«Es gibt zahlreiche Zwetschgenanlagen, die man hierzulande von der Altersstruktur und von der Sorte her remontieren sollte», sagt Ernst Lüthi und fährt fort: «Auf Signale, dass Schweizer Steinobst wie Zwetschgen am Markt gefragt ist, wartet man vergebens.» Es sei ein Geknorze mit den Abnehmern. Gleichwohl – Lüthi setzt auf neue Zwetschgensorten und importiert dafür Jungbäume aus Deutschland.

Seit 2015 sinkt die Anbaufläche von Zwetschgen schweizweit kontinuierlich, vor allem auch im Kanton Basel-Land, wo Ernst Lüthi in Ramlinsburg ansässig ist und mittlerweile sein Sohn David den Betrieb übernommen hat. Führend in der Zwetschgenproduktion sind die Kantone Waadt und Wallis. An dritter Stelle folgt aber schon der Kanton Basel-Land. 2025 wurden dort auf 42,72 ha Zwetschgen angebaut. Vor zehn Jahren betrug die Zwetschgenanbaufläche noch über 60 ha. 

In den 2000er Jahren ging es aufwärts

Dabei erinnert sich Ernst Lüthi an die 1990er Jahre. In Basel-Land wurden Zwetschgen nebenher zur Vieh- und Milchwirtschaft produziert. Was an Zwetschgen gedieh, seien vor allem stark Alternanz-gefährdete Haus- oder Bühlerzwetschgen gewesen. Die Wende kam in den 2000er Jahren, als Lüthi zusammen mit fünf Landwirten aus der Region eine Einkaufsgemeinschaft gründete, um Produktionsmittel günstig einzukaufen. Ernst Lüthi wurde beauftragt, Jungbäume zu organisieren. Im Inland wurde in den 1990er Jahren die Schweizer Sortenzüchtung für Zwetschgen aufgegeben. Im gleichen Zeitraum wurde aber das Importverbot von Fertigbäumen im GATT/WTO-Abkommen aufgehoben. 

Neue Sorten mit Potenzial

«Wir importierten keine Fellenberg Zwetschgen, die eignen sich aus klimatischen Gründen im Kanton Basel-Land nicht. Mit den Zwetschgensorten Cacaks Schöne, Hanita und Elena brachten wir aber Vielfalt, Professionalität und Qualität in die Region.» Die Züchter im Ausland hätten vorwärts gemacht und neue Sorten auf schwach-wüchsigen Unterlagen gezüchtet. Innert weniger Jahre wuchs die Anbaufläche in Basel-Land auf über 60 ha.[IMG 2]

Der Baselbieter gründete die Firma Lüthi Baum, wurde zum Quarantänebetrieb für Jungbäume und baute Kontakte zu den europäischen Züchtern in Deutschland, Österreich und Italien auf. Er glaubt an den Zwetschgenanbau. «Sortenzucht ist Innovation», sagt er. Jede neue Sorte sollte im Geschmack, Aroma, Fruchtfleischigkeit, Robustheit der Bäume und Lagerbarkeit Verbesserungen bringen. Voraussetzung dafür, dass der Anbau glückt, sei, dass die neue Sorte zum Klima, zum Boden und zum Produzenten passt. Jeder Baum müsse sortenspezifisch gepflegt werden.

Ernst Lüthi legt dieses Jahr mit seinem Sohn David, der mitzieht, eine neue Zwetschgenneuanlage mit 2000 Jungbäumen an. Dabei setzt er auf die Zwetschgensorte Resi vom Züchter Michael Neumüller aus Hallbergmoos/Deutschland und zählt die Vorteile von Resi auf. Sie reiften ab Mitte August zum Zeitpunkt, wo Zwetschgen am Markt gefragt seien. Weiter sei die Sorte ertragreich, wenig Alternanz-anfällg, vom Geschmack sehr gut und Scharka resistent. Zudem ist der Baum gut belaubt, sodass die Früchte vor Sonnenbrand und auch vor Hagel besser geschützt sind.

