Beat Ryser von der Vereinigung der Schweizerischen Kartoffelproduzenten VSKP führte souverän durch das straffe und anspruchsvolle Programm der Tagung an der Hochschule für Agrar-, Forst-, und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zolikofen BE. Mout de Vrieze von Agroscope erklärte in ihrem Vortrag die Kartoffelkrankheit Kraut- und Knollenfäule und deren Geschichte.
Plötzlich eine unerwünschte Vielfalt
1845 trat die Pilzkrankheit, aus Nordamerika kommend, erstmals in Europa auf. Blitzartig verbreitete sie sich und führte zu Hungersnöten in vielen europäischen Ländern (z.B.: «The great famine» in Irland). Bis 1980 gab es nur einen Erreger-Stamm, der mit resistenten Sorten und mit Fungizid-Behandlungen stark zurückgedrängt werden konnte. Um 1980 wurde ein neuer Stamm nach Europa eingeschleppt, der in der Lage war, sich mit dem bestehenden Stamm zu paaren. Das führte schnell zu einer grossen genetischen Vielfalt der Erreger, die nun nicht mehr so einfach zu bekämpfen sind.
Kraut- und Knollenfäule (Phytophthora infestans) zurückdrängen
Gerade die chemische Bekämpfung führt beim Krankheitserreger zu einem hohen Selektionsdruck. Das heisst, dass diejenigen Erreger, die den Chemieeinsatz überstehen, sich schnell und wirksam gegen die Mittel immunisieren können. Das führt zu immer aggressiveren und früher auftretenden Pilzsporen, die dann auch resistente Sorten erfolgreich angreifen können.
Wichtig ist darum laut Mout de Vrieze die Suche nach weiteren Resistenz-Genen der Kartoffelpflanzen. Dazu kommt ein flächendeckendes Monitoring in ganz Europa. Und eine engere Zusammenarbeit der wissenschaftlichen Institute, die sich im Kampf gegen Phytophthora befinden. Ein Schnelltest und eigene Analyselabors in der Schweiz könnten die Reaktionszeiten verkürzen. Heute arbeitet Agroscope eng mit einem schottischen Labor zusammen, was aber zeitlich zu Verzögerungen führt.
Für die Praxis empfiehlt Wissenschafterin de Vrieze die Verwendung verschiedener Wirkstoffgruppen zur Krankheitsbekämpfung und den konsequenten Einsatz von resistenten Sorten. Das Ziel ist das erfolgreiche Zurückdrängen der Krankheit.
Das Problem der ungenügenden Backqualität.
Stefan Vogel, HAFL, sprach über das Problem der ungenügenden Backqualität von Verarbeitungskartoffeln. Die Braunverfärbungen beim Kartoffelfleisch und andere Qualitätsmängel der Kartoffelknolle sind oft auf bakterielle Infekte zurückzuführen. Das Bakterium Arsenophonus ist unter anderem auch für das «Syndrome Basses Richesses» bei Zuckerrüben verantwortlich. Übertragen wird das Bakterium von der Schilf-Glasflügelzikade. Durch den Klimawandel wurde deren Wirkungsraum stark vergrössert, weshalb dieses Insekt heute in der ganzen Westschweiz ein Problem ist.
In den Hauptanbaugebieten von Kartoffeln wurden Schilf-Glasflügelzikaden festgestellt. Nur in der Ostschweiz gab es Standorte ohne.[IMG 2]
Für die Nymphen der Schilf-Glasflügelzikade ist Winterweizen eine Winter-Wirtspflanze; ssie können sich an den Wurzeln weiterentwickeln und im Frühling dann als adulte Tiere ausfliegen. Um diesen Übertragungsweg zu stoppen, empfehlen die Fachleute, nach Zuckerrüben keinen Winterweizen und auch keine andere Getreidesorte zu säen. Damit keine Schwarzbrache über den Winter bleibt, besteht die Möglichkeit, andere Pflanzenarten, zum Beispiel Winterleguminosen, als Gründüngungen einzusetzen.
Die Produktion von erstklassigem Pflanzgut ist aufwändig
Adrian Krähenbühl von der Saatzuchtorganisation Semag referierte über Pflanzkartoffeln. Die neuen Kaliber für Pflanzgut 30 bis 40 mm und 40 bis 50 mm haben sich unter schweizerischen Bedingungen bewährt und sind für eine genaue Anbauplanung viel besser geeignet als die alten Kaliber. Import-Pflanzkartoffeln können aber abweichende Kaliber ausweisen. Krähenbühl erläuterte auch die Probleme im Zusammenhang mit der ständigen Verfügbarkeit von genügend Kartoffel-Pflanzgut.
Sortenzucht als Lösung der bestehenden Probleme?
Zur Sortenzüchtung sprach, per Bildschirm zugeschaltet, Justus Böhm von der Firma Europlant. Seine Firma hat zum Beispiel die Sorte Agria gezüchtet. Der Aufwand, um eine neue Sorte bis zum Ertragsanbau zu bringen, ist enorm hoch und langwierig. Der Anforderungskatalog ist gross und die Liste der Ausschlusskriterien noch grösser.
Von den neuesten Zuchtmethoden stossen nicht alle auf genügend breite Akzeptanz, darum besteht für ihn ein ökonomisches Risiko, sie einzusetzen. Und die Suche nach Resistenz-Genen kollidiert oft mit anderen Kriterien wie Geschmack oder Lagerfähigkeit. Böhms Firma ist international aufgestellt und kann unter verschiedensten geografischen und klimatischen Bedingungen arbeiten.
Die Sicht der Abnehmer auf den Kartoffelmarkt der Schweiz
Raphael Müller, Inoverde, erklärte die Situation der diesjährigen Speisekartoffel-Grossernte und deren Herausforderungen. Er betonte, dass die Inlandproduktion Vorrang habe.
Fabien Curty von der Firma Zweifel sprach über die Situation bei den Veredelungskartoffeln. Auch er beteuerte, dass die verarbeitende Industrie den Schweizer Kartoffeln den Vorrang vor Importen gebe.
Bern, Waadt und Freiburg an der Spitze
1955 produzierten 160 000 Bauernbetriebe in der Schweiz auf 51000 ha Fläche rund 1,52 Mio Tonnen Kartoffeln. Die durchschnittliche Kartoffelanbaufläche pro Betrieb betrug damals rund 32 Aren. Heute sind es noch 3750 Betriebe mit durchschnittlich 3 ha Kartoffeln, die auf 11000 ha Fläche rund 450000 Tonnen Kartoffeln produzieren. Die Anbaufläche hat um 80% abgenommen, und die Gesamtproduktionsmenge beträgt noch 30 % von 1955.
Mit über 33 % der Kartoffelflächen liegt der Kanton Bern an der Spitze, gefolgt von Waadt und Freiburg (mit 17 % und 13 %). Mit 15 % der Gesamtfläche steht die Sorte Agria klar an der Spitze. Rund 80 % der Kartoffelernte dienen der menschlichen Ernährung (nach Abzug von Pflanzgut, Export und Verfütterung). Davon wird je rund die Hälfte als Speisekartoffeln und als Veredelungskartoffeln verkauft. Pro Kopf werden in der Schweiz im Jahr durchschnittlich 48 kg Kartoffeln konsumiert.