Ödeme sind jüngeren Schweizer Schweineproduzenten weniger bekannt. Kranke Tiere zeigen typischerweise Schwellungen (Ödeme) an Augenlidern, Stirn, Nasenrücken und Unterkiefer. Heiseres Quieken aufgrund von Kehlkopfödemen ist ein weiteres Symptom. Bemerkbar machen sich auch zentralnervöse Störungen, wie schwankender Gang, Festliegen, Krämpfe oder Ruderbewegungen. Besonders gut entwickelte, schwere Ferkel verenden plötzlich. Betroffen sind vor allem Absetzferkel, vermehrt aber auch Mastschweine.

Premo im Vorteil

Tierärzte und die Schweinekliniken bestätigen eine Zunahme. Was steckt dahinter? Viel hat mit der Genetik zu tun. Premo, eine auf die Schweizer Bedürfnisse gezüchtete und dem Edelschwein entsprungene Vaterlinien-Rasse, war lange Zeit unumstritten die Nummer 1 bei den Schweizer Mastferkelproduzenten. Dahinter folgten Duroc und Piétrain, deren Zucht aufgrund einer kleineren Population in der Schweiz nicht eigenständig war. Vor 7-8 Jahren hatten einige Betriebe Probleme mit HIS (Hämorrhagisches Intestinal Syndrom). Darmverdrehungen führten zu Abgängen auf den Mastbetrieben. HIS ist eine multifaktorielle Krankheit. Eine Rolle spielt aber auch hier die Genetik. Dies führte zu den Verschiebungen im Marktanteil bei der Schweizer Vaterliniengenetik.

Bei Duroc und Piétrain auf Importe angewiesen

Jede Rasse hat bekanntlich ihre Vor- und Nachteile. Mehr Duroc- oder Piétrain-Väter machen nun die Ödemkrankheit wieder zum Thema. Dies schilderte kürzlich auch Tierärztin Nadine von Büren, Leiterin des Geschäftsbereichs Zucht bei der Suisag, am Schweineseminar der Landis Sursee und Umgebung. Die Suisag hat gemeinsam mit den Premo-Züchtern erfolgreich auf Coli-Resistenz gezüchtet. Die KB-Eber der Rasse Premo sind seit 2017 reinerbig resistent. Nun beobachtet man eine Zunahme von Ödemerkrankungen auf allen Altersstufen. E.Coli F18 ist der Erreger, der für die Ödemkrankheit verantwortlich ist. Bei Premo-Ebern sind 100 % der Tiere auf der KB-Station resistent. Auch ein Grossteil der Schweizer Mutterliniensauen (SL, ES bzw. deren F1) in den Ställen ist reinerbig resistent.

Zum Vergleich: Der neu absatzstärkste Vaterlinieneber Duroc ist erst zu rund 49 % reinerbig resistent. «Bei Duroc und Piétrain geht die Resistenzzucht langsamer, dies wegen der lange erforderlichen Blutauffrischung mit ausländischer Genetik, mit der der Inzuchtgrad im Griff behalten werden soll», erklärte von Büren. Duroc-Importe stammen aus Kanada. Bei der Rasse Piétrain, deren KB-Eber zu 64 % reinerbig resistent sind, wird die Blutauffrischung mit dem bayrischen Piétrain gemacht. Bei der Genetikauffrischung aus dem Ausland ist der Coli F18-Status meist unbekannt.

Ganz selten sind auch resistente Tiere betroffen

«Wir machen aber vorwärts», versprach von Büren. So sei die Duroc-Zucht in der Schweiz neuerdings eigenständig, da man den Inzuchtgrad jetzt so gut im Griff habe. Die Ödemkrankheit wird also mittelfristig wieder unbedeutender in den Schweizer Ställen. Allerdings gebe es auch vereinzelte dokumentierte Fälle, wo die Krankheit auftauche, obwohl Mutter und Vater reinerbig resistent sind. Zur Erklärung gebe es zwei Theorien: Entweder der Erreger hat sich angepasst, oder ein neuer Erreger ist im Umlauf. Laut Nadine von Büren spreche einiges für das zweite Szenario, also einen anderen Coli-Erreger mit einem anderen Adhäsin, der ebenfalls Shigatoxin bildet. Genau sagen könne man das zu diesem Zeitpunkt aber nicht, so von Büren. Shigatoxin sei aber in allen Fällen Auslöser der Ödem-Symptome. Eine Expertengruppe, die sich mit der Klärung dieser Fragestellung beschäftigt, sei bereits aktiv.  Allgemein sei es aber nach wie vor eine gute Massnahme, bei Ödemproblemen auf resistente Tiere zu setzen. In den meisten Fällen bietet dies nach wie vor Schutz.

Ferkel-Impfung würde helfen

Nebst dem züchterischen Aspekt legte Nadine von Büren einen Schwerpunkt auf die Therapie und Fütterungsempfehlungen im Akutfall und zur Prophylaxe. Hochgradig betroffene Ferkel seien häufig nicht erfolgreich therapierbar, auch nicht mit Antibiotika. Wichtig sei, mittels Untersuchung nachzuweisen, ob es sich wirklich um Coli F18 mit Shigatoxin handelt. Zum Zuge kommen dann für die aktuell betroffene Gruppe auch Fütterungsarzneimittel wie Colistin oder Amoxan, wobei sich immer auch die Frage stelle, ob die Tiere überhaupt noch fressen. Sowohl vorbeugend als auch im Krankheitsfall ist die Wasseraufnahme zentral. Durchflussraten sollen überprüft werden. Von Büren empfiehlt 0,5 bis 0,7 l/min für Absetzferkel, 0,6 bis 1 l/min für Vormastferkel und 0,8 bis 1,8 l/min für Endmastferkel. Zusätzliche Tränken können helfen.

Auch brauche es eine gute Wasserqualität. Bei Krankheitsausbrauch hilft eine rasche Futterreduktion von einem Tag, danach wieder langsames, rationiertes Anfüttern. Der Rohfasergehalt soll erhöht werden und Heu, Emd oder Stroh beschäftigte die Tiere. Hygiene und Management wie Stressreduktion wirken ebenfalls vorbeugend. Und Kümmerer sollten nicht zurückversetzt werden, sagte von Büren. Betroffene Betriebe sollten zudem impfen, wobei Kosten von um die vier Franken pro Ferkel natürlich «eine Hausnummer» sind, wie es von Büren nannte. Insbesondere bei den aktuellen Schweinepreisen.