Sie ticken nicht gleich, wenn es um Meinungen zur Schweizer Landwirtschaft geht, die beiden Volkswirtschaftsprofessoren Reiner Eichenberger von der Uni Freiburg und Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Moderiert vom Berner Agronomen und Agrarpolitik-Podcaster Andreas Wyss referierten die beiden zur Zukunft der Landwirtschaft am Zuger Bauerntag – organisiert wurde das Ganze vom Verein ehemaliger Landwirtschaftsschüler, dem LBBZ Schluechthof und dem Zuger Bauernverband.
Die Wertschöpfung verlagert sich
Mathias Binswanger wies darauf hin, dass sich eine Produktion von Schweizer Lebensmitteln rein marktwirtschaftlich betrachtet eigentlich nicht rechne. Nur bei wenigen Betrieben sei das Markteinkommen aus landwirtschaftlicher Tätigkeit positiv. Zum Glück gebe es aber Rahmenbedingungen wie Grenzschutz und Direktzahlungen, die die bäuerlichen Einkommen mit je rund 3 Mia Franken stützten. Dies, weil auch die Versorgungssicherheit als immer wichtiger anerkannt werde.
Negative Erfahrungen habe man aber beim Käse mit dem Freihandel mit der EU gemacht. Nicht nur mengenmässig, sondern auch beim Warenwert überwiegt inzwischen der Import gegenüber dem Export. Generell sei trotz gestiegener Arbeitsproduktivität die Wertschöpfung der Landwirtschaft in den letzten Jahren gesunken. Dies, weil die Produzentenpreise gesunken, die Einkaufspreise für Hilfsmittel und die Konsumentenpreise aber deutlich gestiegen sind. «Die Wertschöpfung verlagerte sich weg von der Landwirtschaft hin zum Handel.» Das gelte auch für Bioprodukte.
Die Marktmacht der Abnehmer sei das Problem, meinte Binswanger. Mehr Wertschöpfung sollten die Bauern durch mehr Zusammenschlüsse, Differenzierung des Angebotes und qualitatives statt quantitatives Wachstum holen, so der Vizepräsident des Vereins «Faire Märkte Schweiz». Reiner Eichenberger sieht die Chancen für die Schweizer Landwirtschaft in Zukunft durchaus als intakt. Der Beruf sei vielfältig und nicht durch KI gefährdet. Trotz Abnahme der Anzahl Betriebe gebe es kein Bauernsterben, Höfe seien gefragt, und das Land vergande nicht.
Unterschiede beim Einkommen
Die Klagen wegen tiefer Durchschnitts-Einkommen würden die grossen Unterschiede nicht berücksichtigen. «Die Einkommensverteilung ist dramatisch.» Offenbar gebe es schon noch unternehmerisches Potenzial. Die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung sei aufgrund der hohen Kaufkraft hoch, und der politische Einfluss der Landwirtschaft bleibe wohl auch künftig stark.
Bedauerlich sei, dass nicht mehr von den hohen volkswirtschaftlichen Kosten bei den Bauern bleibe. Das Problem sei die weitgehende Abschottung der Detailhändler vor internationaler Konkurrenz. Die grösste Herausforderung für die Bauern sei das Bevölkerungswachstum. Das bringe zwar eine grössere Nachfrage, aber auch mehr Druck auf den Boden. Entweder sinke der Selbstversorgungsgrad, oder es brauche eine noch höhere Intensität. Die Schweiz müsse sich die Frage stellen, ob man «eingepfercht» leben oder mehr einzonen wolle. Es brauche wohl bald mehr Bauland, meinte Eichenberger. Die Gewinne von Einzonungen könnten zur Finanzierung der Landwirtschaft verwendet werden.
Unterschiedliche Stundenlöhne
Mathias Binswanger präsentierte neueste Zahlen zu kalkulierten Stundenlöhnen für ausgewählte Betriebszweige in der Landwirtschaft, basierend auf Vollkostenrechnungen der Jahre 2016 bis 2023. Daraus resultierte bei Brotweizen intensiv ein Lohn von 22,8 Franken pro Stunde, bei Brotweizen extensiv 35,3 Fr., bei Futtergetreide rund 20 Fr., bei Körnermais waren es 48,4 Fr., bei Kartoffeln 28,4 Fr., bei Zuckerrüben rund 56 Fr. und bei Raps 73,7 Franken. Auch mit Kälbermast lagen noch 26 Franken drin. Sehr tiefe Stundenlöhne gab es aber für die Milchproduktion mit 8,3 Fr. und Mutterkuhhaltung mit 4,3 Franken. Schweinemast brachte 13,8 Franken, Schweinezucht hingegen 43,2 Fr.
Der kalkulierte faire Produzentenpreis für Milch müsste bei 117 Rp./kg liegen, im Zeitraum waren es 66 Rp. Für Brotweizen extensiv wurde ein fairer Produzentenpreis von 48 Rp. pro kg kalkuliert, gelöst wurden aber 53 Rp. Bei Raps lag der faire Preis bei 50 Rp., erzielt wurden am Markt aber 86 Rp./kg. Für Körnermais wurde als fairer Preis 33 Rp. kalkuliert, der Produzentenpreis lag bei 40 Rp. Bei Zuckerrüben lag der faire Preis bei 4 Rp./kg, der Produzentenpreis war aber 6 Rp./kg.