Hierzulande rückten 2024 PFAS in den Fokus der Landwirtschaft und der Öffentlichkeit: Als der Kanton St. Gallen bekannt gab, dass zu hohe PFAS-Werte in Rindfleisch auf fünf Betrieben festgestellt wurde. Rund zehn Jahre vorher waren PFAS aber schon in Baden-Württemberg ein grosses Thema, als man im Raum Mittel- und Nordbaden hohe PFAS-Belastungen nachwies.

Kompost mit Papierschlämmen als Ursache

Wahrscheinlichste Ursache für die Belastungen seien die Jahre 2000 und 2008 gewesen, als Kompost mit zugemischten Papierschlämmen auf die landwirtschaftlichen Flächen gelangten. Seit damals, 2013, forscht das landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg in Karlsruhe, wie mit PFAS-verunreinigte Böden weiter landwirtschaftlich genutzt werden können. Expertin dafür ist Dr. Runa Boeddinghaus. Sie war Referentin an der Wintertagung, die Bezirksverein Winterthur zusammen mit dem Zürcher Bauernverband organisiert hatte.

1650 ha belastet

«Wir haben im Raum Mittel- und Nordbaden ca. 1650 ha nachweislich verunreinigte landwirtschaftliche Nutzflächen – quer verteilt wie ein Flickenteppich über die ganze Region», sagte sie. Solche Flächen hat auch Stefan Schneider, Landwirt aus Iffezheim. Er bewirtschaftet einen 110- ha-grossen Ackerbaubetrieb und hat sich auf die Produktion von Spargel (12 ha) und Saatmais (64 ha) spezialisiert.

Stängel und Blätter reichern an

Schneider hält sich an die Anbauempfehlungen, die das LTZ Augustenberg herausgibt. Durch deren Versuche zeigte sich, dass Pflanzenarten auch abhängig von der Bodenart unterschiedlich PFAS aufnehmen. PFAS sind grundsätzlich weniger in Samen und Früchten angereichert als in Blättern und Stängeln. Also baut Schneider beispielsweise keinen Winterweizen mehr an, der sehr stark PFAS akkumuliert. Stattdessen setzt er auf beispielsweise auf Wintergerste und Winterraps. Spargel baut er nur auf seinen unbelasteten Parzellen an.

Bewässerungswasser filtern

«Ich habe mich angepasst und baue Sonderkulturen mit hoher Wertschöpfung an», sagte er. Ein weiterer Eintragungsbereich ist PFAS-belastetes Wasser, das für die Bewässerung genutzt wird. Stefan Schneider hat Wasserfilter installiert. Für einen Teil der Installationskosten bekam er Fördergelder. Die restlichen Kosten, auch für Unterhalt und für Wasserproben muss er selbst berappen.

Vor der Ernte wird analysiert

Die Kosten für Bodenproben und das Vorernte-Monitoring übernimmt das LTZ. Für das Vorernte-Monitoring werden ca. 14 Tage vor der Ernte Proben gezogen, die am LTZ Augustenberg auf PFAS untersucht werden. Der Bewirtschafter wird vor dem Erntezeitpunkt informiert, ob und gegebenenfalls in welcher Menge in seinem Erzeugnis PFAS festgestellt worden sind. Eine Überschreitung der Beurteilungswerte schliesst eine Vermarktung als Lebensmittel aus.

Nationales Beratungsprojekt mit Agridea

So weit wie in Baden-Württenberg sind Massnahmen und Untersuchungen in der Schweiz flächendeckend noch ausstehend. Aber in den Kantonen Zürich, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden wurden 2025 auf freiwilliger Basis Milchproben entnommen und auf PFAS-Belastung untersucht. Die Verunsicherung ist gross. Selina Fischer vom Schweizer Bauernverband wies auf den Beginn eines nationalen Beratungsprojekts hin, das von der Agridea koordiniert wird. Auf den Sommer hin soll eine Plattform mit Massnahmen und Wirkungsbereichen zur Verfügung stehen.

Parlament macht Druck

Nationalrat Martin Hübscher unterstrich die Notwendigkeit einer nationalen PFAS-Strategie. Mit vier Motionen setzen sich auch National- und Ständeräte dafür ein. Eine der wichtigsten ist die Motion «Massnahmen zur Existenzsicherung von PFAS-betroffenen Landwirtschaftsbetrieben», die von beiden Räten an den Bundesrat überwiesen wurde. 


«Meine Meinung ist, dass es keine PFAS in Konsumartikeln braucht»

Nachgefragt bei Runa Boeddinghaus

Die Wintertagung, die der landwirtschaftliche Bezirksverein Winterthur und der Zürcher Bauernverband organisiert hatten, stiess auf grosses Interesse. Nicht nur bei den Zürcher Landwirten, Bäuerinnen und Berater(innen), sondern auch bei den anwesenden Vertretern der Bauernverbände aus dem Appenzellischen und aus dem Kanton St. Gallen. Die Teilnehmer(innen) nutzten die Fragerunde rege und wollten wissen:

Was bringt der Einsatz von Aktivkohle, um PFAS-belastete Felder zu reinigen?

