Massive, steinerne Säulen und Rundbögen: Fast wie eine alte Kapelle wirkt die Wohnküche des Hofs Le Bas-Monsieur in La Cibourg NE. Die Kinderspielsachen am Boden zeigen aber, dass es hier weltlich und familiär zugeht. «Das Haus wurde 1631 erbaut», erklärt Anna Maria Kaufmann. «Schon die Urgrosseltern meines Mannes François lebten hier.»  

Anna Maria Kaufmann ist christkatholische Theologin und Landwirtin. Der Glaube, die Landwirtschaft wie auch der Hof Le Bas-Monsieur begleiten sie schon seit ihrer Kindheit. «Mein Vater Gottfried Konrad wuchs in Österreich als Sohn des Verwalters auf einem Gutshof auf und wollte in der Schweiz selbst einen Hof übernehmen», erzählt sie. Er begann die landwirtschaftliche Ausbildung und arbeitete auf dem Hof Le Bas-Monsieur, den damals der Grossvater von François Kaufmann bewirtschaftete. Doch mit der Zeit realisierte Gottfried Konrad, dass ihn ein anderer Berufsweg mehr anzog: Er studierte in Bern Theologie und wurde christkatholischer Pfarrer.

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Als Pfarrerstochter aufgewachsen

Anna Maria Kaufmann wuchs in Kaiseraugst, Luzern und Zürich auf, wo ihr Vater jeweils eine Pfarrstelle hatte. Mit 18 kam sie in den Jura, um Französisch zu lernen, und lernte dabei auch gleich ihren späteren Mann kennen. «Mir der Kirche hatte ich damals wenig am Hut», sagt sie. Trotz Matura reizte sie auch kein Studium, vielmehr begann sie auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu arbeiten und absolvierte dann in Cernier die landwirtschaftliche Winterschule. «Zum Leidwesen meiner Schwiegereltern», erinnert sie sich schmunzelnd. «Aus ihrer Sicht hätte ich besser die Bäuerinnenschule gemacht.»

Anna Maria und François Kaufmann heirateten und übernahmen den Hof 1985. Das Paar bekam drei Kinder, betrieb rund 20 Jahre Milchwirtschaft, baute Getreide an und hielt Schafe. «Wir sind hier auf 1000 Metern über Meer. Man kann sich den Hof als eine Art ganzjährigen Alpbetrieb vorstellen.» Anna Maria Kaufmann arbeitete nach einer zusätzlichen Ausbildung zudem in La Chaux-de-Fonds als Katechetin – und bekam dabei Lust auf «mehr».

Schliesslich begann sie 1995 in Bern ein Theologiestudium. «Bis ich es abschloss, brauchte es zehn Jahre, inklusive einem Praxisjahr», sagt sie. «Denn das jüngste unserer Kinder war bei Studienbeginn eben erst in die Schule gekommen.» 2005 wurde sie als eine der ersten christkatholischen Priesterinnen in La Chaux-de-Fonds geweiht und übernahm dort auch ihre erste Pfarrstelle. Sie habe sich immer als Grenzgängerin gefühlt, sagt die Theologin: Unterwegs zwischen Stadt und Land, zwischen Deutsch und Französisch, zwischen Männer- und Frauendomänen.

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Bio passte besser

«Als ich als Pfarrerin anfing, haben wir mit der Milchwirtschaft aufgehört», erzählt Anna-Maria Kaufmann weiter. «Denn Landwirt und Pfarrerin zu sein bedeutet auch, Berufe zu haben, in denen man 150 Prozent arbeitet.» François Kaufmann übernahm stattdessen Jungvieh zur Aufzucht. Zudem konnte Anna Maria Kaufmann ihren Mann davon überzeugen, 1998 auf Bio umzustellen. «Das war mir wichtig, gerade auch als Pfarrerin: Sorge tragen zur Schöpfung. Den Boden mit Pestiziden zu bearbeiten, war für mich unvorstellbar.» Der Wechsel bewährte sich, reich wurde die Familie damit nicht. «Im Vergleich zu Bauern, die voll produzieren, sind wir fast randständig», so Anna Maria Kaufmann.

Grundsätzlich hätten die Landwirtschaft und das Pfarramt gut zusammengepasst, so die 65-Jährige weiter. «Jesus brauchte viele landwirtschaftliche Gleichnisse.» Sie selbst habe dabei aber oft mehr Realitätsbezug gehabt. «Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn ein Lamm, das man auf den Schultern trägt, einem anpieselt», meint sie mit einem Lächeln.

