Weihnachten und Neujahr sollen meistens eine Zeit der Stille und Besinnung sein. Meistens ist es aber doch hektisch. Das war auch der Fall bei Virginia Stoll. Sie übergab auf Ende Jahr nach zehnjährigem Wirken die Geschäftsführung des Schaffhauser Bauernverbands an Lara Winzeler. Langweilig wird es Virginia Stoll aber nicht, denn sie ist auch Gemeindepräsidentin von Wilchingen.
Was stand bei Ihnen zwischen Weihnachten und Neujahr an?
Virginia Stoll: Wie jedes Jahr wird in allen Amtsstuben der Schreibtisch aufgeräumt, was da und dort noch kurzfristig nach einer Besprechung ruft. Bei mir war es bis zum 22. Dezember sehr hektisch. Danach habe ich aber meinem Büro Weihnachtsferien verordnet.
Fängt jetzt erst, im 2026, die ruhige Phase an?
Nicht wirklich. Mein Amt als Gemeindepräsidentin von Wilchingen steht nun klar im Mittelpunkt. Es stehen einige Projekte und Überarbeitungen an. Wir legen in der anfangs Jahr stattfindenden Klausur den Zeitraster dafür fest.
Zehn Jahre haben Sie das Bauernsekretariat unter dem Präsidenten Christoph Graf geführt. Was bleibt Ihnen speziell in Erinnerung, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?
Bildlich erklärt sollen der Präsident und die Geschäftsführung die Leittiere des Verbandes sein und es muss zwischen diesen den Beiden funktionieren. Wo ich bei «Rot über die Kreuzung gefahren» wäre, hat Christoph Graf ab und zu die Handbremse gezogen. Wir haben unsere Ziele jedoch immer temperamentvoll-ausgeglichen erreicht. Ich habe die Zusammenarbeit mit ihm sehr geschätzt. Die Arbeit für unseren Berufsstand hat mir viel Freude bereitet.
Welche landwirtschaftliche Abstimmung haben Sie beziehungsweise den Schaffhauser Bauernverband besonders gefordert?
Die Trinkwasserinitiative und die Massentierhaltungsinitiative haben uns enorm gefordert. Die Kommunikation der Initianten war grenzwertig. Es wurde ein richtiges Kesseltreiben gegen unsere Bauernfamilien veranstaltet. Vielen Bauern sind die Diffamierungen gegen ihren Berufsstand sehr nahe gegangen. Es hat enorm viel Aufklärungsarbeit unseres Verbands gebraucht, denn die wenigsten wissen heute, was hinter der Lebensmittelproduktion steht.
Bevor Sie Bauernsekretärin geworden sind, haben Sie von 1995 bis 2015 die Regionalstelle der Agrisano betreut. Welches waren hier die grossen Meilensteine?
Exakt zur Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) 1996, wurde die regionale Agrisano-Geschäftsstelle am 1. November 1995 eröffnet. Ich durfte sozusagen den Grundstein für die bäuerliche Versicherungsberatung im Kanton Schaffhausen legen und den Aufbau starten. Die Versicherungsberatung stand klar im Vordergrund, aber oftmals war ich auch ein wenig «Seelsorgerin». Nach 20 Jahren konnte ich 2015 eine gut positionierte Geschäftsstelle übergeben. Bis heute hat die persönliche Beratung bei der Agrisano einen grossen Stellenwert.
Ist Ihnen eine Anekdote, ein Erlebnis aus der Zeit als Agrisano-Frau in Erinnerung geblieben?
Da gäbe es viele. Aber ein spezielles Erlebnis bei einer mittlerweile verstorbenen Bauernfamilie vergesse ich nie mehr. Für die Beratung sass ich mit den Bauersleuten am Küchentisch, mit Blick zur Brotschneidemaschine auf der Küchenkombination. Irgendwann bemerkte ich eine Maus die genüsslich die Brotbrösmeli frass. Fertig damit lief die Maus die Kombination hinunter und in Richtung Küchentisch. Seither bin ich nie mehr barfuss in Sandalen zu Beratungsterminen gegangen.
Wie erlebten Sie den stetigen Prämienanstieg?
Dazu gibt’s nur ein Wort: schrecklich. Die Einführung des KVG’s 1996 war eine gute Sache, ist aber weit über das Ziel hinausgeschossen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Durchschnittsprämie im Kanton Schaffhausen lag damals bei 140 Franken pro Monat für Landtarif, erweitertes Standardmodell mit einer Franchise von 300 Franken inklusive Unfallabdeckung. Heute sind wir bei 550 Franken pro Monat angelangt. Auch die immer wieder geforderte Einheitskasse wird nichts bringen, denn eine Kostensenkung im KVG kann nur über die Reduzierung des Leistungskatalogs und mit mehr Eigenverantwortung von uns allen, erreicht werden. Von den Bauern kann man hier viel lernen, denn zum Arzt geht man erst, wenn der Kopf unterm Arm getragen wird.
Wie stehen Sie – mit Blick auf die nächste Generation – zur Knüpfung der Vorsorge an die Direktzahlungen?
Diese Verknüpfung wäre in meiner Generation nötig gewesen. Heute sind die Betriebsleiter und ihre Partnerinnen bestens informiert und wissen sehr gut, welche Risiken zu versichern sind.
Sie haben immer mit markanten Worten auf die produzierende Landwirtschaft aufmerksam gemacht. Werden Sie sich weiterhin zu Wort melden?
Die Verbandsarbeit ist für mich abgeschlossen, jetzt sind andere am Zug. Wenn es nötig und angebracht ist, werde ich mich höchstens im Rahmen meines politischen Amtes zu Wort melden.
Was hat sich bei Ihnen auch privat verändert?
Wir übergeben den Betrieb auf den 1. Januar 2026 an unserer Tochter Tina. Sie wird ihr ausserbetriebliches Arbeitspensum am Landwirtschaftsamt Thurgau reduzieren und vermehrt auf dem Hof arbeiten. Wir bleiben vorerst auf dem Hof wohnen, damit die Rundumbetreuung der Tiere gewährleistet ist. Zudem wird mein Mann Walter weiterhin mit Rat und Tat im Einsatz sein.
Was ist die grösste Herausforderung bei einer Hofübergabe?
Wichtig ist, dass man die Planung der Hofübergabe frühzeitig anpackt und über alles offen und ehrlich spricht. Ganz wichtig ist auch der Einbezug der Geschwister, denn diese müssen mit der Betriebsübergabe einverstanden sein, damit es später nicht zu Unstimmigkeiten kommt.
Widmen Sie sich nun vermehrt auch einem Hobby?
2025 haben wir das Freilichttheater «Wilchinger Handel» aufgeführt. Das war nach 2005 das erste Mal wieder, wo wir diesen historischen Stoff auf die Bühne brachten. Ich schrieb das Drehbuch und war zudem mit Edith Schneider auch für Regie sowie Kostüme und Requisiten verantwortlich. Es war für die Gemeinde ein generationenübergreifendes Projekt und alle, die mitgemacht haben, waren begeistert. Wir hatten enormes Wetterglück, was uns zehn ausverkaufte Vorstellungen bescherte. Also wage ich mich ab 2026 an das nächste Generationenprojekt und nehme mir wieder einen historischen Stoff für ein neues Freilichtspiel an. Wird sich dann im Laufe des Jahres 2026 ein Zeitfenster aufmachen, setze ich mich in den Zug und mache spontan ein «Zugreisli» - natürlich mit Schweizer Destination.
