Kälberdurchfall bleibt ein Dauerthema auf den Höfen. Laut dem Online-Portal «Milchpraxis» ist Durchfall mit 28 Prozent die häufigste Todesursache bei Kälbern in den ersten vier Lebenswochen. Neben Elektrolyttränken und strikter Hygiene greifen Praktiker zunehmend auf bewährte Pflanzenmittel zurück. Drei davon haben sich in der Praxis etabliert: Torf, Eichenrinde und Blutwurz.
Torf: zur freien Verfügung anbieten
Die einfachste Massnahme empfiehlt der Strickhof: Torf oder Pflanzenkohle zur ständigen freien Entnahme anbieten. Die Begründung klingt simpel, ist aber praxiserprobt: «Kälber haben einen guten Instinkt, was sie brauchen, solange sie noch selbst fähig sind, Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen.» Die bindende Wirkung des Torfs kann bei leichtem, fütterungsbedingtem Durchfall helfen. Doch auch hier gilt: Zeigt sich nach zwei Tagen Standardbehandlung keine sichtbare Besserung, ist der Tierarzt gefragt.
Eichenrinde: die klassische Gerbstofftherapie
Wer Eichenrinde einsetzt, muss sich etwas Zeit nehmen. Die Plattform «terrABC» beschreibt die bewährte Zubereitung: Vier Gramm getrocknete und klein geschnittene Eichenrinde werden mit einer Tasse kaltem Wasser übergossen, eine Viertelstunde ziehen gelassen und danach 15 bis 30 Minuten gekocht. Den abgeseihten Sud vermischt man morgens und abends mit Elektrolyten und verabreicht ihn dem Kalb. Wichtig dabei: Die Anwendung sollte nicht länger als drei bis vier Tage dauern.
Die Fachpublikation «landwirt-media.com» hat die optimalen Mengen ermittelt: Für ein junges Kalb mit Frühdurchfall ohne Fieber bietet man dreimal täglich je zwei Liter Eichenrinden-Abkochung mit Elektrolyten an. Ältere Kälber vertragen drei Liter oder mehr pro Mahlzeit. Wem das Kochen zu aufwendig ist, der kann auf Eichenrindenpulver aus der Apotheke zurückgreifen.
Die Gisga AG empfiehlt 30 Gramm (drei Esslöffel) direkt unters Futter gemischt.
Die Wirkung beruht auf dem hohen Gerbstoffgehalt. «Landwirt-media.com» erklärt den Mechanismus: «Aufgrund der Eiweiss-fällenden Wirkung sind Gerbstoffe in der Lage, Viren und Bakterien abzutöten. Auch die abdichtende und entzündungshemmende Wirkung auf Schleimhäute macht sie geeignet für die Durchfalltherapie.» Die Gerbstoffe wirken zusammenziehend auf die Darmschleimhaut und dichten sie regelrecht ab.
Blutwurz: das flüssige Gerbstoffkonzentrat
Blutwurz oder Tormentill erlebt gerade eine Renaissance. 2024 wurde die alte Heilpflanze zur Arzneipflanze des Jahres gekürt. «PhytoDoc» bezeichnet sie als «Nummer Eins der Gerbstoffdrogen unter unseren heimischen Heilpflanzen». Der grosse Vorteil: Blutwurz-Präparate sind als Tinktur in Drogerien und Apotheken erhältlich. Die flüssige Form lässt sich einfach dosieren und direkt mit Elektrolyttränken kombinieren.
Wer die Tinktur selbst ansetzen möchte, findet bei «landwirt-media.com» die Anleitung: Einen halben Teelöffel Blutwurz pro Tasse etwa fünf Minuten kochen, abkühlen lassen und wie Eichenrinde mit Elektrolyten mischen. Die Apotheken Umschau beschreibt, was dabei im Darm passiert: Die Gerbstoffe verändern die Struktur von Eiweissen, wodurch sich die oberen Schleimhautschichten verfestigen. «Kleine Wunden werden abgedichtet. Ausserdem können Bakterien schlechter in die Schleimhaut eindringen.»
Besonders interessant: Laut der «Akademie für Tiernaturheilkunde» werden die Tannine von Eiche und Kastanie immer interessanter, weil sie sogar gegen multiresistente Keime wirksam sein können.
Abwechslung verstärkt die Wirkung
Die Fachpublikation Rosenfluh empfiehlt in ihrer phytotherapeutischen Fachliteratur, verschiedene Pflanzenmittel abzuwechseln: «Günstig ist die abwechselnde Gabe von Gerbstoffzubereitungen und blähungswidrigen und entzündungshemmenden Teezubereitungen, also morgens Eichenrinden- oder Schwarztee-Dekokt, mittags Kamillentee.» So profitieren die Kälber sowohl von der abdichtenden Wirkung der Gerbstoffe als auch von den krampflösenden ätherischen Ölen in Kamillen- oder Kümmeltee.
Wo die Grenzen liegen
So wertvoll diese Naturheilmittel sind – sie funktionieren nur bei leichtem, fütterungsbedingtem Durchfall. Der Strickhof stellt klar: Infektiöser Durchfall durch Rotaviren, Coronaviren, E.coli oder Kryptosporidien braucht oft schulmedizinische Behandlung. Spätestens wenn Fieber auftritt, das Kalb nicht mehr trinkt, sich nach 48 Stunden keine Besserung zeigt oder Durchfall gehäuft im Bestand auftritt, ist der Tierarzt unverzichtbar. Auch Blut im Kot ist ein klares Warnsignal.
Alle sind sich einig: Vorbeugen ist besser
Alle Fachquellen betonen unisono: Die beste Durchfallbekämpfung ist Vorbeugung. Das beginnt mit optimaler Kolostrumgabe in den ersten vier Lebensstunden, setzt sich fort mit sauberen, trockenen Ställen und UV-Desinfektion und funktioniert am besten mit Ad-libitum-Tränke oder dreimaligem Tränken täglich. Eigene Tränkeeimer pro Kalb und konsequente Stressreduktion runden das Paket ab.