Zur Risikoabdeckung setzt er als zweite die Sorte 3414 ein. Eine ertragssichere und ebenfalls Scharka-resistente Sorte. Das Fruchtfleisch der mittelspäten Sorte ist knackig und süss. Die Zwetschgen reifen einheitlich ab und hängen relativ freistehend an den Ästen. Das macht zwar anfällig für Sonnenbrand, aber zum Pflücken ist es einfacher und oft in einem einzigen Pflückdurchgang möglich.

Für Nicht-EU-Länder gesperrt

Wer es Ernst Lüthi gleichtun und neue Sorten importieren will, stösst auf Hindernisse. Sowohl bei Michael Neumüller als auch bei anderen Züchtern in der EU heisst es für «Nicht-EU-Länder gesperrt». Die meisten Sorten haben kein Vermehrungsrecht in der Schweiz. Eine Neuzüchtung dauert bis zu 25 Jahre. Ist sie gefunden, wird sie für die offizielle Sortenzulassung in einem EU-Land angemeldet. «Das kann in irgendeinem EU-Land sein – bevorzugt in einem, wo die Zulassungskosten tief sind», erklärt Ernst Lüthi. Der Sortenschutz gilt dann für alle EU-Länder.

Hingegen müssen sich die Züchter für die Schweiz separat anmelden und das Zulassungsverfahren durchlaufen, um den Sortenschutz zu erhalten. «Das verursacht Kosten und bürokratischen Aufwand. Auch ist der Schweizer Markt zu klein, um anschliessend Rendite einzufahren», sagt Lüthi. So ist die Schweiz vom Zuchtfortschritt in der EU abgeschnitten. Eine Harmonisierung des Sortenschutzrechts mit der EU, wie es jetzt mit Pflanzenschutzmitteln umgesetzt werde, sei nicht in Sicht.

Lüthi Baum wird Lizenzpartner

«Also sind wir darauf angewiesen, die Züchter und Baumschulen in der EU anzugehen, um Lizenzen zu erwerben, sodass wir neue Sorten hierzulande anbauen können.» Ernst Lüthi ist dies geglückt. Lüthi Baum ist Lizenzpartner Schweiz von Michael Neumüller für die Sorte Resi und die Sorte 3414. Der Züchter stellte ihm die Unterlagen für das Prüfverfahren in der EU zur Verfügung, sodass Lüthi den Sortenschutz für die Schweiz beantragen kann. Die Anmeldung mit definitiver Sortenbezeichnung bezahlt Lüthi als Lizenzpartner des Züchters aus eigener Kasse. Auch wird eine jährliche Gebühr fällig. Beim Import bezahlt er die Zollgebühren von 70 Rappen pro Kilo wurzelnackter Bäume. «Je kräftiger ein Baum ist, desto höher ist der Zoll», sagt Lüthi.[IMG 3]

Mit seiner Familie hat er die Risiken und die finanzielle Tragbarkeit abgewogen und setzt auf die neuen Sorten Resi und 3414. Dabei nimmt er ein Fünfpack Resi-Jungbäume in die Hand, die er nächstens setzt. «Im zweiten Standjahr werden sie schon Früchte tragen. Pro Baum 2 kg – was denn auf die Hektare 2,5 t ausmacht», sagt Lüthi.

Stiefkind im Handel

Dass er aber mit den neuen Zwetschgensorten Mehrwert erwirtschaftet, muss der Handel mitziehen. Die Sortenstrategie wird jährlich anfangs Jahr vom nationalen Produktzentrum Steinobst des Schweizer Obstverbands bekannt gegeben. Neue Sorten sind darin nicht zu finden. «Wie auch, man wird getrieben vom Handel. Über Neuzüchtungen mit robusten Bäumen und aromatischen Früchten ist weder Handel noch Retail auf dem Laufenden», ärgert er sich. Die Äpfel werden mit Sortennamen verkauft, Zwetschgen nicht – ausgenommen Fellenberg.

