Es wird Winter. Wenn die Temperaturen sinken und Kälte das Stallklima bestimmt, macht sich ein bekanntes Phänomen breit: Viren finden bei Kälbern ideale Bedingungen, um Atemwegsinfektionen auszulösen. Bevor es allerdings zu einer gefährlichen Lungenentzündung kommt, handelt es sich meist nur um eine harmlose Erkältung – eine, die bei genauer Beobachtung durchaus ohne Antibiotika abheilen könnte.
Immer noch viel Antibiotika bei Rindern
Doch laut dem aktuellen Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sieht die Realität anders aus: Gerade bei Rindern fliesst noch immer eine hohe Menge an Antibiotika, darunter auch kritische Wirkstoffe. In den Verschreibungsstatistiken zeigt sich, dass insbesondere Milchkühe, Aufzuchtrinder und Masttiere auffallen. Die grösste absolute Wirkstoffmenge sowie die höchste Anzahl Tierbehandlungen pro 1000 Tiere wird dort verzeichnet. Ein klarer Hinweis darauf, dass Antibiotika in der Rinderhaltung nach wie vor stark im Einsatz sind – trotz der nationalen Strategie zur Reduktion.
In diesem Spannungsfeld haben wir mit Nicole Studer gesprochen, Tierärztin und Homöopathin bei Kometian, um herauszufinden, wie man bei Kälbern auf sanfte, aber wirkungsvolle Weise gegen Atemwegsbeschwerden vorgehen kann.
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Was tun, wenn das Kalb schnupft – statt sofort Antibiotika?
Nicole Studer betont, dass der erste Schritt niemals die Spritze, sondern eine sorgfältige Einschätzung sein sollte. «Wenn ein Kalb eine Schnuddernase hat, leicht hustet nach dem Tränken oder man ein Rasseln hört», fragt sie zunächst: Wie verhält sich das Tier wirklich? Hat es noch Appetit, ist es aktiv, trinkt es – oder wirkt es eher matt? Auch das Alter und die Frage, ob nur ein einzelnes Kalb betroffen ist oder mehrere, sind in ihrer Entscheidungsfindung zentral.
Ein besonderes Augenmerk legt sie auf mögliche Auslöser: Wetterumschwünge, Zugluft im Stall oder Stress können eine einfache Erklärung liefern. «Als Tierärztin und Homöopathin bin ich auf alle diese Angaben angewiesen, um entscheiden zu können, welche Therapie oder Kombination nötig ist», erklärt Studer. Wichtig: Nicht jeder Atemwegsfall eignet sich für eine reine Homöopathie – die Erfahrung in der Auswahl zählt.
Welche homöopathischen Mittel wählt man – und warum?
Studer erklärt, dass sie am liebsten Mittel verwendet, die stark mit einer Ursache verknüpft sind:
- Rhus toxicodendron: Typisch bei warmen Tagen und kühlen Nächten. Die Tiere schwitzen tagsüber, erkälten sich dann, haben einen eher milden Husten, gelegentlich leichtes Fieber, aber insgesamt ein gutes Allgemeinbefinden.
- Dulcamara: Wenn durch Regen, Nebel oder Feuchtigkeit durchnässte Tiere betroffen sind.
- Pulsatilla: Besonders bei feuchtem Wetter, mit rahmig-gelblichem Nasenausfluss. Bei Dulcamara hingegen ist der Ausfluss eher wässrig, bei Rhus toxicodendron eher schleimig.
- Aconitum: Wirkt, wenn ein starker Kälteeinbruch das Kalb krank gemacht hat.
- Mercurius oder Calcium phosphoricum: Eingesetzt bei Problemen in der Schneeschmelze oder feucht-kalten Stallverhältnissen.
Homöopathie funktioniert aber nicht nur in der Behandlung, sondern auch in der Verbeugung. Nicole Studer setzt vorbeugend, im Zusammenhang mit Erkältungskrankheiten, gerne Echinacea, Propolis oder Nosoden ein, um die Abwehrkräfte der Kälber zu stärken.
Wann ist der richtige Moment zum Eingreifen?
Ein einmaliger milder Husten ist laut Nicole Studer nicht dramatisch, solange das Kalb sonst fit wirkt. Aber: Hält der Husten mehrere Tage (sie nennt drei Tage als Richtwert), taucht er bei mehreren Tieren gleichzeitig auf oder treten Fieber sowie Appetit‑ bzw. Trinkmangel auf, dann ist Wachsamkeit geboten – und es sollte gehandelt werden.
