Über ein Jahr nach der Einsprachenflut gegen den geplanten Geflügelschlachthof der Micarna im Kanton Freiburg ist es still geworden – zumindest nach aussen. Auf Anfrage der BauernZeitung heisst es bei der Migros, das Baugesuch werde derzeit vom Kanton geprüft. Mit einer Bewilligung rechne man Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres.

Protest als Mittel zum Zweck für ideologische Anliegen

Ganz verschwunden ist der Widerstand allerdings nicht. Noch immer formiert sich gegen das Projekt Widerstand aus Umweltkreisen, zuletzt mit nächtlichen Protestaktionen. Die Migros selbst sieht die Lage gelassener. Man erfahre, wie es heisst, «grosse Unterstützung aus der Bevölkerung, von der lokalen Politik und der lokalen Wirtschaft». Nur wenige Personen und Organisationen nutzten das Projekt «für ihre ideologischen Anliegen». Diesen gehe es im Kern um eine «radikale Umgestaltung des heutigen Ernährungssystems». Der Protest gegen den Schlachthof sei für sie nur Mittel zum Zweck. Micarna wolle sich davon nicht beirren lassen – man kommuniziere transparent, führe den Dialog vor Ort weiter, und das konsequent.

Der Bau ist auf 400 Millionen Franken budgetiert

Das Projektvolumen liegt bei rund 400 Millionen Franken – eine Zahl, die in Zeiten steigender Baukosten fast trotzig wirkt. Doch die Migros bleibt dabei: Die Schätzung sei realistisch. «Wir bewegen uns in freien Märkten, in denen es Preisschwankungen gibt.» Dass das Projekt überhaupt scheitern könnte, schliesst die Migros aus. «Es erfüllt alle baulichen Vorgaben, ist nachhaltig und zukunftsfähig.»

Während auf dem Bauplatz noch Papier bewegt wird, beschäftigt die M-Industrie ein anderes Thema: Software. Nach der missglückten IT-Umstellung bei der Elsa Group, die im Sommer zu massiven Lieferproblemen führte, stellt sich die Frage, ob Ähnliches bei Micarna droht. Dort ist ebenfalls eine Systemumstellung geplant – allerdings, wie betont wird, mit Lehren aus dem Vorfall. «Aus den Erfahrungen bei Elsa konnten wir wertvolle Erkenntnisse gewinnen», erklärt die Kommunikationsabteilung. Bei Micarna werde die Umstellung etappenweise erfolgen, verschiedene Anpassungen würden nicht gleichzeitig umgesetzt. Die Schwierigkeiten bei Elsa seien «auf spezifische Faktoren» zurückzuführen – insbesondere auf den Ausfall des Hochregallagers.

Probleme beim Tilsiter spüren hauptsächlich die Bauern

Wie viele Tonnen Tilsiter seit den Problemen weniger verkauft wurden, bleibt offen. «Konkrete Verkaufszahlen können wir aus Konkurrenzgründen nicht bereitstellen», heisst es. Zudem wird betont, dass Marktentwicklungen und Sortimentsentscheide einen grösseren Einfluss auf die Mengenentwicklung gehabt hätten als die IT-Panne. «Trotz vereinzelter und vorübergehender Lücken im Angebot wurde nur unwesentlich weniger verkauft als üblich.»

In Ursy FR, wo die Lieferprobleme ihren Ursprung hatten, scheint sich die Lage stabilisiert zu haben. Die Käselieferung sei dank der getroffenen Massnahmen mittlerweile stabil, die Tests im Hochregallager seien erfolgreich verlaufen. Priorität habe nun ein nachhaltig stabiler Betrieb.

Matthew Robin verlässt die Elsa – wie weiter?

Auch personell steht die Elsa Group vor einem Wechsel. CEO Matthew Robin wird das Unternehmen 2026 verlassen, sobald eine Nachfolge gefunden ist. Die Suche laufe bereits. «Um Transparenz gegenüber Mitarbeitenden und Geschäftspartnern zu gewährleisten, wurde der Austritt frühzeitig kommuniziert», erklärt die Migros. Robin habe die Elsa Group in den vergangenen vierzehn Jahren stark geprägt und die traditionsreichen Unternehmen Elsa und Mifroma erfolgreich weiterentwickelt. Sein Abgang sei seit Langem geplant und stehe nicht im Zusammenhang mit den IT-Problemen. Die Organisation bleibe in der bestehenden Matrixstruktur, die eine enge Zusammenarbeit von zentralen und dezentralen Bereichen ermögliche.

Gerüchte über eine Häufung von Pannen weist die Migros entschieden zurück. «Es gab keine Häufung von Pannen bei der Migros Industrie.» Die Eigenindustrie sei und bleibe ein integraler Pfeiler der Migros-Gruppe. Deren Rolle werde nicht infrage gestellt – auch wenn man sich laufend weiterentwickle. Teil dieser Entwicklung könne der Verkauf einzelner Geschäftsfelder sein, wie die Übernahme der Favorit Geflügel AG durch Bigler zeige.

Schliesslich betont die Migros ihre Schlüsselrolle in der Wertschöpfungskette: «Die Migros Industrie ist die grösste Abnehmerin von Schweizer Landwirtschaftsprodukten. Wir sind uns der damit verbundenen Verantwortung bewusst und wollen ein verlässlicher Partner für die Landwirtschaft sein.»

Micarna trennt sich von der Favorit Geflügel AG

Micarna hat die Favorit Geflügel AG in Lyss BE an die Bigler AG Fleischwaren verkauft. Wie Bigler in einer Mitteilung auf der Webseite schreibt, bleiben der Standort und die rund 50 Mitarbeitenden erhalten. Die Übernahme basiere auf der langjährigen Partnerschaft zwischen Bigler und Micarna. Während Bigler sein Angebot für Metzgereien ausweite, konzentriere sich Micarna künftig auf ihr Kerngeschäft.