Notschlachtungen oder «ausserplanmässige Schlachtungen», wie es in der Branche auch heisst, wurden in den letzten Jahren vermehrt zum Thema. Aus verschiedenen Gründen. Einerseits nehmen die Anforderungen auf Stufe Landwirtschaftsbetrieb und Schlachthaus laufend zu, etwa bei den Themen Hygiene und Tierschutz. Anderseits entspricht ein Rund-um-die-Uhr-Service nicht mehr unbedingt dem heutigen Zeitgeist. Und Fachkräftemangel gibt es längst auch unter den Metzgern. Entsprechend nehmen die Angebote tendenziell ab – zum Nachteil für die Landwirtschaft.
Die Situation präsentiert sich «angespannt»
So haben etwa lokale Bauernvereine mit Unterstützung des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands vor einigen Jahren im Gebiet Luzerner Hinterland nach einer Lösung gesucht – und mit der Landmetzg von Hanspeter Wisler in Ettiswil LU auch gefunden. Diesen Frühling organisierte nun das Landwirtschaftsforum der Biosphäre Entlebuch einen gut besuchten Infoabend. Den Vorstandsmitgliedern war zu Ohren gekommen, dass ein grösserer Anbieter in der Region nach einem Besitzerwechsel offenbar das Notschlacht-Angebot einstellt.
«Die Situation ist seitdem angespannt», erklärt Benjamin Herzog, Präsident des Landwirtschaftsforums und selbst aktiver Bauer in Entlebuch LU. Viele stellen sich seitdem die Frage, wo man sich nun in Notfällen melden kann. Für leidenschaftliche Tierhalter eine Stresssituation. So würden – wohl oder übel – immer mehr Tiere eingeschläfert und über die Kadaverstelle entsorgt statt notgeschlachtet. «Paradox», findet Herzog. Einerseits sei Rindfleisch gesucht und Nachhaltigkeit erwünscht, anderseits sei man nicht mehr bereit, noch geniessbares Fleisch zu nutzen, wenn dies mit einem Mehraufwand verbunden ist.
Landwirte und Metzger im Austausch
Im Anschluss an die Infoveranstaltung sassen Vertreter des Forums mit den vier in der Region Entlebuch aktiven Metzgereien zusammen, berichtet Benjamin Herzog weiter. Die Lage bleibe schwierig, eine pfannenfertige Lösung gebe es noch nicht. Allerdings sei die Bereitschaft vorhanden, beispielsweise abwechslungsweise im Pikettdienst Notschlachtungen anzubieten. Dazu gehören aber nicht die Dienstleistungen Transport und Vermarktung des Fleisches.
Schwierig bleibt also wohl bei den Tieren, die notgeschlachtet werden müssen und nicht mehr transportfähig sind, also noch auf dem Landwirtschaftsbetrieb getötet werden. Hier laufen aktuell Gespräche mit dem regionalen Viehhandel und anderen Branchenvertretern. Das Ganze müsse schlank organisiert, schlussendlich selbsttragend und für den Landwirt in der Abrechnung transparent sein. Dazu gehört auch die Vermarktung des Fleisches. Wenn die Qualität stimmt, habe auch solches Fleisch seinen Preis, ist Herzog überzeugt.
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Im Luzerner Hinterland nahm Nachfrage ab
Neben den vier Metzgereien gäbe es auch noch einige Kundenmetzger in der Region Entlebuch. Für planmässige Schlachtungen sei das Angebot in der Tierhalter-Region Entlebuch nach wie vor gut, so Herzog. Viele Abnehmer sind Familienbetriebe, mit dem Fokus auf Spezialitäten und Nischen. Dorfmetzgereien hätten ähnliche Herausforderungen wie die Landwirtschaft, meint Herzog – von Fachkräftemangel über raumplanerische Aspekte mitten im Dorf bis hin zu einer hohen Arbeitsbelastung. Das ganze Umfeld wurde für die Schlachtbetriebe nicht einfacher. Die Gespräche laufen, Benjamin Herzog hofft auf Fortschritte über die Wintermonate.
