Heute sind es 50 Betriebe, bald sollen es 500 werden: Das Projekt «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» startet 2026 in die Expansionsphase. Co-Projektleiter Gianluca Giuliani stellte am Klimagipfel für Landwirtschaft und Esskultur in Landquart GR provisorische erste Ergebnisse nach fünf Jahren Pilotphase vor.
Die Analysen weisen nur eine kleine Reduktion der Treibhausgase durch die beteiligten Betriebe nach. «Aber es wurden vier Prozent mehr Lebensmittel produziert», ergänzte Giuliani. Zahlen standen im Klimagipfel aber nicht in Vordergrund. Vielmehr zeigten zahlreiche Erfahrungsberichte aus der Praxis, wie viel sich auf den Bündner Betrieben dank des Projekts bewegt hat.
«Wir wussten zu wenig über den Boden»
So etwa auf dem Biohof Las Sorts in Filisur GR. Die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel begann für Betriebsleiter Marcel Heinrich allerdings bereits im Hitzesommer 2003. «Damals habe ich beschlossen, meinen Betrieb resilienter zu machen und einen Beitrag zu leisten, damit es nicht noch schlimmer wird.» Er habe mit Untersaaten und Gründüngungen gearbeitet, sei aber einfach nicht so vorwärtsgekommen. «Wir wussten zu wenig über den Boden – in der Schule haben wir nur dessen Physik gelernt, nicht aber seine Chemie und Biologie», erklärte Heinrich am Klimagipfel. Die regenerative Landwirtschaft, die er im Projekt kennenlernte, sei ihm eine grosse Hilfe gewesen.
Heinrichs früherer Lehrling, der heutige Meisterlandwirt Clau Deplazes, hat gemeinsam mit seinem Lehrmeister Neues gelernt. «Landwirt ist mein Traumberuf, bei Marcel habe ich Abenteuergeist und die Bodenaufwertung miterlebt – so haben wir das Potenzial, die Zukunft der Landwirtschaft mitzugestalten», zeigte er sich überzeugt.
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Keine Rezeptlösung, aber eine Spatenmaschine und Agroforst
Auf Las Sorts wird Komposttee zur Stärkung der Kulturen gegen Schädlinge und Stress eingesetzt. EM kämen im ganzen Stall zum Einsatz, sagte Marcel Heinrich. Das verhindere das Aufkommen von Fäulnisbakterien und mache die Gülle geruchslos. Die Reduktion der Bodenbearbeitung stellte für den Biolandwirt die grösste Knacknuss dar. «Viel erreichen wir durch Untersaaten», erklärte er. So werde Gerste zusammen mit einer Kunstwiese gesät, die nach dem Dreschen einen ersten Schnitt gebe und sich im nächsten Jahr entwickeln könne. Generell gebe es keine Rezeptlösung. «Ich habe für meinen Betrieb die Lösung in einer Spatenmaschine gefunden.»
Im Rahmen des kantonalen Klimaprojekts hat Marcel Heinrich ausserdem rund 200 Bäume gepflanzt und einen Agroforst angelegt. «Das ist eine sehr professionelle Sache», stellte er klar. Auf der Hauptackerfläche des Betriebs stehen drei sorgfältig platzierte Baumreihen. Die Wurzeln zum Acker hin werden weggepflügt. «Die Bäume sind überhaupt kein Hindernis und es ist kein Minderertrag bei den Kulturen dazwischen zu erwarten», so Clau Deplazes.
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Projekt zur Zucht auf weniger Methan
Zur Reduktion der Treibhausgase aus der Tierhaltung gebe es drei Ebenen, zählte Beat Bapst von der Qualitas AG auf: Betrieb (etwa Hofdüngermanagement, Futterzukauf), Herde (Nutzungsdauer, Remontierungs-Strategie) und Tier. Bapst konzentrierte sich auf Letzteres und erläuterte den Stand der Zucht hin auf geringere Emissionen im Rahmen des Projekts «CH4Cow» der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR). «Das ist ein vielversprechender, junger Ansatz», findet Bapst, der das Projekt leitet. In verschiedenen Ländern werde dazu geforscht, Standards fehlen aber bisher. Auch gebe es noch viele offene Fragen zu Umsetzung, Akzeptanz, Preisen usw.
Die Fütterung auch fürs Klima optimieren
Fritz Mani aus Chur GR hat im Rahmen des Klimaprojekts zwar Bovaer als methanhemmenden Futterzusatz eingesetzt und experimentiert im Moment mit demselben Ziel mit Cholin. Für ihn ist aber klar: «Die Fütterung ist klimatisch und wirtschaftlich optimierbar.» Das beginnt auf seinem Betrieb mit einer homogenen Mischung der Ration (dank Mischwagen) und genügend Struktur (regelmässig Messer des Mischwagens wechseln), über jährliche Dürrfutteranalysen bis hin zur Zugabe von Wasser. «So werden Grund- und Kraftfutter besser gemischt», begründete der Landwirt.
