2135 t Schweizer Pflanzkartoffeln aus der Ernte 2024 blieben im vergangenen Jahr unverkauft bei den Vermehrungsorganisationen (VO) liegen. «Bei einer Erntemenge von 21 282 t ist dies zu viel», schreibt der Schweizerische Saatgutproduzenten-Verband Swisssem in seinem aktuellen Tätigkeitsbericht. Er nennt als Gründe nicht nur Importe, sondern auch eine grosse Sortenvielfalt, Kundenwünsche, eine eher wohlwollende Haltung gegenüber Versuchen und eine Produktion, die nicht immer der Nachfrage entspreche. Wie ist das zu verstehen?
Überschüsse, Engpässe, logistische Probleme und erschwerte Verwaltung
Die Sortenliste allein umfasse bereits 76 Sorten, gibt Swisssem-Geschäftsführer Christof Rüfenacht auf Anfrage zu bedenken. «Das ist eine beträchtliche Anzahl.» Nach seiner eigenen Schätzung werden hierzulande derzeit weit über 100 Sorten produziert. Swisssem habe 2025 44 Sorten vermehrt. «Die Zersplitterung der Produktion wirkt sich nachteilig auf alle Beteiligten aus», warnt Rüfenacht. Sie führe zu Überschüssen oder Engpässen in grösserer Zahl, verursache erhöhte logistische Probleme und erschwere die Verwaltung in allen Bereichen.
«Die Wünsche der Pflanzgutkäufer können sich plötzlich ändern», fährt Christof Rüfenacht fort. «Wenn wir eine bestimmte Fläche einer Veredelungssorte vermehrt haben und im Herbst plötzlich die Backtests ungenügend ausfallen, wird diese Sorte im folgenden Frühling für die Produzenten nicht mehr interessant sein.»
An die offiziellen Sortenlisten halten, statt ins Ausland zu schauen
Dass der Kartoffelmarkt mit immer mehr verschiedenen Sorten geflutet wird, sieht man beim Verband Schweizer Kartoffelproduzenten (VSKP) ähnlich, sagt Präsident Niklaus Ramseyer. «Es gibt mittlerweile fast unvorstellbar viele Sorten.» Die grosse Auswahl sei einerseits interessant und werde von den Produzenten von Verarbeitungs- und Speisekartoffeln auch geschätzt. «Aber die Vielfalt bringt Herausforderungen, neben der Pflanzgut-Bereitstellung auch für den Anbau, die Lagerung und die Verarbeitung der Ernte.» Eine hohe Fluktuation – also häufige Sortenwechsel im Anbau – beobachtet Ramseyer ebenfalls. Er empfiehlt, sich für die Produktion von Speise- und Verarbeitungskartoffeln an die offiziellen Sortenlisten der Branche zu halten, statt allenfalls auf eine Sorte zu setzen, die man im Ausland entdeckt hat. «Auf dieser Liste haben wir eine ausreichend grosse Vielfalt, dass der Markt damit bedient werden kann», ist Ramseyer überzeugt. Der VSKP erwartet daher, dass jeweils eine alte Sorte gestrichen wird, um eine neue aufzunehmen, damit die Liste nicht aus allen Nähten platzt.
Heute gibt es in Verhandlungen mehr Platz für Sonderwünsche
In der Sortenwahl seien Kartoffelproduzenten heute freier als vor einigen Jahren, beobachtet der VSKP-Präsident. Es sei für die Abnehmer schwieriger geworden, die Bauern bei der Stange zu halten und so ihre Mengen zu sichern. Dies im Gegensatz zu früher, als der Markt stabiler war. Das gab den Produzenten mehr Verhandlungsmacht bei der Auswahl der Sorten – und ermögliche eben auch Sonderwünsche. «Die Sorte für den Anbau sollte in enger Absprache mit dem Abnehmer und so festgelegt werden, dass sie für beide Seiten stimmt», findet Niklaus Ramseyer. Weder Landwirt noch Verarbeiter sollten seiner Meinung nach alleine darüber bestimmten.
