Vor ziemlich genau drei Jahren öffnete die Schweizer Schweinebranche «den Notausgang», wie unsere Zeitung titelte. Als eine von vielen Massnahmen wurde branchenintern ein Fonds geäufnet, um Schweine zu exportieren. Die Überproduktion warf entsprechend auch ausserhalb der Landwirtschaftspresse hohe Wellen. Von Stau in den Mastställen war die Rede. Der auch von den Produzenten gern zitierte Schweinezyklus bekam Lack ab. 

Bei diesem Modell steigt die Produktion mit steigenden Preisen an, bis alles in sich zusammenfällt. Mit der Konsequenz, dass einige aussteigen – oder aussteigen müssen – aus der Produktion. Grosse, erfolgreiche oder Produzenten mit langem Atem, erhoffen sich dadurch eine Strukturbereinigung. Diese Kreise haben sich auch vor drei Jahren durchgesetzt, als der Branchenverband Suisseporcs hartnäckig nach Instrumenten suchte, um mehr Einfluss auf die Produktionsmenge zu nehmen.

Jagerpreismodell dient nicht der Mengensteuerung

Geblieben ist einzig ein Massnahmenplan für Notfälle und das Jagerpreismodell. Das hat für eine faire Wertschöfpungsverteilung zwischen Zucht und Mast zu sorgen, und war nie, wie nun oft gehört, als Steuerungselement der Menge gedacht.

Noldi Windlin ist seit 2015 Präsident der Fachkommission Markt von Suisseporcs. Darin nehmen Züchter, Mäster und der Handel Einsitz. Die BauernZeitung erreicht den Sbrinz-Käsermeister und Schweinemäster aus Giswil OW am Dienstagnachmittag nach der Sitzung der Marktkomission. Er selbst hat 850 Mastschweineplätze, QM, kontinuierlich bestossen mit Schottenfütterung und er ist Selbstmischer.

Konsumenten goutieren keine Überproduktion

Windlin seufzt am Telefon, die Situation sei keine gute. Der schlank organisierte Produzentenverband sei personell eigentlich gar nicht aufgestellt für solche Krisen, gibt er zu bedenken. Vor allem die Mäster haben nach dem Preisabschlag in der Altjahreswoche die Telefonleitungen nach Sempach zum Glühen gebracht. 

Auch der Markt-Präsident sagt, dass es jetzt wohl an der Zeit wäre, auf eine Art die Mengen zu lenken. Die Konsumenten würden Überproduktion kaum goutieren. Und auch in der Zusammenarbeit mit Abnehmern und dem Detailhandel verliere die Branche an Reputation. Er macht sich dafür stark, dass der Zentralvorstand an der nächsten Delegiertenversammlung diesbezüglich einen Vorschlag präsentiert. Und keine breit angelegte Umfrage mehr wie bei der letzten Versammlung. Es gehe um die Lenkung der Produktion – da gebe es nur noch ein Ja oder Nein. [IMG 2]

Die Leistungen in Zucht und Mast sind hervorragend

Dass man so rasch wieder im Krisenmodus sei, habe viele in der Branche überrascht, so auch ihn selbst, gibt Noldi Windlin zu. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Proviande arbeite momentan an einer Lösung, mit dem Ziel, den Markt möglichst zu entlasten. Darin sei die ganze Branche vertreten, die auch mittelfristige Verbesserungen diskutiert. 

Die oft gehörten Gründe für die aktuelle Überproduktion kann der professionelle Schweinemäster nur bestätigen. Die über längere Zeit sehr guten Jagerpreise hätten die Züchter dazu veranlasst, aus dem Vollen zu schöpfen. Zudem sind die Leistungen in Zucht und Mast hervorragend. «Die Qualität der Mastferkel ist top, die Qualität kostet», sagt Windlin. Er bekommt über seinen Händler alle Jager von einem fix zugeteilten Mäster. 

