Die Ostschweizer Obstbautagung ist ein Branchen-Hotspot. Das unterstrich einmal mehr die grosse Teilnehmerschar vergangene Woche in Zihlschlacht. Neben Produzent(innen) aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau nahmen auch Abnehmer, Handelsvertreter und Verarbeiter teil. «Unsere Stärke ist dieses Netzwerk, verbunden mit Beratung und Forschung», sagte Ralph Gilg, Präsident des Thurgauer Obstverbands. Die Themenvielfalt der Referate sprach alle an.

Minime Hebel, um Kosten einzusparen

Ein gern gesehener Gast an der Obstbautagung ist Jimmy Mariéthoz, Geschäftsführer des Schweizer Obstverbands (SOV). Er ging in seinem Grusswort auf den steigenden Preisdruck ein und sagte: «Die anhaltende Tiefpreisstrategie seitens Detailhandels erschwert es uns zunehmend, kostendeckende Produzenten- und Handelspreise durchzusetzen.»

Wie hoch der Preis- und Kostendruck tatsächlich ist, zeigte Margareta Scheidiger von der Agridea anhand der Vollkosten bei Gala ÖLN auf. Rechnet man alle Produktionskosten mit ein, resultieren Stückkosten von Fr. 1.08/kg beziehungsweise Fr. 45 236.–/ha, während der Ertrag (Leistung) Fr. 43 134.– beträgt. Das ergibt ein Minus von Fr. 2102.–/ha. 

«Die Hebel, um Kosten einzusparen, sind minimal», sagte Scheidiger. Verzichte man beispielsweise auf Bewässerung, reduzierten sich die Stückkosten auf Fr. 1.02. Die Vollkosten seien zwar gedeckt, aber nur, sofern bei Erntemenge, Qualität und Kalibrierung keine Abstriche gemacht würden.

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Programme für die Vollkostenrechnung

Die Vollkosten rechnete Margareta Scheidiger von Agridea mit der Web-Applikation «Reseau-lution». Diese hat die Agridea als Nachfolger für die Programme «Beerenkost» und «Arbokost» entwickelt. Alle Standardrechnungen im Tool enthalten agronomischen Daten, die auf die Kultur und die Variante abgestimmt sind. 

Interessierte können die Reseau-lution 30 Tage lang kostenlos testen. Jeder Produzent kann die Agridea-Standardrechnungen nach seinen betrieblichen Gegebenheiten anpassen und seinen Stückpreis mit der Referenz vergleichen. Die Lizenzkosten für Landwirte belaufen sich auf Fr. 120.−/Jahr.

Urs Reut nutzt jede Stellschraube

Bei der Validierung der Vollkosten arbeitete in der SOV-Arbeitsgruppe Betriebswirtschaft Kernobst auch Obstproduzent Urs Reut aus Mauren mit. Reut führt seit 20 Jahren genau Buch und berechnet seine Produktionskosten nicht nur pro Sorte, sondern auch für jedes Sortenquartier und auf jeden Mitarbeitenden herunter gebrochen. 

Seine Daten vergleicht er mit Referenzwerten, die früher Agroscope und neu Agridea mit  zur Réseau-lution stellt. «Aufzeichnungen helfen Gewohnheiten zu durchbrechen und wirklich jede Stellschraube, auch die Kleinste, zu nutzen, um Kosten zu senken», sagte er. Das gelingt ihm. Seine Produktionskosten für Gala sind mit 79 Rp./kg (2024) deutlich tiefer als der Referenzwert.

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Hohe Arbeitskosten in der Erntezeit

Die meisten Kosten im Obstbau entstehen aufgrund der Arbeit. «Die schönste Arbeit im Jahr ist die Ernte, aber verursacht 46 % der Arbeitskosten. Die Handausdünnung schlägt mit 25 % zu Buche und der Winterschnitt mit 13 %», zählte Reut auf. Dazu kommen weitere Kostenbestandteile für Maschinen, Pflanzenschutz, Düngung, Pflege der Infrastruktur, Bodenbearbeitung, Verwaltung und Administration. 

Prioritär sei es, dass Obstproduzentinnen und -produzenten die Arbeit effizient organisieren und die Maschinen gut auslasten (immer zwei Personen auf der Hebebühne), sagte Urs Reut. Das Durchschnittsalter seiner Bäume beträgt 14 Jahre. «Aber sofern Sorte und Qualität in Ordnung sind, kann man auch ältere Bäume nutzen», sagte er und spart sich dabei Remontierungskosten.

Weg mit Jonagold

Auf die Remontierung kam auch Ralph Gilg der Vizepräsident des Thurgauer Obstverbands zu sprechen. Die Sortenstruktur sei in der Ostschweiz mit 71 % Jonagold-Bäumen etwas «Oldschool», meinte er. 

Das unterstrich Obstbauberater Roman Stüdli vom Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen und führte aus, wie eine marktgerechte Sortenstrategie für die Ostschweiz auszusehen habe:

  • Auslaufsorten seien Jonagold, Pinova, Idared, Fuji, Rubinette, Caudle sowie Glockenäpfel.
  • Bei Golden, Milwa (Diwa), Cox Orange, Topaz (nur für Bio), Gravensteiner und Summerred muss man Flächen reduzieren.
  • Flächen halten bei Gala, Braeburn (alte Bestände remontieren), Boskop (keine Neupflanzungen), Elstar und Ladina (nur für Bio).
  • Clubsorten und neue robuste Sorten nur nach Absprache mit den Markeninhabern und Abnehmern pflanzen.

