Starkregen, Murgänge, Rutschungen, Hagel oder sommerliche Trockenheit: Was früher als Ausnahme galt, tritt heute häufiger auf. Die meteorologischen Daten weisen klar auf intensivere Niederschläge und längere Hitzephasen hin. Für die Landwirtschaft bedeutet das grössere Ernteschwankungen, beschädigte Infrastrukturen und steigende Planungsunsicherheiten.

Der Bund hat in den letzten Jahren zahlreiche technische und rechtliche Grundlagen geschaffen, um Gefahren besser zu beurteilen und Massnahmen zu koordinieren. Das allein reicht jedoch nicht – denn jeder neue Starkregen erinnert daran, dass Prävention kein abstraktes Konzept ist, sondern eine Frage der täglichen Existenz von Bauernbetrieben.

Schangnau 2014: Der Tag, der alles veränderte

Am Frühstückstisch auf dem Schwand erzählen Erika und Hans Gerber, welche Spuren das Unwetter im Juli vergangenen Jahres hinterlassen hat. Sohn Hansueli hört aufmerksam zu. (Bilder Simone Barth) Unwetter in Schangnau Es bleiben die Narben Thursday, 6. August 2015 Ein Beispiel dafür ist die Familie Gerber aus Bumbach, Schangnau BE. Im Sommer 2014 war die Region von einem schweren Unwetter betroffen, das den kleinen Bach vor ihrem Haus innert Minuten in einen reissenden Strom verwandelte. Schlamm und Wasser drangen in die Wohnräume ein, der Stall wurde innert weniger Minuten auf eine Höhe von zwei Metern geflutet, Gebäude mussten später umfassend saniert werden.

Gerbers erzählten danach, wie sehr dieses Ereignis nachwirkte. Nicht nur das Materielle: Die Unsicherheit, ob sich der Bach bei einem weiteren Unwetter erneut verlegen oder an anderer Stelle ausbrechen würde, blieb bestehen. Die Geröllmassen am gegenüberliegenden Ufer erinnerten sie noch Jahre später daran, wie wenig es braucht, bis das Gleichgewicht wieder kippt. Das Vertrauen in Verbauungen und technische Schutzmassnahmen, so erklärten sie damals, sei wichtig – aber nie vollständig beruhigend.

Kemmeriboden 2022: Hochwasser zeigt die Verletzlichkeit ganzer Täler

Acht Jahre später traf ein anderes Ereignis dieselbe Region erneut, wenn auch an einem anderen Ort. Im Juli 2022 löste ein intensives Gewitter über dem Hohgantgebiet eine Flutwelle aus, die den Kemmeriboden überrollte. Das bekannte Hotel Kemmeribodenbad wurde stark beschädigt, Wasser und Geschiebe drangen tief ins Gebäude ein.

Auch landwirtschaftliche Betriebe in der Umgebung mussten aufräumen, Strassen waren blockiert, Zäune und Wiesland überflutet. Obwohl die Familie Gerber von diesem Ereignis nicht derart stark betroffen war wie 2014, machte dieses erneut deutlich, wie rasch das Bumbach-Tal angesichts seiner Topografie in den Fokus geraten kann – und dass die ländliche Infrastruktur bei jedem Unwetter lückenlos funktionieren muss, damit keine weiteren Schäden entstehen.

Neue Grundlagen – und was sie für Bauern bedeuten

Um solchen Ereignissen vorzubeugen, hat der Bund in den letzten fünf Jahren zentrale Grundlagen überarbeitet:

Hagel: Ein neues Modell zeigt detaillierter, wo Hagel heute häufiger auftritt. Daraus entstehen aktualisierte Gefährdungskarten, die Versicherungen und Planer nutzen, aber auch Bauern bei der Risikoeinschätzung unterstützen.

Hochwasser und Starkregen: Aktualisierte Extremniederschlagswerte aus ganz Mitteleuropa fliessen in Bau- und Entwässerungsnormen ein. Besonders relevant für Betriebe: Hofentwässerungen, Drainagen, Zufahrtswege und bauliche Anpassungen werden künftig mit präziseren Grundlagen geplant.

Gefahrenzonen und Schutzbauten: Im Wasserbaugesetz wurden die Vorgaben zur Ausscheidung von Gefahrenzonen geschärft. Gleichzeitig stärkt der Bund die bestehenden Schutzbauten – ein wichtiges Thema gerade in Bergregionen, in denen viele Höfe auf funktionierende Verbauungen angewiesen sind.

Objektschutz rückt stärker in den Fokus

Ein klarer Trend zeigt sich bei den kantonalen Gebäudeversicherungen: Objektschutz soll einfacher und gezielter gefördert werden. Dazu gehören Beratungen direkt vor Ort, finanzielle Beiträge für bauliche Schutzmassnahmen und die stärkere Betonung von Naturgefahren in den einschlägigen Bau- und SIA-Normen.

Für landwirtschaftliche Betriebe betrifft das nicht nur Wohnhäuser, sondern vor allem Ställe, Maschinenhallen und Futterlager. Schutzmassnahmen, die früher als «nice to have» galten, werden allmählich zum Standard.

Starkregen und Entwässerung: Neue Richtlinie als Schlüssel

Mit einer neuen Richtlinie zur Siedlungsentwässerung wird der Umgang mit Oberflächenabfluss modernisiert. Bauernbetriebe erleben häufig, wie Hangwasser nach Starkregen in Ställe oder Kellerräume drückt. Die Richtlinie legt fest, wie Gemeinden und Planer künftig Notwasserwege, Rückhaltebereiche und Ableitungen gestalten sollen – ein Thema, das im ländlichen Raum zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Speicherseen unter neuer Verantwortung

In alpinen Gebieten sollen Speicherseen künftig, wenn möglich, zur Hochwasserdämpfung beitragen. Die gesetzlichen Grundlagen wurden so angepasst, dass Konflikte zwischen Schutz und Nutzung klarer geregelt werden. Dazu gehören auch Entschädigungen, wenn Rückhaltungen wirtschaftliche Einschränkungen verursachen.

Warnsysteme: Wenn Minuten entscheidend sind

Damit Warnungen zuverlässig ankommen, hat der Bund die Alarmierungsinfrastruktur modernisiert. Ein einheitliches Warnformat, genauere Prognosen und technische Redundanzen sollen dafür sorgen, dass Bevölkerung und Einsatzkräfte früher reagieren können. Für abgelegene Bergbetriebe kann das den Unterschied machen, ob Tiere noch rechtzeitig ins Trockene gebracht oder Maschinen gesichert werden können.

Wissen aufbauen – und weitergeben

Parallel dazu soll die naturgefahrenbezogene Aus- und Weiterbildung ausgebaut werden. Landwirtschaftliche Beratung, Planungsbüros und Gemeinden sollen besser geschult werden, um Risiken früh zu erkennen. Forschungsprogramme beschäftigen sich zudem verstärkt mit gravitativen Naturgefahren und mit der Frage, wie sich Schutzanlagen langfristig finanzieren lassen.