Nach acht Jahren wechselte sie als Pfarrerin nach Bern, wo sie bis zu ihrer Pensionierung im letzten Jahr blieb. Auch auf dem Hof gab es Veränderungen: Sohn Guillaume, der Literatur studiert hatte, entschied sich für eine landwirtschaftliche Zusatzausbildung und übernahm Anfang des Jahres den 25 ha grossen Betrieb. «Wir hatten nicht damit gerechnet, dass eines der Kinder übernimmt», sagt seine Mutter. «Doch natürlich freuen wir uns jetzt umso mehr.» Als zusätzliches Standbein hat Guillaume Kaufmann 60 Bienenstöcke auf dem Betrieb angesiedelt und verkauft Bio-Honig.

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Wieder mehr auf dem Hof

Für Anna Maria Kaufmann ist der Alltag gemächlicher geworden. Statt regelmässig nach Bern zu pendeln, hütet sie nun zweimal in der Woche fünf Enkelkinder zwischen einem und zehn Jahren. Jeden Dienstag kocht sie für alle auf dem Hof. Dazu gehören neben Guillaume Kaufmann und seiner Familie auch ihre Schwägerin, die im Stöckli wohnt. «Ich bin dabei, Sachen wieder aufzubauen, die ich während meiner externen Berufstätigkeit aufgegeben habe.» Dazu gehört, den Gemüsegarten zu bewirtschaften, aber anders als früher. «Damals hatten wir einen Selbstversorgergarten. Heute ist es eher ein Beobachtergarten. Es kommt, was kommt.» Gemeinsam mit der Schwägerin plant sie zudem, Hühner zu halten. «Und ich vermisse die Schafe.»

Der heutigen Landwirtschaft steht Anna Maria Kaufmann kritisch gegenüber. «Wir machen einfach weiter und denken, es geht dann schon», sagt sie. «Dabei sollten wir anders leben. Doch obwohl wir zunehmend die Schäden an der Umwelt sehen, geschieht zu wenig.» Es braucht aus ihrer Sicht einen Systemwechsel, bei dem das Geldverdienen nicht an oberster Stelle steht. «Der Mensch darf nicht alles machen, was er will.»

Auch der viel zitierte Bibelsatz aus der Schöpfungsgeschichte «Macht euch die Erde untertan» sei dafür keine Legitimation. Denn ursprünglich auf Hebräisch geschrieben, bedeute er auch, zur Schöpfung Sorge zu tragen. Doch im Lateinischen überwiege dann der herrschaftliche Aspekt (dominieren). «Aber man kann nicht nur nehmen.»

Auch ihr Blick auf die Kirche hat sich verändert. «Christkatholisch ist meine Familie», betont sie. «Doch mein Glaube ist umfassender geworden und noch mehr in die Breite gegangen.» Sie könne sich mehr auch auf andere Religionen einlassen, denn letztlich sei alles ein grosses Ganzes. «Mir geht es noch mehr um das Göttliche, den Ursprung, die Quelle. Jeder hat seine eigene Familie, die der jeweiligen Kultur angepasst ist.»

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Freude an der Krippe

Die Adventszeit und Weihnachten werden auf dem Hof Le Bas-Monsieur ruhig gefeiert. «Früher waren am 24. und 25. Dezember immer Gottesdienste und erst am 26. feierten wir die Familien-Weihnachten. Das haben wir so beibehalten.» In der christkatholischen Kirche in Bern stellt sie noch immer gemeinsam mit einigen Frauen eine grosse Krippe mit handgefertigten Schwarzenberger-Figuren auf.

Im Gegensatz zu früher spürt sie heute weniger Druck, gerade auch Ende Jahr. «Ich kann mehr in die Ruhe gehen und schauen, was ich damit erlebe. Ich kann die Begegnung geniessen, die jetzt gerade ist, und ich habe weniger das Gefühl im Nacken von <Ich muss, ich muss und werde trotzdem nie fertig mit der Arbeit>.»

Grosse Umbruchpläne hat sie daher nicht. Sie hofft, mit ihrem Mann eine längere Pilgerwanderung machen zu können, vielleicht einen, vielleicht drei Monate unterwegs zu sein. «Doch ich kann machen, was ich möchte, und muss gar nichts mehr.» 

Fragen an Anna Maria Kaufmann
 
Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu?
Es ist mir wichtig, dass ich am Morgen genügend Zeit habe, um vor dem Frühstück eine Stunde zu meditieren.

Was möchten Sie sich angewöhnen?
Regelmässig wandern zu gehen.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz?
Der Garten oder der Waldrand oberhalb des Hofs.

Wie offen reden Sie über Ihre Finanzen?
Recht offen. Das war ein Thema bei der Hofübergabe.

Was kochen Sie am liebsten?
Ich habe 20 Jahre kaum gekocht. Jetzt habe ich Freude daran herauszufinden, was man mit Gemüse alles machen kann.

Was ist Ihr Lieblingslied und warum?
Ich singe viele Mantras, christliche und auch solche alus anderen Religionen.