Abo Klimafitte Landwirtschaft Anbau von Proteinpflanzen in der Schweiz: Es braucht mutige und innovative Einsteiger Sunday, 16. November 2025 «Fluch oder Segen Pflanzenkohle», so lautete der Titel eines Beitrages in «Umwelt Aargau» vom September, wo über Risiken und Chancen berichtet wurde, und auch über Klimaschutz und -anpassung dank Pflanzenkohle. Das Thema bewegt in der Landwirtschaft, viele Bauern berichten über positive Erfahrungen, andere sind skeptisch. Auch in der Wissenschaft sind die Meinungen geteilt, wie an einer kürzlichen Fachtagung im Rahmen des Innerschweizer Projekts «klimafitte Landwirtschaft» am Zuger Schluechthof zum Ausdruck kam.

Kohle in die Böden bringen

Es brauche eine Kohlenstoff-Wende in der Landwirtschaft, mit einem geschlossenen Kreislauf, meinte Roman Hüppi von Charnet, dem Schweizer Fachverband für Pflanzenkohle. Mehr Humusaufbau trage zu mehr Gewässerschutz, Erosionsschutz, Wasserspeicherfähigkeit und Verdichtungsschutz in Böden bei. CO müsse entfernt werden, um die Klimaziele zu erreichen. Pflanzenkohle könne solches speichern und habe somit eine Klimawirkung. Pro t Pflanzenkohle könnten 2,5 t CO gebunden werden, diese Senkenleistung sollte die Landwirtschaft künftig bei ihren Produktabnehmern in Wert setzen und einfordern.

Das CO-Speicherpotential von Pflanzenkohle sei für den Kanton Luzern gering. Das wurde im Luzerner Abschlussbericht zur Prüfung alternativer Ansätze zur CO-Speicherung vom Juni 2025 festgestellt. Dennoch wird festgehalten, dass bei Verwendung auf landwirtschaftlichen Böden das theoretische Speicherpotenzial am grössten wäre. Allerdings rate der Bund von einer flächendeckenden Ausbringung ab.

Darauf ging am Schluechthof Gudrun Schwilch vom Bundesamt für Umwelt näher ein. Zwar habe Pflanzenkohle durchaus positive Auswirkungen auf Schweizer Böden, wie mehr Aufbau von organischer Substanz, höhere Wasserspeicherung und besseren Nährstoffhaushalt. Zur Bodenbiologie gebe es aber noch grosse Wissenslücken. 

So wird zwar von mehr Masse an Bodenlebewesen, aber negativer Beeinträchtigung von Regenwürmern berichtet. Schadstoffe könnten im Boden mehr angereichert werden, was wiederum mehr Pflanzenschutzmittel bedingen würde. Nicht nachgewiesen werden konnte bisher in der Schweiz eine Ertragssteigerung beim Einsatz von Pflanzenkohle. Von Mehrerträgen wird aber aus den Tropen berichtet. Das höchste Potenzial für Ertragszunahmen böten saure, humusarme oder sandige Böden. Bei den aktuellen Preisen für Pflanzenkohle seien allerdings die Mehrkosten nicht durch Mehrerträge zu decken, meinte Schwilch. «Der potenzielle Nutzen von Pflanzenkohle liegt nicht in Mehrerträgen, sondern im Schliessen von Kreisläufen und im Klimaschutz.»

Noch fehlen die eindeutigen Beweise 

Sie warnte im Übrigen vor qualitativ schlechter Pflanzenkohle durch unsaubere Pyrolyse. Das könnte zu einer Anreicherung von Schadstoffen in Böden und der ganzen Nahrungskette führen. Derzeit würden langfristige Untersuchungen unter Schweizer Bedingungen im Feldmassstab noch fehlen. «Solange schädliche Auswirkungen auf Bodenlebewesen nicht ausgeschlossen werden können, raten wir vom weitflächigen Einsatz von Pflanzenkohle auf Böden vorläufig ab.»

«Pflanzenkohle funktioniert auf vielen Betrieben.»

Fredy Abächerli berichtet von positiven Wirkungen, zum «Wieso?» fehle das Wissen noch.

Über den aktuellen Stand der Forschung orientierte Stefan Baumann vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FibL). Positive Wirkungen in der Tierhaltung seien zum Teil in Wiederholversuchen nicht bestätigt worden. Und ein Fütterungsversuch am Strickhof habe bei Milchkühen keinen messbaren Effekt auf die Methanemissionen, auf die Futterverdaulichkeit oder auch auf Milchleistung und Milchqualität gehabt. Auch Baumann meinte, dass sich bisher die vielen Erwartungen an die Pflanzenkohle bezüglich Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, Erträgen, Reduktion von Treibhausgasemissionen in Versuchen nicht gezeigt hätten. Pflanzenkohle könne aber durchaus zur Schliessung von Stoffkreisläufen, Geruchsreduktion und zu mehr Tierwohl beitragen.

