Ein schönes, gleichmässig aufgelaufenes Feld ist keine Selbstverständlichkeit. «Die Basis jeder Ernte und jeder Mahlzeit ist das Saatgut», rief Jürg Jost in Erinnerung. Der Geschäftsführer von Swiss Seed begrüsste an der HAFL in Zollikofen BE zu einer Fachveranstaltung, die sich um den Schutz eben dieses Saatgutes drehte.

Die meisten Wirkstoffe befinden sich in Überprüfung

Zurückgezogene Pflanzenschutzmittel (PSM) für Beizungen und damit einhergehende Probleme auf den Äckern geben dem Thema Aktualität. Monika Joss von Corteva Agriscience wies darauf hin, dass in der Schweiz vor allem fungizide Beizungen zugelassen sind. Im Verzeichnis des Bundes habe sie lediglich ein einziges Insektizid (für Zuckerrüben) und ein Vogelrepellent gefunden. «Die absolute Mehrheit der PSM, die in der Schweiz zugelassen sind, befinden sich in der EU im Reregulierungs-Prozess», fuhr sie fort. Alle 10 Jahre werden die Wirkstoffe überprüft, wobei immer das Risiko eines Verbots oder von Anwendungseinschränkungen bestehe. «Ich habe noch nie erlebt, dass eine Zulassung erweitert wurde», gab Joss zu bedenken.

Für sie stellt sich mit der Totalrevision der Pflanzenschutzmittel-Verordnung die Frage, ob das eher Türen öffnen oder aber welche zuschlagen wird. Monika Joss betonte jedoch auch, die Industrie arbeite aktiv an neuen Beizungen, seien es chemische oder biologische. Sie nannte folgende Beispiele von Corteva:

Lumisena: Fungizide Beizung für Sonnenblumen zum Schutz vor Falschem Mehltau. Das Produkt basiert auf dem Wirkstoff Oxathiapiprolin. Dieser berge kein Risiko für Kreuzresistenzen und enthalte kein Mikroplastik. «Wir warten jeden Tag darauf, auch in der Schweiz die Zulassung zu bekommen», so Joss.

Lumiposa: Soll Raps- und Maissaatgut vor Insekten wie Drahtwürmern oder Maiswurzelbohrer schützen. Der Wirkstoff Cyantraniliprole sei breit wirksam und Lumiposa enthalte ebenfalls keinen Mikroplastik. Monika Joss sähe die Schweiz als geeignetes Anwendungsgebiet für dieses Produkt.

Ecovelex: Biologisches Vogelrepellent, das auf den Geruchssinn der Tiere wirken soll. In der Schweiz bisher nicht zugelassen.

Eine auffällig schöne Versuchsfläche

Auch zwei andere Hersteller arbeiteten an biologischen Vogelrepellents für Saatgut, fuhr Joss fort. «Es tut sich etwas, aber das passiert nicht von heute auf morgen.» Die biologischen Wirkstoffe werden ihrer Meinung nach nicht im selben Tempo verfügbar, wie die chemischen vom Markt verschwinden. Aber: «Die Zeiten, in denen eine Neonicotinoid-Beizung alle Probleme löste, sind vorbei», ist die Fachfrau überzeugt. Sie zeigte ein Bild von Versuchsflächen in Frankreich, wo mit grossem Vogeldruck verschiedene Mittel getestet wurden. Keines der Resultate war überragend. Nur eine Parzelle stach mit einem dichten, gleichmässigen Maisbestand ins Auge. Den Unterschied habe dort aber nicht eine Beizung gemacht, schilderte Monika Joss. «Auf dieser Fläche wurde eine andere Sorte mit anderer Saattiefe zu einem anderen Zeitpunkt gesät.» Beizungen müssten daher Teil einer integralen Strategie sein, zusammen mit zertifiziertem Saatgut und guter landwirtschaftlicher Praxis.

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Die richtigen Bedingungen im Boden für Keimung und Auflaufen

Was es für Letzteres zu beachten gibt, erläuterte HAFL-Dozent Stéphane Burgos. «Es gilt, die herrschenden Bedingungen und das künftige Wetter zu berücksichtigen», hielt er fest. Ist etwa im Sommer der Boden oberflächlich trocken und kein Regen in Sicht, kann ein tiefer abgelegtes Korn noch vorhandenes Wasser zur Keimung aufnehmen. Ist der Boden in dieser Tiefe aber voller Wasser, kann es ersticken.

Ein stabiles Bodengefüge verhindert Verschlämmung und grosse Schollen, die Hindernisse für den Weg des Stängels nach oben darstellen. Verdichtungen, etwa in Form einer Pflugsohle, behindern das Wurzelwachstum und sprechen dafür, auf Befahrbarkeit und Maschinengewichte zu achten. Hinzukommen biologische Faktoren (aktives Bodenleben), chemische Aspekte (Boden-pH sollte zwischen 6 und 7 liegen), der Humusgehalt sowie die Samengrösse, die den verfügbaren Energievorrat des Keimlings bestimmt. «Das Saatbett wird an Bedeutung gewinnen», meinte Jürg Jost. «Diesem Thema muss man in Zukunft mehr Beachtung schenken.»

Helfer mit dem Saatgut in den Boden bringen

Mikroorganismen könnten das Saatgut sowohl vor Pathogenen und Schädlingen schützen als auch beim Keimen und Wachsen unterstützen, erläuterte Hans-Jakob Schärer vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Er verdeutlichte, dass Wissenschaft und Industrie an diesem Thema arbeiteten. «Es geht etwas, es wird Zulassungsgesuche geben», so Schärer. Dass nützliche Mikroorganismen im Produkt von der Herstellung über Transport und Lagerung bis aufs Feld lebendig bleiben müssen, gehört indes zu den grösseren Hürden. 

«Krankheit ist die Ausnahme, Gesundheit die Regel», sagte Amadeus Zschunke. Als Geschäftsführer von Sativa kenne er die Herausforderungen rund ums Saatgut auf allen Stufen. Zschunke stellte verschiedene Verfahren vor, mit dem gesunde Samen garantiert werden können. So lassen sich Erreger auf der Oberfläche des Saatguts z. B. mit Warmwasser, Dampf, trockener Hitze oder Elektronenstrahlung unschädlich machen. Die Methoden sind unterschiedlich zeit- und energieaufwändig und müssen zum jeweils zu behandelnden Saatgut passen. «Die Grenze sind Pathogene im Innern der Samen», ergänzte Zschunke. Hier sind Massnahmen wie Hygiene oder Vorschriften für die Vermehrung im Feld wichtig.

Sativa arbeite mit der Firma Seed Forward zusammen, um – wie Amadeus Zschunke sagt – «das Gute zu fördern.» Namentlich geht es um die Nutzung stickstofffixierender Bakterien, die Mais in seiner Entwicklung unterstützen und so robuster machen sollen.

Die Referierenden waren sich abschliessend einig, dass Saatgutbeizungen zwar wichtig seien, aber als Teil eines Systems zu sehen, statt als alleinige Problemlöser.