Über dem ganzen Platz vor der Autobahn-Mautstelle von Alby-sur-Chéran, hängt am Donnerstagnachmittag der beissende Rauch einer brennenden Rundballe. Die Autobahnauffahrt wird von Bauern mit Traktoren, Anhängern und fuderweise Mist, Stroh und Astmaterial blockiert. Auf dem Verkehrskreisel vor der Mautstelle stehen etwa hundert Bauern und diskutieren zusammen. Die Lage ist vorerst friedlich. Auf einem Wagen stehen Getränke und Verpflegung für die Demonstranten. Eine grosse Anzahl Gendarmen sichern den Zugang zur Mautstelle ab und beobachtet das Geschehen, greifen aber nicht ein.
Mehrere Gründe führen zu den Bauernprotesten
«Unsere Kühe, unser Leben! Nein zum Töten unsere Aufzuchttiere.» Mit diesem Slogan machen die Bauern darauf aufmerksam, dass in Frankreich der gesamte Rindviehbestand eines Betriebes getötet werden muss, wenn auch nur ein Tier an DNC erkrankt. DNC steht für Dermatose-Nodulaire-Contagieuse, der Rinder-Viruskrankheit, die in der Schweiz als Lumpy-Skin-Desease, also LSD bekannt ist. Die von Insekten übertragbare Krankheit ist in einigen Teilen Frankreichs im Sommer 2025 aufgetreten.
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Das harte und unerbittliche Durchgreifen der Behörden nach Erkrankungsfällen, die Keulung der gesamten Tierbestände von betroffenen Betrieben, verursacht bei den Bauern ein riesiges Ohnmachtsgefühl. Der Bauernbund Confédération paysanne schreibt: «Tausende Bauern leben in ständiger Furcht, ihr Lebenswerk zu verlieren». Und er stellt eine zunehmende Wut in der savoyischen Landbevölkerung fest, und das bittere Gefühl, für nichts geopfert zu werden. Der zweite Grund für die Demonstrationen ist die geplante Unterzeichnung des Freihandelsabkommens der EU mit den Mercosur-Staaten. Dadurch kämen alle landwirtschaftlichen Produkte in Frankreich unter massiven Preisdruck.
«Wie soll sich mein Sohn unter diesen Umständen eine anständige Existenz als Landwirt aufbauen können?»
Manuel Arandel, Bauer
Die Bauern an der Demonstration erklären ihre Motive
Die anwesenden Bauern wollten zuerst nicht mit Pressefritzen («les singes de la presse») reden. Nach dem Hinweis auf die Bauernzeitung wurden die meisten zugänglicher. Ihre Wut richtet sich gegen die EU mit ihren Vorschriften, gegen Präsident Macron und seine Agrarministerin Annie Genevard, und auch gegen den grössten Bauernverband Frankreichs, den FNSEA (Fédération nationale des syndicats d'exploitants agricoles), den sie als zu regierungsfreundlich und zu wenig kämpferisch ansehen.
Manuel Arandel und sein Sohn Noa sind vier Stunden mit dem Traktor und dem grossen Viehwagen vom Plateau de Gavot an diese Kundgebung gefahren. Arandel fühlt sich ohnmächtig und sagt mit Tränen in den Augen: «Mein Eindruck ist, dass unser Staat uns Bauern gar nicht mehr will. Wie soll sich mein Sohn unter diesen Umständen eine anständige Existenz als Landwirt aufbauen können?»
Der achtzigjährige Christian «Bibi» Bigeard war Kleinbauer und Gendarm. Er weist darauf hin, dass vor einer Woche einige «seiner Jungs», also Gendarmen, bei der gewaltsamen Stürmung eines Bauernhofes, den Befehl verweigerten.
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Die Bevölkerung versteht die Anliegen der Landwirte
Die französische Gendarmerie ist eine militärische Formation, untersteht dem Verteidigungs- und dem Innenministerium, und wird vor allem im ländlichen Raum eingesetzt. Eine Befehlsverweigerung ist in dieser Truppe keine Bagatelle und zeigt, dass viele Menschen in Frankreich mit dem Vorgehen der Regierung nicht einverstanden sind. So meinte auch der Taxifahrer Jean-Jaques: «Die Verkehrsstörungen durch die Bauern sind einerseits lästig, aber andererseits sehr verständlich.» Die Wirtin eines in der Nähe liegenden Restaurants erklärt, dass sie Verständnis für Proteste und Bedauern mit den Landwirten hat. Alle Befragten aber äusserten zum Schluss der Gespräche immer das Gleiche: «Schweizer, bewahrt um Gottes Willen eure politische Unabhängigkeit!». Einer meinte zum Abschied: «Geh mit Gott, aber geh nicht in die EU!»
«Was will unsere Regierung? Bürgerkrieg? Ich hoffe auf einen Weihnachts-Waffenstillstand!»
Arnaud Rousseau, Bauernpräsident FNSEA
Die Eskalation der gefährlichen Situation liegt in der Luft
Am Freitagmorgen erklärte die Regierungssprecherin Maud Bregeon, dass keine weiteren Blockaden geduldet würden. Der Präsident der FNSEA, Arnaud Rousseau, erklärt darauf, «Wir sind nicht zum Spass hier, es liegt daran, dass uns Antworten fehlen. Weder in Brüssel noch in Paris gibt es eine Vision. Was will unsere Regierung? Bürgerkrieg? Will sie die landwirtschaftliche Welt provozieren? Wir rufen alle zur Vernunft auf! Und ich hoffe auf einen. Waffenstillstand über die Feiertage.» Grosse Hoffnungen setzt Rousseau in sein Gespräch mit dem französischen Premierminister Sébastien Lecornu am Freitagnachmittag. Er erinnert auch daran, dass sein Verband die von der Regierung umgesetzte wissenschaftliche Lehre unterstützt. Er ermutigt «diejenigen, die verfügbar sind, den Tierärzten zu helfen, die betreffenden Herden zu impfen». Die Regierung hat ihre Impfkampagne in den von DNC-Ausbrüchen betroffenen Gebieten beschleunigt.