Die Milchbranche wurde von den hohen Einlieferungen auf dem falschen Fuss erwischt. Erste Massnahmen sind beschlossen, weitere werden folgen. Wir haben bei Milchproduzentin Sabrina Schlegel, Präsidentin der Mittelland Milch mit Sitz im aargauischen Suhr nachgefragt. In ihrem Verein sind Emmi-Direktlieferanten organisiert, darunter viele Aargauer Betriebe.
Sarbrina Schlegel, nach ein paar ruhigeren Jahren auf dem Milchmarkt, wird 2026 herausfordernd. Was macht die Mittelland Milch?
Sabrina Schlegel: Gerade in dieser angespannten Lage können und müssen wir beweisen, dass wir mit Emmi eine gute Zusammenarbeit haben und Lösungen gemeinsam getragen werden. Wir beteiligen uns zusammen mit unserer Verarbeiterin an den Kosten für die aktuell notwendigen Fettexporte. Hier konzentrieren wir uns auf unseren Marktanteil in der Milchbranche, damit die Mengen fair verteilt sind. Zudem rufen wir unsere Produzenten dazu auf, ihre Produktion einzuschränken, den Tierbestand zu reduzieren und, wenn immer möglich, Milch auch anderweitig zu verwerten, z. B. in der Kälbermast.[IMG 2]
«Wir sind froh um jede Kuh, die nicht gemolken wird.»
Sabrina Schlegel über die aktuelle Situation
Welche Rückmeldungen haben Sie von Berufskollegen?
Das Futter vom 2025 ist hervorragend. Die meisten haben mehr Milch, obwohl die Kuhbestände nicht zugenommen haben. Das trifft insbesondere auf Betriebe zu, die in erster Linie Grundfutter füttern. Was in anderen Jahren sehr erfreulich gewesen wäre, belastet nun den Markt. Die Schlachtviehpreise sind gut, und wir sind froh um jede Kuh, die nicht gemolken wird. Da die angespannte Lage aller Voraussicht nach aber vorübergehend ist, zögern viele, ihre Produktion zu drosseln. Auch wenn die variablen Kosten mit dem C-Milchpreis nicht gedeckt sind, rechnet man lieber mit einem Durchschnittspreis, der es immer noch erlaubt, einen positiven Deckungsbeitrag zu erwirtschaften und somit die hohen Fixkosten mitzufinanzieren. Hier muss aus meiner Sicht umgehend ein Umdenken stattfinden. Die überschüssige Milch darf nicht produziert werden, wenn wir keinen Preiszerfall wollen.
Reagierten Sie auf Ihrem Betrieb bereits auf die aktuelle Situation?
Ja, mein Stall ist im Moment nicht voll belegt und ich verkaufe keine Tränker mehr.
Wachstumsbetriebe, speziell im Mittelland, haben die Milchproduktion in den vergangenen Jahren teils massiv ausgebaut und in Automatisierung investiert. Was bedeutet dies für den Milchmarkt inskünftig?
Es ist auch nicht so, dass wir eine nie dagewesene Milchschwemme hätten, die Produktionsmengen waren schon höher und der Selbstversorgungsgrad sinkt stetig. Es sind verschiedene Faktoren, die zur aktuellen Lage beigetragen haben. Der ungünstige Wechselkurs und die US-Zölle, sowie die ebenfalls hohen Milchaufkommen und stark gesunkenen Milch- und Fettpreise im Ausland erschweren Exporte zusätzlich. Wir haben zudem weniger Verarbeitungskapazitäten als in den Vorjahren und gleichzeitig sehr gute Futtergrundlagen. Weltweit ist die Situation mit der Schweiz vergleichbar, die produzierten Milchmengen sind hoch und die Preise sinken.
Langfristig wird es nicht zu viel Milch haben. Um einen Preiszerfall zu vermeiden, müssen wir sofort die Milchmenge reduzieren und dieses Jahr den Gürtel finanziell enger schnallen. Mittelfristig mache ich mir um diese Betriebe keine grossen Sorgen. Es wird uns künftig stärker beschäftigen, dass wir überhaupt genügend Milch haben, damit der Selbstversorgungsgrad nicht weiter sinkt. Und genau deshalb ist es wichtig, dass wir die Preise auf einem vernünftigen Niveau halten können und die Milchproduktion nicht noch weiter an Attraktivität verliert. Anhand mehrerer übereinstimmender Prognosen wird die weltweite Nachfrage nach Milch in den kommenden Jahren das Angebot übersteigen. Gleichzeitig sinken der Milchkuhbestand und auch die Anzahl an Milchproduzentinnen und Milchproduzenten in der Schweiz laufend, obwohl der Milchpreis in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist, bis auf ein paar Schwankungen, wie sie aktuell bestehen. Das alles deutet darauf hin, dass die momentane Lage nur vorübergehend ist.
Dann wird also der nächste Jahreswechsel für die Milchbranche angenehmer?
Es ist immer schwierig, so weit in die Zukunft zu blicken. Momentan können wir nicht sagen, ob die aktuelle Lage ein halbes Jahr, ein Jahr oder vielleicht doch noch länger andauern wird. Das hängt auch von der internationalen Entwicklung des Milchmarktes und von den Wetterbedingungen im Frühjahr 2026 ab. Ich bin mir aber sicher, dass die Situation vorübergehend ist. Wir müssen uns nun zusammenraufen, zeigen, dass unsere Branchenorganisation funktioniert und auch kurzfristig wirksame Lösungen präsentiert und Solidarität beweisen. Sonst verlieren wir alle.


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