«Das Wild frisst jene Baumarten, die wir für die Zukunft benötigen», titelte die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) schon 2023 in einem Bericht. Rehe, Gämsen und Rothirsche würden mit ihrem selektiven Frass die Baumverjüngung in den Wäldern gefährden. Der Wildeinfluss auf die Waldverjüngung nehme in der Schweiz weiter zu, hiess es in einem Bericht des Schweizer Forstvereins letztes Jahr. Dieser nahm Bezug auf die Auswertung von Daten des Landesforstinventars.

Mehr Luchse und Wölfe?

In weiten Teilen der Voralpen und einzelnen Gebieten im Mittelland führe der Wildeinfluss dazu, dass sich Baumarten wie Tanne, Eiche, Linde oder Bergahorn nur beschränkt verjüngen können, heisst es aktuell auf der Website der Luzerner Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa). In Regionen um den Pilatus und den Napf würden gewisse Baumarten aufgrund des Wildverbisses ganz ausfallen. So beurteilt das Lawa die Waldverjüngung aufgrund von Erhebungen in den letzten Jahren.

Aufgrund von neueren Studien empfehlen deshalb Forscher, Luchse und Wölfe in Wäldern zu fördern, hiess es in einem Bericht der Luzerner Zeitung am 9. Februar. Allein der Geruch dieser Raubtiere, beziehungsweise deren Urin- und Kotspuren, könnten dazu beitragen, dass Rehe und Hirsche vorsichtiger werden und weniger Verbissschäden verursachen.

Der Wald-Wild-Konflikt

Schon seit vielen Jahren wird von einem Wald-Wild-Konflikt gesprochen. Wobei dies eher ein Mensch-Mensch-Konflikt sei, weil Ursachen und Lösungsvorschläge je nach Funktion und Interessen der betroffenen Kreise sehr verschieden beurteilt werden. So erwarten Waldeigentümer mehr Schutz vor dem Wild und mehr Abschüsse. Jäger verweisen auf negative Einflüsse der Forstwirtschaft und der Freizeitgesellschaft im Wald.

Der Zentralschweizer Fäälimärt in Sursee LU am 10. Februar 2026, bekannt als Jägersonntag und besucht von gegen 1000 Waidmännern und -frauen, aber auch Fellkäufern, bot Gelegenheit für ein Stimmungsbild. Wir befragten einige Jäger, was sie zur Wald-Wild-Problematik meinen.

Jäger sind im Clinch von Interessen

Toni Scheuber aus Menznau LU weist auf die Abschussplanung des Kantons hin, welche die Jäger durchaus bereit seien, zu erfüllen. In der Tat würden die sich stark verbreitenden Hirsche Probleme bereiten, die Vorschriften des Kantons würden aber eine stärkere Bejagung behindern. Auch Rehe schädigen junge Bäume durch Knospenfrass. Die Jäger versuchten aber, dies mit verschiedenen Schutzmassnahmen im Wald im Griff zu behalten.

Scheuber bezweifelt, dass höhere Abschussquoten die Problematik lösen könnten, da gäbe es sicher auch wieder Einwände der Gesellschaft, wenn viel mehr Wild geschossen würde. «Die Jäger sind im Clinch, Kritik gibt es immer, ob sie weniger oder mehr schiessen.» Und auch wenn mehr Luchse und Wölfe zur Wildregulierung zugelassen würden, gebe es wohl viele Gegner.

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Mehr Luchse verlagern das Problem

Luca Kammermann aus Hergiswil NW wehrt sich gegen den Vorwurf, die Jäger würden zu wenig schiessen. Das Problem sei, dass dem Wild der Lebensraum eingeschränkt werde, weil sich das Wild kaum mehr ausserhalb des Waldes aufhalte und nicht mehr dort fressen könne. Deshalb gebe es im Wald eben mehr Verbissschäden. Auch die Freizeitnutzung erhöhe diesen Druck. Viele Leute würden sich kreuz und quer durch den Wald bewegen und so das Wild aufschrecken, was zu mehr Waldschäden führe. Mehr Abschüsse würden deshalb das Problem nicht lösen. Auch nicht mehr Luchse, das verlagere das Problem nur.