Runa Boeddinghaus: Aktivkohle wirkt kurzfristig, ist aber keine langfristige Lösung. Das sahen wir bei unseren Gefässversuchen mit Weidelgras. Bei jedem Schnitt stieg der PFAS-Gehalt im Gras wieder an. Bei Aktivkohle-Reinigungsanlagen für Trinkwasser sind ebenfalls die Bindungsplätze an der Aktivkohle irgendwann voll, sodass die PFAS mit dem Wasser durchlaufen. Zudem ist der Aufwand, um Aktivkohle auf Felder auszubringen, sehr gross. Auch die Herkunft und Qualität der Aktivkohle muss überprüft werden. Wenn darin beispielsweise Schwermetalle oder PAK enthalten sind, handelt man sich ein nächstes Problem ein.[IMG 2]

Haben Sie auch untersucht, ob mittels Bakterien PFAS unschädlich gemacht werden können?

Es ist bisher wissenschaftlich nicht nachweisbar, dass man mit Bakterien oder Mikroorganismen PFAS abbauen kann. Es wurden zwar einzelne Bakterienarten gefunden, die einzelne Kohlenstoff-Fluor-Verbindungen aufspalten können – aber nicht die perfluorierten Carbon- und Sulfonsäuren, die am problematischsten sind.

Kann man mit intensiven Mais- oder Weizenanbau, PFAS aus dem Boden kriegen?

Die Idee steht immer wieder im Raum, durch Phytosanierung, seien es Pflanzen oder Bäume, Böden zu sanieren. Aber Pflanzen nehmen nur ein kleines Spektrum der PFAS auf. Die langkettigen PFAS-Verbindungen kommen kaum mit, ebenso wenig die Vorläufersubstanzen, die ständig perfluorierte Carbon- und Sulfonsäuren nachliefern. Der Aufwuchs muss entsorgt werden. Dabei muss auch dafür gesorgt werden, dass durch Rauchgaswaschanlagen die bei der Verbrennung entstehenden, gasförmigen PFAS rausgefiltert werden.

Wie kann man die Fütterung bei belastetem Grünland umstellen?

Grüne Pflanzenbestandteile haben die höchsten PFAS-Gehalte, das betrifft Gräser, Klee, Leguminosen etc. Auch bei Mais ist der PFAS-Gehalt in der Gesamtpflanze hoch, sodass Silomais sehr belastet sein kann. Hingegen sind die Körner weniger belastet – also umstellen auf Körnermais beziehungsweise auf Maiskolbenschrot oder Maiskolbensilage. Ansonsten gibt es momentan nur die Möglichkeit der Verdünnung beziehungsweise Vermischung mit Futter, dass nicht oder wenig mit PFAS belastet ist.

Soll man die Verwendung von PFAS in Herstellungsprozessen ganz verbieten?

Das entscheidet die Gesellschaft. Solange PFAS in Produktionsprozessen verwendet werden, wird die Umwelt belastet. Die einzige Möglichkeit die Umweltbelastung zu verringern, ist die Produktion auf PFAS-freie Substanzen umzustellen. Aber solange es keine Kennzeichnungspflicht für PFAS gibt, kann der Konsument keine Kaufentscheide fällen, ob er PFAS-haltige Materialien will oder nicht. Auch wird es vermutlich immer Produkte geben, bei denen die Verwendung von PFAS-haltigen Materialien unverzichtbar ist, beispielsweise in der chemischen Industrie, wo PFAS-Materialien für den Produktionsprozess selbst nötig sind. Meine Meinung ist, dass es keine PFAS-beschichtete Lebensmittelverpackungen oder PFAS in Kosmetika oder in Waschmitteln braucht, also in Konsumartikeln. Aber wenn ich einen Stent bei einer Herzoperation brauche, setze ich lieber auf ein stabiles, langlebiges Produkt, das möglicherweise PFAS enthält.

PFAS-Anreicherungspotenzial in Pflanzen

hochNiedrig

Sojabohnen

Weizen (Körner)

Dinkel (Körner)

Triticale (Körner)

Hanf (Blätter, Blüten)

Tomaten (Frucht)

Paprika (Frucht)

Petersilie (Blätter)

Erdbeeren (Frucht)

Feldsalat (Blätter)

Gerste (Körner)

Hafer (Körner)

Hirse (Körner)

Raps (Körner)

Frühlingszwiebeln

Zwiebeln (Knolle)

Knoblauch

Kohlrabi

Zucchini

Daten basieren auf dem Vorernte-Monitoring und Feldversuchen, LTZ Augustenberg.