Im Jahre 1985 konnten Regula und Niklaus Bolliger-Flury in Hessigkofen SO einen kleinen Bauernhof kaufen. Die junge Familie stellte den Hof mit rund 6 ha LN sofort auf biodynamische Landwirtschaft (Demeter) um. Die Milch (mit einem Kontingent von 30'000 kg) lieferten sie in die örtliche Käserei. Daneben pflanzten sie Gemüse für den Direktverkauf an. Seit 1986 verkaufen sie ihre Produkte auf dem Märit in Solothurn, bis 2010 auch in Ittigen BE. Niklaus Bolliger war während zwanzig Jahren Präsident der Marktfahrer auf dem Solothurner Wochenmarkt.
Der eigene Obstbau als weiteres Standbein
Obst als Ergänzung des Angebots ist für Marktfahrer wichtig; deshalb überlegte Niklaus Bolliger nicht lange, als ihm eine Intensiv-Obstanlage von 3.5 ha zur Pacht angeboten wurde. Er sagt dazu: «Eine solche Chance muss man einfach packen.» Da eine so grosse Anlage viel Arbeit gibt, entschlossen sich Bolligers, ihr Milchkontingent weiterzugeben. Die Arbeit auf dem Hof teilten sie auf: Regula Bolliger war für die Gemüseproduktion zuständig und Niklaus für den Obstanbau. Mit ihren Produkten gingen sie aber gemeinsam auf den Märit.
Als Niklaus Bolliger die Obstanlage auf biodynamischen Anbau umstellte, änderte sich der bisherige Kundenstamm; den meisten bisherigen Kunden wurden die Demeter-Äpfel zu teuer. Zum Glück nahm ihm die Biofarm-Genossenschaft einen grossen Teil seiner Äpfel ab.
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Die Sortenzucht als Lösung für die Anbauprobleme
In der bestehenden Anlage standen Sorten mit schwierigen Bedingungen für die biologische Bewirtschaftung. Eine Umstellung auf andere Apfelsorten war nicht einfach. «Es gab zu dieser Zeit zu wenig geeignete Sorten für den biologischen Erwerbsanbau», sagt der ETH-Agronom Niklaus Bolliger dazu, selbst neue und angepasste Sorten zu züchten. Am Anfang war die Sortenzucht nur ein arbeitsintensives Hobby von Bolliger. Als die Zuchtarbeit einen immer grösseren Umfang annahm, gründetet er im Jahr 2004 mit Gleichgesinnten den Verein «Poma Culta».
Dieser Verein hat den Zweck, die Forschung auf dem Gebiet des biodynamischen Obstbaus zu fördern. Und er steht der Apfelsortenzüchtung mit Schwerpunkt Fundraising (siehe KAsten unter diesem Abschnitt) zur Seite. So wurde es möglich, die Züchtungsarbeit zu professionalisieren und auszubauen. Poma Culta konnte im Jahr 2007 in unmittelbarer Nähe zum Biohof von Bolligers in Hessigkofen eine Landparzelle von rund drei Hektaren erwerben.
Was ist Fundraising? Fundraising bedeutet, auf verschiedene Weise Geld oder andere Unterstützung für einen guten Zweck, ein Projekt oder eine Organisation zu sammeln. Dabei erwarten die Geber nicht unmittelbar eine materielle Gegenleistung.
Heute steht auf dieser Parzelle die Züchtungsstation «Pomaretum». Die moderne Obstanlage, mit Hagelschutznetzen ausgerüstet, ist 1,5 ha gross; davon werden 50 % für die Zuchtarbeit und 50 % für die Apfelproduktion gebraucht. Daneben wurden hundert Hochstamm-Apfelbäume für die Mostproduktion neu gepflanzt. Rund 20 % der Gesamtparzelle sind ökologische Ausgleichsflächen mit Hecken und einem Teichbiotop.