Die Nachfrage scheint aber auch nicht in allen Regionen gleich zu sein. So sagt etwa der eingangs erwähnte Hanspeter Wisler, dass er laufend weniger Notschlachtungen habe. Gerade bei magerem Milchvieh stelle sich rasch die Frage, wie sinnvoll eine Schlachtung noch sei. Und meist seien die Tiere auch bereits behandelt und hätten Absetzfristen. So sei das Einschläfern eine gängige Lösung, das Abholen der Kadaver über die TMF in Luzern kostenlos.
Klare Verhältnisse im Kanton Schwyz
Gut ist die Situation für die Nutztierhalter(innen) im Kanton Schwyz. Notschlachtungen sind kantonal im Veterinärgesetz und in der Veterinärverordnung geregelt. Kanton und Gemeinde helfen hier bei Bau, Betrieb und Unterhalt der Notschlachtlokale mit.
Angebote gibt es in Einsiedeln für den Bezirk Einsiedeln und die Gemeinden Unteriberg, Oberiberg und Alpthal; in Schwyz für die übrigen Gemeinden des Bezirks Schwyz sowie die Bezirke Gersau und Küssnacht; in Schübelbach für den Bezirk March und im zürcherischen Samstagern für den Bezirk Höfe. «Die Notschlachtlokale decken somit alle Gemeinden des Kantons Schwyz ab», erklärt Franz Philipp von der Bauernvereinigung Kanton Schwyz.
Auch im Aargau sorgt man sich
«Krank- oder Notschlachtungen bedingen eine grosse Flexibilität von den Schlachthäusern», weiss Sarah Waldvogel vom Bauernverband Aargau (BVA). Das sei gerade bei grossen Betrieben mit standardisierten Programmen und Abläufen kaum möglich. Waldvogel befasst sich ebenfalls schon länger mit der Thematik. In den letzten Monaten hat der BVA eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: Das Angebot für die Tierhalter wurde tendenziell schlechter und geht weiter zurück.
Ein Strategiewechsel des Kantons sorgt für zusätzliche Herausforderungen. Neu würden Lebendviehschauen nicht mehr nach Stückzahl, sondern nach Aufwand in Stunden abgerechnet. Damit werden die Tiere zwecks Rationalität gleichzeitig angeliefert, und die Tiere werden in Warteräumen gehalten, bis die Lebendviehschau und dann die Schlachtung durchgeführt wird. «Die Tiere warten in ungewohnter Umgebung, dies führt häufig zu Lärmemissionen», weiss Waldvogel. Lärm, der heute von der Nachbarschaft nicht mehr goutiert würde.
Der BVA ist aktuell in Gesprächen mit dem Aargauer Metzgermeisterverband. Er stellt bei Interesse auch personelle Ressourcen bei Neu- oder Erweiterungsbauten von Schlachthäusern auf Aargauer Boden zur Verfügung. Auch genossenschaftliche Ideen, wie etwa in Obwalden mit dem «Fleischhuis», sind für den BVA ein gangbarer Weg, um ausserplanmässige Schlachtungen auch künftig sicherzustellen.
Proviande macht Angebote sichtbar
Das Thema wird auch auf nationaler Ebene verfolgt. So wurde Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, Anfang Sommer aktiv mit einer neuen Plattform für «ausserplanmässige Schlachtungen». Unter proviande.ch sind Dienstleister, sortiert nach Kanton und Angebot, gelistet, die notfallmässige Schlachtungen ermöglichen. Angezeigt wird auch, ob etwa ein Transport kranker oder verletzter Tiere angeboten wird und ob Personal für das Betäuben und Entbluten auf dem Hof vorhanden ist oder die Abnahme des genusstauglichen Schlachtkörpers möglich ist.
Mit der Plattform solle Tierleid vermindert und der Verlust genusstauglicher Lebensmittel vermieden werden, schreibt Proviande. In der Schweiz sei es schwieriger geworden, geeignete Partner für ausserplanmässige Schlachtungen zu finden. Dazu gehören die beiden Themenfelder Schlachthaus und Transport. Verletzte Tiere tierschutzgerecht zum Schlachthof zu bringen, ist wegen fehlender Infrastruktur und Respekt vor gesetzlichen Vorgaben unbeliebt. Das führe dazu, dass auch Tiere eingeschläfert und entsorgt werden, deren Fleisch einwandfrei verwertbar wäre. Aus Respekt vor dem Nutztier und im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs mit Lebensmitteln gelte es, dies zu verhindern.