Die Schweine seien frohwüchsig, gesund und Abgänge gäbe es kaum. Zudem müssen Produzenten wenig Tierarzneimittel einsetzen. Auch das Sommerloch – also eine Fruchtbarkeitsbaisse während der Sommerhitze – können sie dank gutem Management abschwächen. Die Schweineproduzenten sind Opfer des eigenen Erfolgs.

Fast 53 000 Schlachtungen wöchentlich

Um 7 bis 8 Prozent sei die Sauenzahl wohl während der letzten Krise reduziert worden. «Es kam zu einer Flurbereinigung», so Noldi Windlin. Viele Produzenten haben nun wieder hochgefahren. Bei einem Jager-Höchstpreis von 8.90 Franken wie im vergangenen Jahr und durchschnittlich 7.50 Franken in den vergangenen beiden Jahren versuche jeder, das Maximum aus der Schweinezucht herauszuholen. 

Die Zielmenge rückt bei solchen Preisen in den Hintergrund. Viele Remonten sind nun in ihrer produktivsten Phase, also rund um den 3. oder 4. Wurf. Der geschätzte Produktionsfortschritt in der Schweinezucht von rund + 0,4 Ferkeln pro Sau und Jahr sorgt für eine wöchentliche Mehrmenge von rund 800 Mastjagern – bei gleichbleibenden Zuchtbeständen. Aktuell seien die Preise für die Schlachtschweine mit 3.30 Franken schlecht. Die Jagerpreise seien mit 4.20 Franken im Vergleich zu vergangenen Tiefpunkten aber nicht im Keller. 

«Bei 4.20 Franken Jagerpreis hört noch niemand auf zu produzieren», so Windlin. Aktuell gebe es zwar Rekord-Schlachtungen aber auch Rekord-Einstallungen. Angestrebt werden 44 000 Schlachtungen pro Woche; aktuell bewältigen die Schlachthöfe rund 53 000, was zur Entlastung beiträgt.

Agieren für ruhigere Weihnachten 2026

Der Produktionsfortschritt scheine unaufhaltsam, und so komme die nächste Krise bestimmt, meint Noldi Windlin. Überproduktion sei vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Drucks, der von Abstimmungssonntag zu Abstimmungssonntag anschwillt, schlicht nicht mehr zeitgemäss. Und die aktuelle Situation ist längst nicht ausgestanden. Das Jager-Angebot ist schlicht zu hoch. 

Ab sofort sollen weniger Sauen belegt werden. Obwohl der Verband seit Frühsommer 2025 vehement vor einer solchen Situation warnte, passierte in den Ställen nichts. Die ganze Produktionskette von Züchter, Mäster und Handel ist voneinander abhängig. Der Züchter erwartet von seinem Händler, dass dieser seine Jager abnimmt und platziert. «Zuchtbetriebe müssen die Sauenzahl reduzieren», sagt Windlin in der Konsequenz. Aufrufe zu Solidarität funktionieren nicht. Und das Angebot über den Preis zu regeln, gehe jeweils viel zu lange. Die Branche müsse sich nun über Mengen unterhalten. 

Schweizer Fleisch auf den Grill

Diese Diskussion schwäche den Schweineproduzenten-Verband. In der Politik und der Öffentlichkeitsarbeit sei dieser stark. Trotzdem müsse er noch mehr Produzenten abdecken. 

Schweizer Schweinfleisch ist von top Qualität – heuer ist es früh eingelagert für die Grillsaison 2026. «Wir brauchen dringend eine Reduktion in Richtung 90 bis 92 Prozent Inlandversorgung», appeliert Noldi Windlin. Mehr gehe nicht. Jeder und jede könne jetzt dazu beitragen, dass die Weihnacht 2026 ruhiger werde. Die Branche soll vor dem nächsten Stau gewarnt sein: Auch dann wird während zweier Wochen aufgrund der Feiertage nicht geschlachtet.