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Trotz Hofübergabe: Bolliger züchtet weiter
Den Landwirtschaftsbetrieb Biohof Rigi führen mittlerweile Bolligers Tochter Leonie und ihr Mann Alexander Spänhauer. Niklaus Bolliger ist aber immer noch unermüdlich mit der Apfelzucht beschäftigt. Die Kreuzung von bekannten Sorten ist der erste Schritt; Äpfel sind Fremdbefruchter, darum müssen die Blüten der Muttersorte isoliert werden. Dann zupft Niklaus Bolliger die Blütenblätter aus und bringt mit einem Pinsel die Pollen der Vaterpflanze auf den Blütenstempel, den er dann noch mit Vaseline abdeckt. Die Samen der Kreuzung werden im nächsten Jahr ausgesät.
Um die Resistenz gegen Schorf zu testen, müssen die Sämlinge schon sehr früh mit Schorfsporen besprüht und so selektioniert werden. Von 6000 Samen bleiben dann etwa 3000 Bäumchen zur Auspflanzung und zur weiteren Selektion. Am Schluss bleiben nur etwa 200 Stück übrig. In diesen ersten zwei Jahren setzt Niklaus Bolliger gar keine Fungizide ein. Wenn die übrig gebliebenen Bäume zwei- bis dreijährig sind, schneidet er ihre Spitze ab und pfropft sie auf eine schwach wachsende Unterlage.
In der Stufe A erfolgt dann die weitere Vermehrung vegetativ, das heisst durch Okulieren und Pfropfen. Pro Sorte werden zehn Bäume als Kontrollgruppe gepflanzt. In dieser Phase schützt Niklaus Bolliger die Kulturen mit biologischen Pflanzenschutzmassnahmen. Die Qualitätsprüfung erfolgt über mehrere Jahre; erhoben werden die Anzahl Früchte, das Fruchtgewicht, der Zuckergehalt, die Druckfestigkeit, das Aroma, die Lagerfähigkeit und die Fruchtgesundheit.
Im Kühlraum liegen im Moment die Musterkisten mit Äpfeln von 150 Sorten, die nach der Ernte, nach zwei -, und nach drei Monaten sehr streng getestet werden. Durch das mehrjährige Verfahren können die Bäume und ihre Früchte auch in speziellen Konditionen beobachtet werden. Mit Glück bleibt am Schluss eine Sorte übrig.
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Der lange Weg zur Sortenanerkennung und Zulassung
Wenn der Apfelzüchter Bolliger eine Sorte bis zur Vermarktungsreife entwickelt hat, muss er sie registrieren lassen. Er macht das über das deutsche Unternehmen Artevos. Dafür muss die Sorte virusfrei sein und darf vorher noch nie in Verkehr gebracht worden sein. Die Anmeldung erfolgt für die ganze EU und kostet pro Sorte rund 20'000.- Franken. Wenn der Baum dann verkauft wird, erhält der Züchter einen Franken Lizenzertrag pro Baum.
Das Ziel ist es, mindestens hunderttausend Bäume zu verkaufen. Auch bei geschützten Sorten gilt das Landwirte-Privileg: Die Sorten sind für Bauern zum Eigenverbrauch frei verfügbar. So wie das Züchter-Privileg es jedem Züchter ermöglicht, jederzeit mit jeder Sorte zu züchten. Heute sind fünf Sorten von Poma Culta in der Schweiz frei verfügbar, darunter ein kleiner, feiner Rosenapfel mit guten Lagereigenschaften. Die Künstlerin Nina Dimitri ist die Gotte dieses Apfels und darum trägt er ihren Namen, «Nina Dimitri».
Züchtungskennzahlen von Poma Culta
- 80'000 ausgesäte Apfelkerne seit Beginn
- 6000 selektierte Bäume bis zum Fruchten
- 10 aktuelle Sortenkandidaten in Prüfung
- 1 pendente Sortenanmeldung in der EU
- 5 freie Apfelsorten in der Schweiz