Hinzu kommt die Warenbewirtschaftung. Wenn das inländische Angebot an Früchten die Nachfrage auf dem Frischmarkt nicht abdeckt, sind Importmengen zu tiefen Zollansätzen freigegeben. Ist die Vollversorgung im Inland sichergestellt, gilt die sogenannte effektiv bewirtschaftete Phase, um den inländischen Absatz sicherzustellen. Importiert werden kann dann aber gleichwohl, aber zu höheren Zöllen (Ausserkontingentszollansätze).

Zwetschgen im Frühbereich

Die effektiv bewirtschaftete Phase bei Zwetschgen dauert vom 1. Juli bis zum 30. September. «Da im Juli schon die Tafeltrauben an der Verkaufsfront überhandnehmen, werden die Zwetschgen auf den Herbst vertröstet», sagt Ernst Lüthi. Seitens des Detailhandels bekomme er zu hören, Zwetschgen würden zu den Herbstfrüchten zählen, die gehörten noch nicht ins Regal, sagt Ernst Lüthi. Und was passiert im Herbst? Im vergangenen Jahr sei die bewirtschaftete Phase schon am 1. September beendet worden, dies aufgrund der nicht mehr verfügbaren Erntemengen. Resultat sei gewesen, dass Zwetschgen von «minderwertigen» Sorten im grossen Stil zum vergünstigten Zolltarif importiert worden seien.

«Das versaut uns den Markt und nimmt vielen Steinobstproduzenten die Freude an der Produktion», sagt Ernst Lüthi. Er bezweifelt zudem die Richtigkeit der Ernteschätzung und weiter: «Wir Produzenten tragen das Risiko und investieren viel – es braucht aber auch Fairness in den Vermarktungsstrukturen.» Dabei spricht er die schwierige Vermarktungssituation vor allem im Frühbereich an. «Viele Produzenten sind frustriert – eben mit der Folge, dass mit der Remontierung alter Bestände abgewartet wird.»

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«Im späten Bereich gibt es Potenzial»

Im Schnitt der vergangenen drei Jahre hat die Tobi Seeobst AG in Egnach (TG) jährlich rund 1200 t Zwetschgen aus Schweizer Produktion übernommen. Die Ernteschwankungen von Jahr zu Jahr waren dabei relativ gross. Aber werden diese Zwetschgen auch attraktiv am Markt platziert und welche Chancen haben neue Zwetschgensorten am Markt? Die BauernZeitung fragte beim Geschäftsführer Benno Neff nach. [IMG 6]

Was unternimmt die Tobi Seeobst AG, um Zwetschgen attraktiv am Markt zu platzieren?

Benno Neff: Das Wichtigste für eine attraktive Präsentation von Zwetschgen am Markt ist selbstverständlich die Qualität und vor allem die Frische. Die Qualität, sowohl die innere wie die äussere, wird an die Erzeuger als Bedingung gestellt. Allfällige Positionen mit äusseren Qualitätsmängeln können wir mithilfe unserer Sortier-Infrastruktur korrigieren. Positionen mit inneren Qualitätsmängeln werden ausgeschieden und der technischen Verwertung zugeführt. Für die Frischerhaltung ist die möglichst rasche Kühlung das Allerwichtigste. Sofortige Abführung der geernteten Früchte aus den Kulturen in Kombination mit leistungsfähigen Kühlzellen garantieren dies. Kommt es saisonbedingt zu deutlich grösseren Erntemengen als der Markt gleichzeitig aufnehmen kann, stehen uns hochmoderne CA-Lagerräume zur Verfügung, um die Erntefrische über die Zeit erhalten zu können, bis der Markt wieder aufnahmefähig ist.

Sie vertreiben verschiedene Zwetschgensorten unter anderem auch eine neue Sorte «Baronesse» von einem deutschen Züchter. Was versprechen Sie sich von dieser Sorte?

Baronesse ist nicht nur eine optisch schöne, grossfallende und sehr gut haltbare Zwetschge, sondern sie hebt sich vor allem durch ihren hervorragenden Geschmack von allen anderen Sorten deutlich ab. Aus diesem Grund möchten wir Baronesse aus dem Standardsortiment ausklammern und im Premium-Segment positionieren. Nach einer ersten Testpflanzung im Frühling 2023 wurde im vergangenen Jahr ein erster kleiner Pflanzschub realisiert. Zurzeit stehen gut 5 ha Baronesse im Boden, davon rund 2 ha am Genfersee, eine knappe halbe ha im Baselbiet und die restlichen gut 2.5 ha in der Ostschweiz. Die ersten geernteten Früchte haben uns gezeigt, dass Baronesse in all diesen unterschiedlichen Klimaregionen hervorragend performt. Wir gehen möglichst rasch einen zweiten Pflanzschub an.