Hoffnung setzt die Branche auf Qualität und Steigerung des Geschmackserlebnisses. Das versprechen auch neue Sorten, die aromatisch, knackig und crispy sind – wie zum Beispiel Bloss.

Wenn jeder einen Apfel mehr pro Jahr essen würde

«Der Pro-Kopf-Verzehr beträgt in der Schweiz 101 Äpfel pro Jahr», sagte Ralph Gilg. «Wenn jeder Schweizer einen Apfel pro Jahr mehr essen würde, könnten wir zusätzlich 1800 t absetzen.» Den Apfelkonsum zu steigern ist notwendig – vor allem in diesem Jahr, wo die Lager nach zwei guten Erntejahren voll sind.

Obst gibt Energie und erhöht das Konzentrationsvermögen

Argumente, um den Apfelkonsum zu steigern, lieferte das Referat der Ernährungsberaterin/ Ernährungsdiagnostikerin Eveline Güttinger. Sie ist auf einem Obstbaubetrieb im Kanton St. Gallen aufgewachsen und bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Obstbaubetrieb im Kanton Thurgau. 

«Ihr produziert nicht einfach nur Äpfel, Birnen, Zwetschgen oder Beeren, sondern ebenso Gesundheit und Wohlbefinden», rief sie den Obstbauern im Saal zu.

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Je höher der tägliche Obstverzehr sei, umso mehr Energie habe man. Das steigert die Leistung und das Konzentrationsvermögen. Zudem dämpft Obstverzehr Heisshunger und die Lust auf Süsses. Genügend Obst sorgt für Regeneration und die damit verbundene Körperfettreduktion.

Neue Vorschriften und Auflagen

Neben der Sortenstrategie sind die Fachstellen auch auf dem neuesten Stand was die Vorschriften betrifft. Andrea Marty und Marlies Nölly vom Arenenberg gaben einen Überblick. 

Marty machte auf den 28. Februar aufmerksam. Bis zu diesem Tag läuft die Anmeldefrist und Online-Selbstkontrolle für die Branchenlösung Nachhaltigkeit Früchte. Für Kernobst braucht es 50 Punkte und für Kirschen und Zwetschgen 35 Punkte.

Seit Anfang des Jahres gibt es eine neue Version SwissGap. Die Umsetzungsdokumente können Obstbauern zwar digital ausfüllen – danach müssen sie aber trotzdem ausdrucken.

Auch müssen Beschilderungen und Warnhinweise auf Basis der aktuellen Version neu erstellt werden (Ausnahme: feste Warnschilder von Agrosolution). Zudem gelte die Risikoanalyse Wasser neu für sämtliches Wasser (auch Pflanzenschutz). Mitarbeitende müssen über ihre Rechte informiert werden. Obstproduzenten müssen Beschwerden aufzuzeichnen.

Im März solle zudem vom Arenenberg ein neues Merkblatt über die Bewilligungspraxis und die Installation von Witterungsschutz vorliegen.

Umfrage für Notfallzulassungen

Marlies Nölly bat die Obstproduzenten, jeweils die Umfrage des Schweizer Obstverband über den Schädlingsbefall auszufüllen. «Die Branche ist mit Blick auf die Notfallzulassungen von Pflanzenschutzmitteln darauf angewiesen», sagte Nölly. 

Hintergrund sei ein Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts. Aufgrund einer Beschwerde von zwei Umweltorganisationen gegen wiederholte, befristete Notfallzulassungen, hatte das Bundesverwaltungsgericht festgehalten, dass diese grundsätzlich zulässig sind.

Das Gericht verlangte aber, dass künftige Gesuche umfassender begründet werden müssen. «Mit Daten aus dem Schädlingsmonitoring und der Umfrage will der Obstverband künftig die Gesuche für Notfallzulassungen gegenüber dem BLV ausführlicher begründen», sagte Nölly.

Aus dem Thurgauer Obstverband

Urs Haag als Vertreter der Berufsbildungskommission (BBK) ehrte erfolgreiche Absolventen, die die Ausbildung zum Obstfachmann abgeschlossen haben. Sandro Schmid aus Uttwil schloss 2025 die Ausbildung als Obstfachmann EFZ ab. Die neuen Thurgauer Obstbaumeister sind Dario-Luka Dickenmann aus Ellighausen, David Stacher aus Neukirch (Egnach), Tobias Stadler aus Hefenhofen und Christian Thurnheer aus Nussbaumen.

Die Fachkonferenz des Thurgauer Obstverbands findet am 11. Februar, 19.30 Uhr in Sulgen statt. Gastreferentin wird Sabrina Rigamonti vom Arenenberg sein. Sie trat die Nachfolge von Michael Mannale an.

Offiziell verabschiedete Gilg Jürg Fatzer, Patrick Stadler und Sonja Züst. Seit Anfang des Jahres ist Fatzer pensioniert. Sein Nachfolger ist Peter Hinder. Nach 20 Jahren als Betriebsleiter am Schul- und Versuchsbetrieb Güttingen und Lehrer am Arenenberg wechselte Patrick Stadler nun zur Tobi Seeobst AG. Obstbauberaterin Sonja Züst wird für Fenaco Agroline tätig sein.