Am besten robuste Sorten mit Vermehrung in der Schweiz anbauen
Trotzdem, der Ruf nach neuen, robusten Sorten ist laut. Sie sollen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln senken. Die Kartoffelbranche hat sich ein konkretes Ziel gesetzt: Bereits in zwei Jahren sollen robuste Knollen auf 25 Prozent der Anbaufläche wachsen, 80 Prozent sollen es bis 2040 sein. «Wir haben dieses Ziel und wollen daher vorwärts machen bei den Sorten», hält Niklaus Ramseyer fest. «Aber das braucht schon seine Zeit.» Es gelte, die Prozesse – von der Pflanzgutproduktion bis zur Vermarktung – aufeinander abzustimmen und die ganze Branche mitzunehmen. «Am besten baut man jene robusten Sorten an, die in der Schweiz bereits vermehrt werden.» Laut Swisssem können etwa 10 neue Sorten mit Pflanzgut-Produktion im Inland als robust bezeichnet werden. Das heisst, sie sind tolerant gegen die Kraut- und Knollenfäule und ein problematisches Virus. Von einigen, etwa von der frühreifen Twinner, seien sowohl im ÖLN- als auch im Bio-Anbau noch beträchtliche Mengen verfügbar.
Regeln für den Import von Pflanzkartoffeln überarbeitet
«Wir vertreten solidarisch mit der Branche unsere gemeinsamen Ziele, die in Richtung robuster Sorten gehen», bekräftigt auch Christof Rüfenacht. Robuste Sorten hätten sowohl in der Vermehrung in der Schweiz als auch im Import ihren Platz und ihre Entwicklung hänge nicht nur von den Importbedingungen ab. Wobei in der Branche allerdings Einigkeit herrschte, dass es die Einfuhrbedingungen zu überarbeiten galt. «Die Diskussionen zu diesem Thema fanden statt», sagt Rüfenacht. Das den VO zustehende Zollkontingent werde der Branche weiterhin zur Verfügung stehen. Man habe jedoch die Bedingungen in Absprache mit den betroffenen Akteuren präzisiert, damit Importe die Schweizer Pflanzgut-Produktion ergänzen.
Auf das Ziel hinarbeiten – mit allen Beteiligten
«Es muss aber auch der Zugang zu Vermehrungspartien bestehen», ergänzt der Swisssem-Geschäftsführer. Basissaatgut von jungen Sorten der Kartoffelzüchter – alle in der EU ansässig – seien oft nicht verfügbar oder würden nicht den erforderlichen Qualitäten entsprechen. «Ausserdem müssen sie vom Markt angenommen werden und sich etablieren, was Zeit erfordert.» Das Ziel der Branche zum Anbau robuster Sorten sei ehrgeizig, man arbeite aber darauf hin. «Ich kann nicht sagen, ob es innerhalb der angekündigten Frist vollständig erreicht werden kann», bemerkt Christof Rüfenacht. Es brauche Taten aller Beteiligten, damit sich robuste Sorten durchsetzen können.
Pflanzgut wurde teurer und bleibt es
Die einheimische Pflanzgutproduktion sei professionell, leistungsstark und ambitioniert, heisst es bei Swisssem. Sie sei durchaus in der Lage, die Entwicklungen hin zu neuen Sorten zu begleiten. Einer von vielen Erfolgsfaktoren ist allerdings die Wirtschaftlichkeit. Um die einheimischen Pflanzkartoffel-Produzenten zu unterstützen, wurden letztes Jahr die Pflanzgutpreise erhöht. Das bedeutet höhere Kosten für die Landwirt(innen). Die Preise blieben auch für 2026 stabil. «Das Pflanzgut ist ein grosser Kostenpunkt im Kartoffelbau und die Preiserhöhung kann je nach Sorte um bis zu 1500 Franken/ha höhere Ausgaben bedeuten», ist sich Niklaus Ramseyer bewusst.
Weiterhin Bemühungen, die Kosten weiterzugeben
Der VSKP habe trotzdem die Anhebung des Preisniveaus mitgetragen. «Die Pflanzkartoffel-Produzenten sind Mitglieder des VSKP und ihre Probleme sind schlussendlich auch unsere», sagt Ramseyer. Der VSKP verfolgte allerdings das Ziel, die Mehrkosten entlang der Wertschöpfungskette weiterzugeben. Das sei aufgrund der aktuellen Marktlage nicht möglich gewesen, bleibe aber ein Ziel des Verbands. Für Niklaus Ramseyer ist der Entscheid nach wie vor richtig gewesen und die Stabilität der Preise für 2026 sei ebenfalls etwas wert. «Man muss auch sehen: Bisher gab es immer ein grosses Rentabilitäts-Defizit zwischen der Produktion von Konsum- und jener von Pflanzkartoffeln», gibt er zu bedenken. Nun sei man der erforderlichen Parität nähergekommen.