Das Gespräch mit der Schäferfamilie Kälin dauert schon über eine Stunde. Josi und Armin Kälin sind auf die Geschichte ihres Hofes, die Herausforderungen auf der Alp und auf die fordernde Arbeit mit ihren Schafen und den Herdenschutzhunden eingegangen. Dabei sind ihre Aussagen sachlich und angesichts des brisanten Themas über Grossraubtiere und Herdenschutz ungewohnt emotionslos geblieben. Doch unvermittelt stellt Armin Kälin klar: «Ohne Wolf hätten wir sicher keine Herdenschutzhunde.»

«Gerade jüngere Hunde reagieren sofort»

Josi und Armin Kälin bewirtschaften mit der Unterstützung ihrer vier Kinder einen Betrieb mit rund 250 Schafen und einigen Ziegen. Haus und Stall sind neueren Datums und thronen richtiggehend über dem Kantonshauptort Schwyz, die Aussicht ist entsprechend eindrücklich. 

Die Nähe zum Siedlungsraum erschwert aber auch die Haltung ihrer fünf Herdenschutzhunde der Rasse Maremmano Abruzzese. «Gerade die jüngeren Hunde reagieren sofort auf andere Tiere oder Passanten und geben entsprechend an», erklärt Josi Kälin. Für dieses natürliche Verhalten ihrer Schutzhunde hätten aber nicht alle Dorfbewohner Verständnis, der natürliche Beschützerinstinkt der Hunde werde teils als Lärmbelästigung empfunden.

Erfahrung mit Hunden ist Voraussetzung

Familie Kälin arbeitet schon lange mit Treibhunden und hat entsprechende Erfahrung in der Hundehaltung. Seit drei Jahren leben nun auch Herdenschutzhunde auf dem Betrieb. «Ohne jegliche Erfahrung mit Hunden ist eine erfolgreiche Arbeit mit Herdenschutzhunden kaum realistisch», betont Armin Kälin. Der Umgang mit den ersten Schutzhunden sei auch für sie ein Lernprozess gewesen. Kälins absolvierten Kurse und tauschten sich mit erfahrenen Hundehaltern aus. «Wenn man die Hunde anfangs noch nicht kennt und diese eindrücklichen Tiere einen auch einmal anknurren, schluckt man schon leer», erinnert sich Josi Kälin.

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Alte Schafe halten Distanz zu den Hunden

Doch nicht nur Kälins als Halter mussten sich an die Hunde gewöhnen, auch für die Schafe sei es ein schwieriger Anpassungsprozess gewesen. «Mit den jüngeren Schafen, die mit den Hunden aufgewachsen sind, harmoniert es mittlerweile gut. Die alten Schafe halten aber heute noch die Distanz zu den Hunden», erklärt die Bäuerin weiter. Behauptungen, man solle einfach Schutzhunde in die Schafherde integrieren und dann funktioniere der Herdenschutz, seien schlichtweg falsch. «Wir sind nun im dritten Jahr der Integration. Nun harmonieren Hunde und Schafe langsam», betont auch Armin Kälin.

Ein Wolfsrudel im Nachbartal unterwegs

Familie Kälin wusste aus Gesprächen mit Berufskollegen um diese Schwierigkeiten. Darum kauften sie die Schutzhunde bereits 2023, obwohl die Grossraubtier-Situation zu diesem Zeitpunkt in der Region noch entspannt war. Im Sommer 2025 wurde im Gebiet Chöpfenberg das erste Wolfsrudel im Kanton Schwyz entdeckt. Die Alpen Fläschen und Wäni, wo Kälins ihre Tiere alpen, liegen im Sihltal und somit gleich neben dem Revier des Rudels.

Umfangreiche Zaunarbeiten im steilen Gelände

«Es gab zwar auch im Sihltal mehrere Sichtungen, auf unserer Alp mussten wir aber noch keinen Kontakt mit einem Wolf feststellen», so Schafbauer Armin Kälin. Rund 600 Schafe von drei Betrieben werden auf dem Weidegebiet der Alpen Fläschen und Wäni von einer Hirtin betreut. 

Familie Kälin unterstützt ihre Angestellte und kommt einmal wöchentlich auf die Alp. Arbeiten wie Zäunen oder Weidewechsel werden dann gemeinsam ausgeführt. Das Weidegebiet ist mittels Weidenetzen, Litzenzäunen und natürlichen Grenzen in zehn rund fünf Hektaren grosse Koppeln eingeteilt. Auf diesen Parzellengrössen sei es den Herdenschutzhunden auch möglich, die Übersicht zu behalten und ihren Schutzaufgaben nachzukommen, sagt Kälin.

