Auf dem Bio-Betrieb von Sandra und David Bigler im östlichen Rand der Stadt Bern läuft etwas. Der Vater reinigt die Futtererntemaschine, die ihren Dienst getan hat, der Lernende schnürt sich die Arbeitsschuhe und macht sich für den zweiten Teil des Tages bereit und vor der «Buurehof-Kita» von Biglers rüsten sich Kleinkinder für ein Trettraktor-Rennen. «Kommen Sie herein», sagt die aufgestellte Bäuerin und bittet an den freigeräumten Küchentisch.
Als das Paar das stadtnahe Melchenbühlgut in Gümligen BE im Jahr 2021 zum Verkehrswert kaufte, war ihnen bewusst, dass mit der landwirtschaftlichen Produktion allein kein Überleben möglich ist. Das Thema einer Kindertagesstätte auf dem Bauernhof hatte sich deshalb rasch angebahnt. Auch, weil sich die gelernte Betreuungsfachfrau nach der Geburt ihrer Tochter nicht mehr vorstellen konnte, in die Branche zurückzukehren, wie sie momentan ist.
«Es wäre mit weniger gegangen»
Die frühere Kita-Leiterin spricht in diesem Kontext von überlasteten Betreuungsfachpersonen und einem oft unbefriedigenden Betreuungsschlüssel, was in der Folge zu unzufriedenen Eltern und Kindern führe. Aus diesem Grund wusste sie nicht nur, was sie wollte, sondern auch, was sie nicht wollte. «Mir ist es wichtig, eine Umgebung zu kreieren, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen», sagt sie. Es ist ihr ein Anliegen, dass in ihrer Kita jeden Tag frisches Essen in Bioqualität auf den Kita-Tisch kommt und dass der Betreuungsschlüssel sowie die pädagogische Qualität stimmt.
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Seit zwei Jahren betreut ein Team von Fachpersonen und Lernenden jeweils maximal 14 Kleinkinder pro Tag im Alter von 3 Monaten bis zum Kindergarteneintritt. Dass eine solche Institution in der Landwirtschaftszone genehmigt worden ist, hat unter anderem mit der Ausbildung der Betriebsleiterin zu tun, und weil eine Kita die Kondition eines sozialen Zwecks erfüllt. «Ohne einen entsprechenden beruflichen Hintergrund wäre dieses Projekt nie zustande gekommen», so Sandra Bigler. Ihr Mann, David Bigler, ist Elektriker und Landwirt. «Ich hatte anfänglich grossen Respekt vor diesem unternehmerischen Schritt und vor dem Risiko, das diese Investition mit sich bringt», erinnert sich die umtriebige Mutter. Aber weil die beruflichen und räumlichen Faktoren gegeben waren, entschied sich das Paar, den Schritt zu wagen.
«Man muss sich von der Masse abheben»
«Die zu betreuenden Kinder fliegen einem heute nicht mehr zu. In der Stadt gibt es massenhaft Betreuungsplätze – deshalb muss man sich von der Masse abheben», weiss die junge Frau. Und das tut die «Buurehof-Kita» offenbar, denn schon vor dem zweijährigen Bestehen der Kita existiert eine Warteliste. Nun kommen Kinder von nah und fern – wie das Personal auch.
Schon bevor die Webseite online war, hatten Biglers einen Stapel mit Bewerbungen auf dem Tisch. Sandra Bigler erklärt sich den personellen Ansturm damit, dass diese Personen «vom System gebrannt» seien. Die Kita wachse nicht mehr, weil sie dies aus raumplanerischen Gründen gar nicht könne. «Das gibt den Angestellten natürlich Sicherheit und dem Betrieb eine familiäre Note.» Sie stellt fest, dass Kita-Trägerschaften heutzutage schnell wachsen wollen.
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Die junge Familie hat viel in die erfolgreiche Kita auf dem Bauernhof investiert. «Es wäre auch mit weniger gegangen», weiss die Fachfrau. Beispielsweise könnte sie laut dem gesetzlichen Mindestbetreuungsschlüssel weniger Fachpersonal für die vorliegende Gruppengrösse anstellen. Das würde ihrer Vorstellung einer qualitativ hochwertigen Kita aber widersprechen.
