Wir reisen ins Jahr 1967 zurück: Die künstliche Besamung (KB) fängt in der Schweiz erst richtig an, Fahrt aufzunehmen, in Amerika ist sie schon allgegenwärtig. Die KB-Stationen reissen sich um die besten jungen Holsteinstiere. So auch im Herbst 1967, als der junge Holsteinstier Craiglen Sevens Senator in der KB-Station Artificielle im kanadischen Québec eingetroffen war. Seine Abstammung war bespickt mit Holstein-Grössen, seine Papiere liessen jedes Züchterherz höher schlagen. Drei Generationen von Holsteinstieren mit positiver Leistung und eindrücklichem Exterieur schmückten die Abstammung von Senator. Rein theoretisch entsprach Senator, dieses junge Kalb, genau den Anforderungen eines Testprogramms von einer KB-Station.

Die Züchter reagierten mit Verärgerung und Entsetzen

Doch die KB-Station in Québec hatte die Rechnung ohne die Züchterschaft gemacht. Niemand wollte Senator als Prüfstier einsetzen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Das Foto von seiner Mutter Sevens Burke Skylark war für die Züchterschaft enttäuschend. Ihr fehlte der von den Züchtern so geschätzte Milchcharakter. 

Und noch viel schlimmer: Die Kuh hatte ein gesprenkeltes Fellmuster – fast wie ein Dalmatiner-Hund. Die meisten Züchter von damals reagierten mit einer Mischung aus Verärgerung und blankem Entsetzen. Was, wenn die Nachkommen von Senator auch so ein gesprenkeltes Fell haben? 

Niemand wollte die Flecken zeichnen

Denn eines muss man wissen: Im Jahr 1967 mussten auch kanadische Züchter jedes Signalement des Kalbes, welches im Herdenbuch registriert wurde, von Hand abzeichnen. Der Züchterschaft graute schon nur die Vorstellung, diese gesprenkelte Fellzeichnung exakt abzeichnen zu müssen und dabei jeden Flecken haargenau hinzubekommen.

Das reichte, um die meisten dazu zu bringen, den Stier Senator zu ignorieren, ohne einen zweiten Blick auf seine einwandfreie Abstammung zu werfen. So reagierte die Züchterschaft in Québec mit kollektiver Gleichgültigkeit. Doch die KB-Station glaubte an ihren Stier und sie wollten ihn weiterhin testen lassen. Aber wie sollten sie sein Sperma unter die Züchterschaft bringen, wenn ihn niemand wollte?

Nun erhielten die Besamungstechniker von der KB-Station CIAQ die Anweisung, immer sein Sperma zu verwenden, wenn ein Landwirt ein Teststier anforderte, ohne einen bestimmten Namen zu nennen. Das war für die KB-Station der letzte Ausweg, Senator unter die Züchterschaft zu bringen. 

Eine berühmte Kuh mit Senator-Blut

Drei Jahre später kalbten die ersten Töchter von Senator ab. Und er lieferte, was von ihm verlangt wurde: Seine Töchter produzierten viel Milch und zeigten ein starkes Exterieur. Heute, 60 Jahre später, fliesst das Senator-Blut durch einige Adern erfolgreicher Holsteinstiere. 1999 kam die berühmte Outside-Tochter Stadacona Abel auf die Welt. Geht man in ihrer Abstammung fünf Generationen zurück, findet sich die Senator-Tochter Stadacona Anna.

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Missy gewinnt die weltweit grösste Milchviehschau

Zurück zur Kuh Outside Abel: Im Jahr 2005 wurde sie mit dem damaligen Spitzenstier Goldwyn angepaart. Ein Jahr später brachte sie ihre Tochter Eastside Lewisdale Goldwyn Missy zur Welt. Missy sollte etwas Grosses werden und ihre Spuren in der Holsteinzucht hinterlassen.

Im Jahr 2011 holte Missy an der weltweit grössten Milchviehschau, an der World Dairy Expo in Madison USA, den Grand-Champion-Titel. Missy, mit über 170 cm Widerristhöhe, stach damals die gesamte Holstein-Konkurrenz aus. Sie wurde später mit EX-95 beschrieben, hatte Standardlaktationen von über 16 000 kg Milch und hatte dank Embryo-Transfer unzählige Nachkommen.

Ohne Senator wäre die Holsteinzucht nicht das, was sie ist

Missy wurde vom Fachmagazin Holstein International zur Weltsiegerkuh gewählt. Über Dolman, Man-O-Man und Mc Cutchen, kommen wir zu ihrer Ururenkelin OCD Delta Missy 4212. Diese Kuh ist niemand Geringeres als die Mutter vom Spitzenstier OCD Mystic Crushabull Crush, der 2019 geboren wurde. 

Der Stier Crush war auch bei Schweizer Züchterinnen und Züchtern beliebt. Seine Söhne und Töchter überzeugen nicht nur im Exterieur, sondern auch in der Milchleistung und im Milchgehalt. Fazit: Der Stier Crush hat die Holsteinzucht also mächtig vorwärtsgebracht. Aber ohne den Stier Senator – den eigentlich niemand wollte – hätte es Crush niemals gegeben und die Holsteinzucht wäre heute nicht so weit, wie sie ist.