Achtung: Nicht jede Kohle ist gut

Viel Praxiserfahrung mit Pflanzenkohle haben Fredy Abächerli und Adrian Würsch von Verora und Bionika aus dem Zuger Berggebiet. Sie betonten, dass nicht alles, was schwarz ist, eine gute Pflanzenkohle sei. Besonders für die Tierfütterung sei eine gründliche Zertifizierung mit dem EBC (European Biochar Certificate) die absolute Grundlage. Zu beachten sei auch, dass es verschiedene EBC-Kategorien gibt, und dass nicht alle für die Tiere oder als Bodenverbesserer geeignet sind. Trotz ähnlichen Laborwerten könnten die Eigenschaften je nach Rohmaterial und Herstellung unterschiedlich sein.

Abächerli plädierte für einen mehrstufigen Einsatz von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft. Als Einzelfuttermittel, zur Stall-Einstreu, Behandlung von Gülle und Mist, Zuschlagstoff in der Kompostierung, Pflanzenkohledünger und schliesslich als Bodenverbesserer für den Humusaufbau.

Er berichtete von vielen positiven Praxiserfahrungen, leider gebe es aber bisher nur wenige wissenschaftliche Studien. «Aber gleichwohl funktioniert Pflanzenkohle auf vielen Betrieben.» Wieso sei allerdings noch etwas unklar. Er wies auf zahlreiche Studien hin, wo durchaus positive Wirkungen von Pflanzenkohle beim Einsatz bei Tieren, in der Gülle und in den Böden festgestellt werden konnten. «Pflanzenkohle ist ein Werkzeug, die Nutzung zeigt noch Wissensbedarf», meinte Abächerli.

Carmen Hausheer, Projektleiterin «Klimafitte Landwirtschaft», bemerkte zur Fachtagung, dass in den Referaten schon etwas zum Ausdruck gekommen sei, dass beim Thema Pflanzenkohle die Wissenschaft der Praxis stark hinterherhinke.

Hofdünger aufbereiten

Fredy Abächerli von Verora erläuterte einige Natur-Regeln für die Hofdüngeraufbereitung. Fäulnis (bei wenig Sauerstoff) und Rotte (bei viel Sauerstoff) seien die grossen Gegenspieler. Bei Fäulnis stinkt die Gülle, verdichtet und vernässt die Böden, der Ammonium-N-Anteil ist hoch, es besteht die Gefahr von N-Verlusten, es findet keine Humusbildung statt, Wurzelwachstum und Regenwürmer werden gehemmt, es werden mehr Giftstoffe gebildet, Schädlings- und Pilzbefall nehmen zu.

Bei guter Rotte hingegen ist Gülle und Mist geruchsarm, bildet keine stinkenden Gase, N wird zu Bakterien-Eiweiss gebunden, es kann Humus aufgebaut und das Wurzelwachstum gefördert werden, es bilden sich Antibiotika und Hemmstoffe, welche Krankheiten hemmen und Nützlinge fördern. Abächerli plädierte deshalb dafür, die Hofdünger klimagerecht aufzuarbeiten. Kot und Harn sei zu trennen, Gülle frisch zu separieren, die Fermentation und die Kompostierung zu lenken. Pflanzenkohle könne als Zuschlagstoff mithelfen, pflanzen- und wurzelverträgliche und nährstoffeffiziente Hofdünger mit weniger Verlusten aufzubereiten.

Gleich zwei Klimapreise für Pirmin Adler aus Oberrüti
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Bereits seit Jahren setzt Bio-Landwirt Pirmin Adler aus Oberrüti AG auf regenerative Landwirtschaft und C-Anreicherung. Pflanzenkohle streut er im Laufhof, in die Liegeboxen und über den Miststock. Das verhindere Fäulnis, speichere Nährstoffe und reduziere Gerüche, wie er in einer Reportage in der BauernZeitung schon 2021 erklärte. In den letzten Jahren befasste er sich mit Agroforst und setzte zahlreiche Gehölze. Die Blätter würden auch von den Rindern gerne gefressen, hätten eine gute Futterqualität. Die Gehölze würden auch die Bodenfruchtbarkeit verbessern und seien gut für das Tierwohl und das Klima. Für seine Pionierarbeit erhielt er schon 2023 den Aargauer Agropreis und nun Ende November sowohl den Publikums- als auch den Fachjurypreis von «Prix Climat 2025» des Vereins «Netzwerk Klima und Landwirtschaft».