer mehr Leute auf dem Radhof in Winterthur ein – Landwirte, Konsumenten und Politiker. Sie sind dem Facebook-Aufruf von Landwirt Mathias Werren vom Samstag gefolgt, trinken einen Kaffee und probieren von der feinen Gemüsesuppe. Im Hofladen liegen Unterschriftenbögen bereit für das Referendum gegen den Gestaltungsplan «Ara Kläranlage Hard». Dahinter steht die IG Interessengemeinschaft zum Schutz der Fruchtfolgeflächen in Winterthur (IG FFF).

Nichts gegen ARA Erweiterung, aber …

Lanciert hat das Referendum der 32-jährige SVP-Stadtparlamentarier Jan Ehrbar, der am anderen Ende der Stadt, in Eidberg, einen Betrieb bewirtschaftet. «Es ist auch für uns Winterthurer Landwirte unbestritten, dass die Abwasserreinigung modernisiert und erweitert werden muss», sagt Ehrbar. Aber für die Erweiterung der ARA wird eine schützenswerte Wiese (Bruniwiese) benötigt und eine Waldfläche von 28 759 m2 gerodet. Diese Fläche wird im angrenzenden Niederfeld aufgeforstet. Daneben soll eine Fromentalwiese als Ersatz für wegfallende Bereiche der Bruniwiese angepflanzt werden.

Statt Weizen, Kartoffeln entsteht Wald

Genau dort, auf diesen von der Stadt gepachteten Parzellen, wird aufgeforstet – dort, wo Stefan Märki Ackerbau betreibt und im vergangenen Jahr Zuckerrüben und Raps erntete. Zudem wird der Landschaftsraum Niederfeld mit Hecken, Bäumen und weiteren Buntbrachen ökologisch aufgewertet. Sodass nicht nur Märki betroffen ist, sondern auch sein Nachbar Landwirt Ernst Graf.

Kernpunkt der Kritik der IGG ist diese Aufforstung auf hochwertigen Fruchtfolgeflächen. «Sie gehören zu den besten Ackerflächen in der Region», sagt Ehrbar und weiter: «Klar muss aufgeforstet werden. Das ist im Waldgesetz festgelegt.» Aber Fruchtfolgeflächen stünden durch den Sachplan FFF des Bundes zur Sicherung der Ernährungsbasis auch unter Schutz. Die Initianten fordern denn auch zu Recht, dass diese Aufforstung nicht auf Fruchtfolgeflächen erfolgen dürfe.

Ohne echte Mitwirkung

Auch würden die ökologischen Aufwertungen massiv in die landwirtschaftliche Nutzung eingreifen. «Sie wurden ohne echte Mitwirkung der betroffenen Landwirte geplant. Wir fordern, dass ökologische Massnahmen nur gemeinsam mit den Landwirten geplant werden – und nicht gegen sie», bringt Ehrbar es auf den Punkt. Ohnehin sind die Landwirte, insbesondere Hansruedi Hofer vom Schweikhof, enttäuscht, dass auf ihre Einwände gegen das Projekt von Stadt und Kanton nicht eingegangen wurde. «Es hat in der Region genügend Hügel, um aufzuforsten. Dazu soll man nicht Ackerland benutzen», sagt Hofer. In der ARA werde neben dem Abwasser von Winterthur auch jenes vom Tösstal, von Brütten, Wiesendangen und Elsau gereinigt – also könnte man doch auch anteilsmässig die Aufforstung auf diese Gemeinden verteilen. Das sieht der Winterthurer Stadtrat anders und schreibt, dass eine Aufforstung an anderen Orten weder ökologisch sinnvoll noch mengenmässig realisierbar sei.

60 Tage Zeit, um Unterschriften zu sammeln

Als im Frühjahr 2025 die Winterthurer Bauern realisierten, dass sie mit ihren Argumenten gegen eine Wand laufen, gründeten Ernst Graf und Hansruedi Hofer quasi über Nacht die Interessengemeinschaft zum Schutz der Fruchtfolgeflächen auf dem Gemeindegebiet der Stadt Winterthur (IG FFF). Heute zählt die IG 300 Mitglieder. Alle Landwirtschaftsbetriebe in der Stadt Winterthur (laut Bundesamt für Statistik sind es deren 52) machen mit, ebenso private Besitzer von landwirtschaftlichen Grundstücken in Winterthur. Sie bewirtschaften rund 1500 ha, davon rund 670 offene Ackerfläche.

Die IG muss nun innert 60 Tagen 500 Unterschriften zusammenbringen, sodass das Winterthurer Stimmvolk über den Gestaltungsplan abstimmen kann. Kein Zweifel: Das wird der IG gelingen. Aber ob sie die Abstimmung auch gewinnen kann, steht auf einem anderen Blatt. Als einzige Partei unterstützt die SVP das Referendum, während die übrigen Parteien vorbehaltlos mit dem Stadtrat einverstanden sind.

Dann kommt noch der Stadtrandpark

Es wird nicht der einzige Hickhack der Bauern mit dem Stadtrat sein. In Planung ist ein «grüner Saum» als Naherholungs-, Natur- und Erlebnisraum rund um die Stadt Winterthur – genannt Stadtrandpark. Auch diesbezüglich droht ein Verlust von Fruchtfolgeflächen. Gut, haben sich die Winterthur Landwirte in der IG FFF organisiert.