Pro Jahr setze er etwa zwei Stunden Zeit dafür ein, die Rationen zu berechnen. «Das ist bestbezahlte Arbeit.» Ein Teil seiner Tiere geht im Sommer jeweils auf die Alp, wo auf eine ausreichende Mineralstoffversorgung zu achten sei. «Kuh, Klima und Berg – das passt für mich zusammen», zog Mani ein Fazit zum Titel seines Referats. «Dafür muss man offen sein für Neues, man muss ausprobieren, Funktionierendes und Altbewährtes behalten und anderes verwerfen.»
Längere Halme, mehr Wurzeln
Diesem Credo ist Chris Gilli gefolgt. Der Agronom aus Sufers GR hat sich mit Humusaufbau und Bodenschutz auseinandergesetzt – allerdings in Wiesen und Weiden statt im Ackerbau. «Dauergrünland ist dank der Bedeckung, der diversen Pflanzen, des Verzichts auf Bodenbearbeitung und Hofdüngergaben schon fast das Beste für den Boden», findet er. «Aber es müssen trotzdem einige Punkte beachtet werden.»
Gilli zeigte das Bild eines alten wissenschaftlichen Versuchs, das ihn sehr beeindruckt habe: unterschiedlich tief geschnittene Grasbüschel mit dem jeweiligen Wurzelsystem, wobei unter den kurzen Halmen ein nicht annähernd so dichtes und tiefreichendes Netz zu sehen ist wie unter hohem Gras. Man sollte weder zu tief weiden noch zu tief mähen, da das sonst zulasten des Wurzelwachstums gehe, so Gillis Schlussfolgerung. «Ich denke, hier haben wir noch viel Potenzial.»
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Die Weide mit etwas Abstand beurteilen
Um die ober- und unterirdische Biomasse des Grases zu maximieren, nutzt Chris Gilli seine einzelnen Koppeln im Frühling und Herbst nur einen halben bis drei Tage lang und lässt ihnen danach 5–7 Wochen Pause. Die passende Parzellengrösse zu finden, sei schwierig, schilderte der Bündner. «Aber ich sehe lieber noch ein paar grössere Horste, als dass das Gras zu tief abgefressen ist.» Eine Weide schaue man am besten von etwas weiter weg an: Sie sollte auch nach der Nutzung grün statt gelblich-braun sein.
Zu den Punkten, die es in der Graslandbewirtschaftung zu berücksichtigen gilt, zählt Chris Gilli ebenso Folgendes:
Gleichgewicht zwischen Düngung und Nutzung: Nicht zu viel Düngen und damit die Mikroorganismen umgehen, aber auch nicht zu wenig, da sonst die Photosynthese eingeschränkt wird.
Hofdünger aufbereiten: Kompost sei die beste, aber auch die aufwändigste Variante. «Je besser das Material vorverdaut ist, desto besser ist die Ausnutzung der Nährstoffe», so Gilli. Mist sollte nicht faulen und mit Gülle müsse man am meisten aufpassen, weil darin andere Mikroorganismen als im Boden vorkommen und potenziell Schaden entstehen könne.
Verdichtung: Auch leichte Maschinen könnten bei schlechter Befahrbarkeit den Boden verdichten, warnte der Landwirt. Daher solle man, wenn immer möglich, bei guten Bedingungen Gülle ausbringen und Silage ernten.
Die Teilnahme soll weiter freiwillig bleiben
Das Projekt klimaneutrale Landwirtschaft ist laut den Verantwortlichen «kompromisslos bottom-up». Eigene Projekte der Betriebsleitenden wurden in der Pilotphase unterstützt und ein Scheitern in Kauf genommen. Die Teilnahme soll auch in der Expansionsphase freiwillig bleiben. «Die Betriebe stehen im Zentrum und sollen ins Handeln kommen», hielt CO-Projektleiter Gianluca Giuliani fest. «Wir haben die Trainer, wir haben die Mannschaft – die Landwirt(innen) – und präzisieren nun die Spielregeln», sagte Daniel Buschauer, Leiter Amt für Landwirtschaft und Geoinformation des Kantons Graubünden. Der Austausch unter Praktikern und auch mit der Wissenschaft sowie die Wissensvermittlung werden weiter grossgeschrieben. Und man war sich am Klimagipfel einig: Tiere bleiben Teil des Systems.

