Der Lebens- und Wohnort von Familie Schuster steht in einer kurzen Häuserzeile in der Nähe eines Baches und wirkt auf den ersten Blick verträumt und romantisch. Durch ein grosses Holztor betritt man den gegen die Strasse abgeschlossenen Hof. Herzlich werden die Besucher von Lavinia Schuster willkommen geheissen. Die 54-Jährige führt ihre Gäste durch den Innenhof, der mehrheitlich aus Naturboden besteht. Das ganze Gelände ist leicht geneigt und grenzt an einen steilen Hang. Der mit Nutz- und Zierpflanzen gestaltete Garten ist durch eine Mauer abgegrenzt. Eine wunderschön gepflegte Gartenwelt eröffnet sich den Besuchern und nimmt alle sofort in diesen speziellen Ort auf. 

Wer selbst gärtnert, der weiss: Es stecken viele Arbeitsstunden in diesem Ort, damit er so prächtig aussieht. Lavinia Schuster holt die Kühe von der angrenzenden Weide und erzählt über ihren Betrieb: «Es ist ein Biobetrieb mit rund 12 ha. Davon 5 ha Weide, 3 ha Luzerne, 1 ha Weizen, 1 ha Mais, 1 ha Hafer und eine halbe Hektare Rosen für die Blütengewinnung.» Zum Betrieb gehören zwei Kühe, zwei Rinder und drei zweimonatige Kälber, ein paar Hühner und Laufenten.

Landwirtschaft und Agrotourismus

Die Familie betreibt Agrotourismus und bietet zwei Gästezimmer an. Für angemeldete Gesellschaften werden Mittag- und Abendessen gekocht, fast ausschliesslich aus hofeigenen Produkten. Derzeit arbeiten Mutter und Sohn auf dem Hof. Lavinia Schuster sagt, dass die Zukunft ihres Hofes von der Entscheidung ihres 21-jährigen Sohnes Joel abhängen würde. «Wenn er eine Partnerin findet, die dieses Leben mittragen möchte und sich dabei wohlfühlt, wird es wohl weiter eine Familie Schuster auf diesem Hof geben.»  

[IMG 2]

Lavinia Schuster lädt die Gäste für das Mittagessen an den liebevoll geschmückten Tisch unter dem Vordach der Scheune ein. Sie sei in einer Stadt aufgewachsen, erzählt sie während des Essens. Nach der Matura hat sie jung geheiratet und zusammen mit ihrem Mann Willi im Jahre 1999 den Betrieb gekauft und bezogen. Die beiden entschieden damals, dass sie ihre Kinder nicht in der Stadt aufziehen möchten. Die jeweiligen Familien standen dem Projekt des jungen Paares sehr skeptisch gegenüber. «Wir bekamen daher keine Unterstützung von ihnen.»

Kurse in der Schweiz

Bevor Lavinia Schuster aus ihrem gewohnten Alltag in eine von der Landwirtschaft geprägte Lebensform wechselte, besuchte sie zweimal Kurse an der Landwirtschaftlichen Schule Hondrich in der Schweiz. Das war ihr Sprungbrett für ihren landwirtschaftlichen Weg, den sie dank der Unterstützung der Ostmission machen konnte. Es bedeutet ihr noch heute viel, diese Erfahrung gemacht zu haben. Das erlernte Wissen, das sie sich aneignen konnte, bietet ihr eine solide Grundlage in ihrer jetzigen Lebenssituation.  

Lavinia und Willi Schuster gaben fünf eigenen Kindern und sechs Pflegekindern auf dem Hof ein Zuhause. «Ich bin mit Hingabe Mutter und Ehefrau», sagt Lavinia Schuster. «Es war der Traum meines Mannes, einen Bauernhof zu haben, und ich wollte ihn dabei unterstützen und mit ihm zusammen eine Familie haben.» 2020, im Corona-Jahr, verstarb Willi nach kurzer Krankheit. Seither lebt und bewirtschaftet Lavinia Schuster den Hof zusammen mit ihrem Sohn weiter. Ganz nachdenklich sagte sie: «Wenn man alles wüsste, was einem erwartet, würde man wohl vieles nicht machen. Nun fühle ich mich für meinen Mann und sein Werk verantwortlich und führe es weiter, solange es geht.»

Akzeptieren, was ist

Ihre Familie unterstützt sie dabei. «Ich habe auch gute Freundinnen und meine Schwester, die mich tragen. Und, ich habe keine Angst, aufzuhören und etwas Neues zu beginnen. Mein Glaube führt mich und ich lebe von Tag zu Tag.» Für den Hof hat sie aber durchaus Pläne, die sie Schritt für Schritt angehen möchte. «Der leichteste Weg ist, zu akzeptieren, was ist. Ich bin für die Kinder stark und suche keine Antwort auf das Warum.» 

[IMG 3]

Auf Lavinia Schuster lastet viel Verantwortung und die Arbeitstage sind lang. Wie schafft sie das? «Beim Kochen singe ich viel, wenn ich allein bin», sagt sie. Das Gemüse und Fleisch kommen vom Hof und nicht aus dem Supermarkt. «Ich frage mich oft selber, was mich ausmacht und was meinen Körper und meine Seele gesund hält. Das möchte ich auch meinen Gästen offerieren.»

Ein Bio-Pionier

Ihr Mann Willi hatte sich für den Wert und den Erhalt der ländlichen Strukturen eingesetzt. «Er war ein Pionier in der Biolandwirtschaft in Rumänien», erklärt Lavinia Schuster. «Er hat nach der Öffnung sehr stark für den Erhalt der kleinbäuerlichen Landwirtschaft gekämpft und war von Anfang an ein tragendes Mitglied der Biottera Romania, des ersten Biobauern-Vereins.» 

Willi Schuster war zudem beteiligt bei der Gründung des Verbandes Eco Ruralis. Dieser setzt sich für die Interessen und Rechte der Kleinbauern und Menschen, die in ländlichen Gebieten in Rumänien arbeiten, ein. «Willi durfte mehrmals die Probleme der rumänischen Bauern vor dem Europaparlament vertreten», erinnert sich seine Witwe. «Es war ihm wichtig, den vergessenen rumänischen Kleinbauern eine Stimme zu geben.» Willi habe ihr mit seinem Engagement auch Türen geöffnet, die ihr heutiges Leben ermöglichen. «Was nach mir bleibt, ist mir wichtig. Ich gehe zwar wählen, aber damit kann ich nicht viel bewirken. Mit meiner Energie, meinem Lebensstil und mit dem, was ich meinen Gästen mitgeben kann, mache ich auch eine Art von Politik. Aber die Welt kann ich nicht ändern.»