Planen Sie weitere neue Sorten zu übernehmen, dass man sie hierzulande anbauen kann?

Für den Schweizer Anbau sind wir konstant auf der Suche nach neuen Zwetschgensorten, die sich qualitativ und geschmacklich positiv vom Standard abheben. Vor allem im späten Ernte- respektive Vermarktungsbereich gibt es klar Potenzial.


«Bereits heute eine grosse Sortenvielfalt»

Die zur Fenaco gehörende Tochterfirma Inoverde handelt rund ein Drittel der Schweizer Zwetschgen, die im Gross- und Detailhandel vermarktet werden. Die Produktion fällt in den einzelnen Regionen jährlich sehr unterschiedlich aus. Der Marktanteil und die jährlichen Gesamtmengen sind deshalb volatiler als in anderen Obstkulturen. Im Jahr 2025 hat Inoverde fast 1000 Tonnen Zwetschgen von der Produktion übernommen. Importiert würden keine. Inoverde habe in den vergangenen Jahren ausschliesslich inländische Zwetschgen vermarktet.[IMG 7]

Was unternimmt die Fenaco, um Zwetschgen attraktiv am Markt zu platzieren?

Patrick Stefani: Inoverde macht sich zusammen mit Produzenten, Kunden und anderen Branchenakteuren für Schweizer Zwetschgen stark. In der Produktion fördern wir die Erzeugung von hochwertigen Früchten, die für die Geschäftspartner attraktiv und haltbar sind, sowie die Konsumentinnen und Konsumenten optisch und geschmacklich überzeugen. Eine hervorragende Qualität, insbesondere der Erntezeitpunkt, trägt wesentlich zur Verkaufsförderung bei. Wir unterstützen die Produktion bei der Sortenwahl und mit technischer Beratung. Zudem werden weitere Massnahmen zur Verkaufsförderung in Abstimmung mit unseren Kunden umgesetzt. In Form von Aktivitäten, Aktionen und Degustationen werden die Konsumentinnen und Konsumenten auf die Zwetschgen aufmerksam gemacht. Weitere Marketingmassnahmen werden durch den Schweizer Obstverband SOV koordiniert und durch entsprechende Abgaben auf Stufe Produktion und Handel finanziert.  

Wie steht die Fenaco zu neuen Sorten?

Inoverde führt eine Sortenliste, die in einem Gremium zusammen mit Produzentenvertretern, kantonalen Beratern und Agroscope erstellt wird. In diesem Gremium werden auch die Erfahrungen über neue Sorten ausgetauscht, die freiwillig bei unseren Produzenten getestet werden. Weiter engagieren wir uns in einem nationalen und einem regionalen Sortenprüfungsprojekt. Bei den Zwetschgen ist Inoverde auf der Suche nach neuen, qualitativ hochstehenden Sorten mit einem späten Reifezeitpunkt. Leider kommen im Gegensatz zu Kirschen oder Äpfeln nur sehr wenige neue Sorten auf den Markt, und nur ein kleiner Teil davon ist vielversprechend.

Planen Sie Jungbäume von neuen Sorten zu importieren und den Markenschutz zu beantragen?

Aktuell nein. Es besteht bei den Zwetschgen bereits heute eine grosse Sortenvielfalt und die Zahlungsbereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten sinkt tendenziell. Ausserdem sind Zwetschgen ein saisonales Produkt, das stark von der Frische lebt. Ein Markenschutz hätte zwar Vorteile, je nach Konzept könnte er jedoch die Warenströme verkomplizieren, was sich negativ auf die Frische auswirkt. Zudem besteht ein Risiko der Benachteiligung gewisser Produktionsgebiete.