Auch betreffend der Pädagogik fährt Sandra Bigler eine klare Linie, wobei es nicht bei jedem Lernziel um die Landwirtschaft gehen muss: «Wir vermitteln nicht nur landwirtschaftliche Themen. Die Kinder sollen offen sein für die Welt», betont sie. Aber klar ist: «Wenn ein Kind abends sauber nach Hause geht, war es nicht genug lang draussen», ergänzt Bigler mit einem Schmunzeln.
«Der eine Betriebszweig funktioniert nicht mehr ohne den anderen – es ist symbiotisch.»
Biolandwirt David Bigler
Die Kita hat den Stall ermöglicht
Mittlerweile macht der Umsatz der Kita Investitionen in die landwirtschaftlichen Betriebszweige möglich. «Gesehen auf die beanspruchte Fläche, ist der Deckungsbeitrag für die Bewirtschaftung der Kita definitiv höher als derjenige für einen Milchviehstall», scherzt der Betriebsleiter. Wichtig zu betonen ist, dass der eine Betriebszweig nicht mehr ohne den anderen funktioniert – es ist symbiotisch. Die landwirtschaftliche Anbindung mache die Kita zu dem, was sie ist.
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«Die Kita hat den Bau des neuen Milchviehstalls mit 48 Kuhplätzen mitfinanziert», gibt David Bigler offen zu. Die Betonarbeiten wurden gerade eben abgeschlossen – gezügelt wird bis Ende Jahr. Mit dem Einzug in den neuen Stall folgt auch eine neue Strategie: Ab Januar will David Bigler mit der muttergebundenen Kälberaufzucht (MuKa) in Kombination mit einem Roboter-Melksystem starten. «Ich habe eine Idee, wie das aussehen könnte», meint der Biolandwirt. Seine frühere Tätigkeit als Servicetechniker hat ihm diesbezüglich einige Einblicke ermöglicht.
«Ich vermisse es, einen Arbeitsweg zu haben.»
Sandra Bigler
Ein Bau mit vier Optionen
Der Pragmatiker hat den Stall für vier Optionen bauen lassen. Ausgerichtet ist er, wie erwähnt, für das System MuKa. «Wenn es nicht funktionieren sollte, gehen wir zurück zur Standard-Biomilchproduktion oder zur Mutterkuhhaltung. Und wenn sich diese eines Tages auch trotz der Labels nicht mehr lohnen sollte, steht uns immer noch ein universell gebautes Gebäude zur Verfügung», so David Bigler.
Er ist stolz auf die Veränderungen des Betriebs: «Ich arbeite möglichst zukunftsorientiert, sowohl im als auch am Betrieb. Wichtig ist mir, die Sache unvoreingenommen zu betrachten.»
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Trotzdem verschwimmen die Grenzen zwischen Kita, Betrieb und Privatleben, wie die beiden konstatieren. «Man muss diese Nähe auch tolerieren können», schiebt Sandra Bigler nach. Sie arbeitet sehr flexibel zwischen 40 % und 100 % in der Kita, die sie von ihrem Kochherd aus direkt vor sich hat. Sie redet die Sache nicht schön: «Manchmal fehlt mir die physische Abgrenzung zur Arbeit. Ich vermisse es beispielsweise, einen Arbeitsweg zu haben, einfach mal für mich zu sein, meine Musik zu hören, etwas den Kopf zu lüften.»
Schliesslich haben beide für die laufenden Projekte auf dem Betrieb «all ihre Hobbys vorerst auf Eis gelegt», wie sie sagen. Aber wenn man beim Mosten der Äpfel, Eier ausnehmen oder Füttern der Kühe, die Freude in den Gesichtern der Kinder sieht und die positiven Feedbacks der Kunden entgegennimmt, mache das alles wett, sagt Sandra Bigler mit einem müden, aber zufriedenen Lächeln.