Jagdvorschriften schränken ein

Jäger und Jodler Franz Stadelmann aus Escholzmatt LU weist auf die vielen Jagdbetriebsvorschriften des Kantons hin, welche mögliche Abschüsse einschränken. So sei es oft schwierig, die geplanten Abschusszahlen überhaupt einhalten zu können. Die Schongebiete für den Rothirsch würden beispielsweise im Entlebuch die Jagd auch begrenzen. Er sei sich schon bewusst, dass zu viele Hirsche im Wald Schäden anrichten können. Stadelmann erwähnt aber auch die Rehe, die sich gerne an Weisstannen gütlich tun, bei künstlich gepflanzten Tannen wegen des intensiveren Duftes noch mehr als bei solchen aus natürlicher Verjüngung.

Grosse Holzschläge verdrängen Wild

Alfred Stoller aus dem Berner Kandertal bietet als Jäger viele Felle an, auch vom Rothirsch. 300 Franken verlangt er dafür, weist aber darauf hin, dass allein das Gerben schon 200 Franken gekostet habe. Mit der Nachfrage am Fäälimärt ist er zufrieden. Zwar liegen gegen Mittag noch einige Fuchsfelle auf dem Tisch, schon frühmorgens habe er aber viele Dachs-, Gämsen- und Fuchsfelle verkauft, an andere Jäger, Privatpersonen, Fasnächtler oder an Mitglieder von Mittelalter-Vereinen. In seiner Region seien die vom Kanton Bern vorgegebenen Abschusszahlen durchaus erreicht worden. «Gleichwohl ist die Forstwirtschaft ständig am Jammern wegen Verbissschäden.» Die Problematik Wald-Wild sei regional sehr unterschiedlich. In der Tat müssten wohl in einigen Gebieten mehr Abschüsse zugelassen werden. Aber die Waldeigentümer müssten sich auch selber an der Nase nehmen. Die aus wirtschaftlichen Gründen immer grösseren und flächigeren Holzschläge würden das Wild verdrängen, dadurch entstünden anderswo mehr Schäden.

Freizeitansprüche schaden dem Wild

Peter Thalmann aus Entlebuch LU ist Jäger und Förster. Grundsätzlich gebe der Kanton ja die Abschusszahlen vor. In seinem Revier sei beispielsweise mehr Rotwild geschossen worden als gemäss Plan. «Also kann es ja kaum an den Jägern liegen, wenn es Wildschäden gibt.» Zu überdenken wären aber die Jagdbetriebsvorschriften, die sollten stabiler gehalten werden. Die ständigen Änderungen würden die Jagd behindern, findet Thalmann. Die Problemwildart sei Rehwild, das sei im Flachland häufiger als im Gebirge, sollte dort als auch mehr bejagt werden. Grossen Einfluss habe die Qualität der Lebensräume für das Wild. Wenn der Wald besser genutzt und gepflegt würde, sei auch das Nahrungsangebot besser und es lägen höhere Wildbestände drin. 

Ein grosser Faktor für zunehmende Wildschäden sei die Freizeitnutzung. Gämsen beispielsweise seien wegen den vielen Wanderern in den Bergen in die Wälder gedrängt worden. «Der Einfluss des Menschen verändert das Verhalten des Wildes.» Der Lebensraum für das Wild werde heute fast flächig und ganzjährig sehr viel stärker von den Menschen genutzt. «Mehr Störungen bringen mehr Schäden.» Dass grosse Holzschläge das Wild verdrängen, glaubt Thalmann nicht. Im Gegenteil, die Nutzung fördere langfristig die Verjüngung des Waldes und verbessere so den Lebensraum für Wild.