So verabreicht Nicole Studer ihre Mittel
In ihrer Praxis setzt sie meist auf aufgelöste Globuli in C30-Potenz. Für Einzelkälber oder kleine Gruppen (2 bis 5 Tiere) nimmt sie 10 bis 12 Globuli, löst diese in 1 bis 2 dl Wasser, gibt 5 ml Spiritus dazu und füllt die Lösung in eine Sprayflasche. (Der Spiritus macht das Gemisch länger haltbar). Je nach Schwere der Symptome sprüht sie dann 1- bis 5-Mal täglich das Mittel aufs Flotzmaul des Kalbes. Vor jeder Anwendung wird gut geschüttelt. Wenn eine Besserung eintritt, reduziert sie die Häufigkeit der Gaben. In den allermeisten Fällen kann nach rund fünf Tagen abgesetzt werden.
Wenn es richtig ernst wird: Fieber, Atemnot, Lungenentzündung
Wenn zusätzlich zum Husten Fieber auftritt, das Kalb kaum mehr trinkt oder deutlich erschwert atmet, dann alarmiert die Tierärztin: «In solchen Fällen sind Intensiv‑Beobachtung und Unterstützung gefragt.» Sie nennt homöopathische Mittel, die sie in solchen Situationen einsetzt:
- Antimonium tartaricum: Bei starker Verschleimung, Atemproblemen oder charchelndem Trinken.
- Bryonia: Bei sehr trockenem Husten, Bewegungsunlust und oberflächlicher Atmung.
- Carbo vegetabilis: Wenn die Körperoberfläche trotz Fieber kühl bleibt – das Mittel kann entgiften und die Sauerstoffverteilung verbessern.
- Mercurius oder Arsenicum: Bei tieferen Infektionen wie einer Lungenentzündung.
Doch ganz wichtig: «Diese Kälber sind Intensiv‑Patienten», sagt Nicole Studer. Sie benötigen laut der Tierärztin eine engmaschige Kontrolle, häufige Mittelgaben und meist ein zusätzliches Tränkeangebot, weil sie nur kleine Mengen trinken können. «In solchen Fällen reicht eine homöopathische Behandlung allein oft nicht aus», sagt sie. Sie rät, hier dringend eine erfahrene homöopathische Fachperson hinzuzuziehen. Zudem sollte ein Tierarzt eingeschaltet werden, der bei Bedarf Antibiotika, Entzündungshemmer oder andere Arzneien verabreichen kann.
Was ist Kometian?
Kometian ist ein seit 2015 bestehender Verein, der Beratungen zur komplementärmedizinischen Tierbehandlung anbietet. Landwirte können bei Erkrankungen ihrer Nutztiere fachliche Unterstützung anfordern, insbesondere im Bereich Homöopathie und verwandter Methoden. Die Beratung wird durch ein Team aus Tierärzten und Therapeutinnen durchgeführt. Nicole Studer ist Tierärztin und Leiterin des Beratungsteams von Kometian.
Anmeldung und Zugang: Der Zugang erfolgt über eine Registrierung auf der Website des Vereins. Nach der Anmeldung können Betriebe telefonisch oder digital Beratungen einholen.
Drei wichtige Praxistipps für Landwirtinnen und Landwirte
1. Genau beobachten vor dem Handeln:
Das Gesamtbild der Tiere sollte genau beurteilt werden: Appetit, Trinkverhalten, Allgemeinbefinden, Stallbedingungen und mögliche Auslöser wie Wetterumschwünge oder Stresssituationen.
2. Homöopathie gezielt einsetzen:
Homöopathische Mittel sollten passend zur vermuteten Ursache ausgewählt und regelmässig in aufgelöster Form verabreicht werden, zum Beispiel Rhus toxicodendron bei Temperaturschwankungen oder Dulcamara bei Feuchtigkeit.
3. Bei schweren Symptomen fachliche Unterstützung einholen:
Bei Fieber, Atemnot oder Unlust beim Trinken ist eine enge Begleitung durch erfahrene homöopathische Fachpersonen und Tierärzte empfehlenswert, um eine verantwortungsvolle kombinierte Behandlung sicherzustellen.

