Es war ein Jahr der Superlative. Der Mehrertrag von 15 bis 20 % gegenüber einem Durchschnittsjahr brachte die Logistik während der Gross-Ernte an den Anschlag. Bei vielen Branchenakteuren fehlte es an Gebinden und Lagerplatz. Industrieware wurde in speziell dafür eingerichteten Lose-Lagern zwischengelagert.
Die Ernte ist abgeschlossen, aber die Frage, welche Instanz für die Paloxen-Knappheit verantwortlich ist, beschäftigt einzelne Branchenakteure noch immer. Das kommt in einer Kontaktaufnahme vonseiten der Produktion mit der Redaktion der BauernZeitung zum Vorschein.
«Ich bin erstaunt darüber», heisst es über Inoverde-Schreiben
Gemäss einem Schreiben, das der Redaktion vorliegt, forderte Inoverde ihre Produzentinnen und Produzenten Ende Oktober dazu auf, leer stehende Gebinde freizugeben, um die Situation zu entschärfen. Die Person, die von diesem Engpass betroffen war, und die mit der Redaktion in Kontakt getreten ist, ist «erstaunt darüber, wie Inoverde vermeidet, Verantwortung zu übernehmen, und in diesem Schreiben weiterhin die Schuld bei den Landwirtinnen und Landwirten sucht, was die Paloxen-Situation betrifft», so die Person, die anonym bleiben möchte. 7000 Paloxen waren blockiert.
Angesprochen auf diesen Vorwurf entgegnet Raphael Müller: «Mit dem Finger auf unsere Produzenten und Produzentinnen zu zeigen, wollen wir sicher nicht.» Im Schreiben habe Inoverde ihre Produzent(innen) lediglich zum Mitmachen aufgefordert: «Unsere Auswertungen im Gebinde-Clearing-Tool zeigten, dass nach Abzug der offenen Kontraktmengen über 7000 Paloxen auf den Landwirtschaftsbetrieben blockiert und nicht verfügbar waren. Diese Gebinde sind entweder mit Futter- und Übermengen befüllt, oder wurden an Dritte geliefert», so die Auswertungen des Unternehmens.
Im Brief bat Inoverde die Produzenten weiter, diese Paloxen anderen Inoverde-Produzenten zugänglich zu machen und sie spätestens nach Abschluss der Ernte an die Fenaco-Tochter zurückzuführen. «Gebinde, die an Dritte geliefert wurden, sind zurückzufordern und erneut in den Inoverde-Kreislauf zu bringen.»
«Mit dem Finger auf unsere Produzenten zeigen, wollen wir sicher nicht.»
Raphael Müller, Inoverde-Geschäftsführer im Rückblick zum Paloxen-Engpass während der Ernte 2025.
Im Schreiben an die Bauern und Bäuerinnen Ende Oktober ging es also darum, «wachzurütteln». Ziel war es, damit einen zeitnahen und reibungslosen Abschluss der Karottenernte zu garantieren, so Raphael Müller. Und das Schreiben habe seine Wirkung gezeigt: Immerhin rund 1000 Paloxen seien daraufhin freigegeben worden, was die Situation vorübergehend etwas entschärft habe. Die Branche ist sich einig: Die Ernte 2025 war äusserst herausfordernd. «Vor diesem Hintergrund lief sie schlussendlich moderat ab», schlussfolgert der Inoverde-Geschäftsführer.
Und trotzdem hat Inoverde ihre «Learnings» aus der diesjährigen Ernte gezogen, wie Müller im Gespräch einräumt. «Mit dem heutigen Wissen würden wir einzelne Entscheidungen anders oder zu einem früheren Zeitpunkt treffen», räumt er ein. Alle Akteure hätten dieses Jahr gespürt, dass eine derart grosse Ernte, wie 2025, für Verzögerungen und Engpässe sorgt, so Müller.
Mehr Kontrollmechanismen
Eine weitere Erkenntnis der Ernte 2025 ist die Möglichkeit der Lose-Zwischenlagerung von Industrieware, sagt Raphael Müller. Es ist eine Option, auf die bei Übermengen auch in Zukunft gesetzt werden kann. Darüber hinaus will Inoverde nächstes Jahr erneut zusätzliche Paloxen bereitstellen, um flexibler auf Übermengen reagieren zu können. Auch will Inoverde konsequenter überprüfen, dass Paloxen neu nicht über den Bedarf hinaus bezogen werden können. Dabei würden die bestehenden Saldi im Gebinde-Clearing-Tool genaustens überprüft, bevor ein Bezug zusätzlicher Gebinde freigegeben wird. Der Verantwortliche bei Inoverde betont, dass ausgeglichene Saldi in der Verantwortung jedes einzelnen Branchenteilnehmers liegen, um so sicherstellen zu können, dass genügend Gebinde für die Ernte bereitstehen. Nichtsdestotrotz kann und will man die Logistik hinter der gesamten Ernte nicht «überplanen» und fordert unverändert eine Staffelung der Ernte, so Müller.[IMG 2]
«Das entspricht nicht der Realität»
Im Schreiben macht die Organisation klar, dass nach Abschluss der Ernte 2025 im Gebinde-Clearing-Tool ein Saldo von Null oder nur wenigen Paloxen einzuhalten ist. Ausgenommen seien diejenigen Produzenten, die einen Eigenlagerungs-Auftrag von Inoverde hätten. Die Person, die mit der BauernZeitung in Kontakt getreten ist, hält fest, dass das Abrechnen des Tools zum Jahresende «nichts Neues» ist: «Wir werden jedes Jahr angehalten, das Saldo im Tool auf Null zu halten – und jetzt tun sie so, als hätte jeder Landwirt und jede Landwirtin Ende Jahr immer 100 Paloxen zu Hause stehen. Das entspricht nicht der Realität», so die Person.
Mehr als 50 % halten Ziel ein
Raphael Müller erklärt, dass die Einhaltung von Saldo Null tatsächlich jedes Jahr das Grundziel ist. «Unsere Zahlen zum Jahresende zeigen, dass weit über die Hälfte der Produzentinnen und Produzenten dieses Ziel einhalten. Andere wiederum haben wenige bis mehrere hundert Kisten auf Platz oder an Dritte geliefert», so Müller. In der Summe sind so immer noch mehrere tausend Paloxen nicht greifbar. «Und das ist eine Herausforderung für Inoverde – es ist wichtig, dass alle Produzenten die nötige Sensibilität für ihren persönlichen Gebindesaldo entwickeln, sonst haben wir erneut zu wenige oder gar plötzlich zu viele Gebinde», sagt Müller.
Wo sollen Paloxen herkommen? Der Engpass rund um die Paloxen war während der Ernte 2025 ein europaweites Problem, wie Raphael Müller aufzeigt. Die Lieferketten haben sich aber zwischenzeitlich entspannt und Paloxen sind wieder verfügbar. Wo also will Inoverde ihre zusätzlichen Paloxen beziehen, damit es nicht wieder zu einem Engpass kommt?
«Wir sind momentan mit allen potenziellen Lieferanten im Austausch», sagt er. Er hältfest: «2025 war eine ausserordentliche Situation und ein gesamtheitliches Problem in ganz Europa. In der Schlussbetrachtung überwiegt aber das Positive: Es wurden Spitzenerträge mit Mehrmengen von 15 bis 20 % über die verschiedensten Produktegruppen hinweg geerntet. Das ist eigentlich erfreulich.»