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Gezieltes Beweiden drängt Verwaldung zurück

Die umfangreichen Zaunarbeiten würden aber nicht nur infolge des Herdenschutzes gemacht, sondern auch wegen der Bewirtschaftung. «Die Alpweiden befinden sich zwischen 1300 und 2000 m ü. M., entsprechend hoch ist der Druck durch die Verbuschung», erklärt Armin Kälin. Dank der gezielten Beweidung konnten seit der Übernahme der Alp der Futterertrag und die Bestossungszahlen erhöht und die Verwaldung gebremst werden. 

Dank dreier Unterkunftsmöglichkeiten und Investitionen in gutes Zaunmaterial wurde in der Vergangenheit auch die Arbeit der Hirten erleichtert.

Abseits vom grossen Tourismusstrom gelegen

Die Alpen Fläschen und Wäni sind weitläufig und steinig, entsprechend sind Schafe das ideale Weidetier. Auch die Lage spricht für die Schafhaltung. Die Weiden befinden sich abseits von stark frequentierten Wander- und Tourismusgebieten, wodurch die Haltung der Schutzhunde erleichtert wird. Nur durch eine Parzelle führt ein Wanderweg. 

Dieser werde während der kurzen Präsenz der Schafherde mit Schildern abgesperrt, dennoch komme es ab und zu zu Kontakten zwischen Hunden und Wanderern. «Sofern die Menschen ruhig und mit dem entsprechenden Abstand an den Tieren vorbeigehen, gibt es auch keine Konflikte. Sind die Touristen aber mit eigenen Hunden unterwegs oder rennen nervös über die Weide, sind brenzlige Situationen schon nicht auszuschliessen», erklärt Josi Kälin.

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Eignungsprüfung ist mit viel Aufwand verbunden

Ein Schutzhund könne seine Aufgabe nur während rund fünf bis sechs Jahren, also im Alter von knapp drei bis rund acht Jahren, ausüben. Entsprechend muss Familie Kälin ihren nötigen Herdenschutzhunde-Bestand von fünf bis sechs Tieren laufend remontieren. Die ersten Herdenschutzhunde kauften sie als ausgebildete Tiere. Mittlerweile halten sie sich auch Jungtiere. Im letzten Sommer bestanden die ersten ihrer Junghunde die Eignungsprüfung. 

Abo An Futter und Wasser herrscht heuer kein Mangel – knapp werden in manchen Regionen aber die Alptiere. Alpwirtschaft Gute Alpsaison, aber Sorgen wegen Wölfen und Krankheitsfällen Thursday, 31. July 2025 Der Aufwand für diese Prüfung sei enorm: Während zwei Tagen musste Armin Kälin mit den zwei Prüfungshunden und je fünf seiner Schafe in ein abgelegenes Tal im Tessin fahren, wo das Verhalten der Hunde getestet wurde. Die Tagesform ihrer Tiere habe gestimmt und sie hätten die Prüfung bestanden. «Allerdings kennen wir auch mehrere Berufskollegen, deren Tiere scheiterten, weil sie zu diesem Zeitpunkt läufig waren oder in einem Bereich der Eignungsprüfung nicht überzeugten.»

Die Haltung auf Heimbetrieb ist fordernd

Kälins sind überzeugt, dass ihre Hunde auf der Alp einen ansprechenden Grundschutz gegen Grossraubtiere gewähren können. Die Hundehaltung während der vier Monate langen Alpsaison passt für sie. Anders sieht das aber während der anderen acht Monate des Jahres aus. Die gemeinsame Stallhaltung von Schafen und gerade jüngeren Hunden könne auch zu ernsthaften Verletzungen führen. Und auch auf den Frühlings- und Herbstweiden, die sich nicht selten entlang von Wanderwegen oder Strassen befinden, sei die Haltung der Hunde oftmals schwierig oder gar nicht möglich. 

Das Konfliktpotenzial zwischen ihren Hunden und Passanten ist entsprechend belastend. Josi und Armin Kälin wünschen sich darum, dass die Bevölkerung nicht nur Herdenschutz fordert, sondern auch akzeptiert, dass der Schutz vor Grossraubtieren nicht nur einschneidende Auswirkungen für die betroffene Bergbevölkerung, sondern auch für die Menschen in Freizeitgebieten und Agglomerationsnähe hat.