Ist der Wolf eine Bedrohung oder Bereicherung? Dieser Frage stellten sich an einem Podium der Mitte-Partei in Einsiedeln, das von Dominik Süss geleitet wurde, der Schwyzer Landesstatthalter Sandro Patierno, Christina Steiner, Präsidentin von CHWolf und Naturwissenschaftler Marcel Züger.
Erwartungsgemäss lagen dabei die Meinungen in vielen Punkten meilenweit auseinander. So auch beim Thema präventive Regulierung von Wölfen. Die Anzahl Wölfe in der Schweiz sei in den vergangenen Jahren exponentiell auf über 400 gestiegen, entsprechend müssten diese nun präventiv reguliert werden, erklärte Sandro Patierno. Das führe zudem dazu, dass die natürliche Scheu der Wölfe gegenüber dem Menschen erhalten bleibe. Ganz anderer Meinung war da Christina Steiner: Dass nun aus völlig unauffälligen Wolfsrudeln, wie dem Schwyzer Chöpfenberg, präventiv Jungtiere entnommen werden, sei kontraproduktiv. Dieses Vorgehen störe nur die Sozialstruktur und mache Platz für neue Rudel. Zudem würde die Reproduktion angekurbelt.
«Die Alpwirtschaft hat sich völlig verändert.»
Wolf und Herdenschutz verursachen gemäss Naturwissenschaftler Marcel Züger Stress und Hektik.
Koexistenz nicht möglich
Für Marcel Züger sind präventive Abschüsse unverzichtbar, die gesetzlichen Hürden dazu seien heute aber noch viel zu hoch. Wölfe würden zwar in der Schweiz infolge der grossen Rotwildbestände ausreichend Futter finden, es fehle aber hierzulande schlichtweg an Gebieten ohne landwirtschaftlicher oder alpwirtschaftlicher Nutzung. Ein Nebeneinander zwischen Grossraubtieren und Landwirtschaft funktioniere nicht. «Ich ging als Naturwissenschaftler jahrelang davon aus, dass eine Koexistenz möglich sein könnte. Nach jahrelanger Erfahrung muss ich feststellen, dass dies nicht so ist», so Marcel Züger.
Hektik auf Alpen
Der Wolf sei nicht nur eine grosse Belastung für die Bergbauern, seine Präsenz gefährde auch die Artenvielfalt und die Alpwirtschaft. «Durch den Herdenschutz hat sich die Bewirtschaftung von Alpen völlig verändert», erklärte Züger. Prägten bis vor zehn Jahren ruhige, von einem Hirten geführte Schafherden den Alpenraum, herrsche heutzutage auf der Alp vielfach Hektik, was bei Hirten und Tieren grossen Stress verursache. Auf den Weiden müssten mittlerweile kilometerlange Schafnetze gestellt werden. Diese Elektrozäune störten die Wildtiere und töteten eine grosse Zahl an Reptilien. «Machten wir vor zehn Jahren noch Nutzungsplanungen, wie wir die Nährstoffansammlung auf Schafalpen vermindern können, pferchen wir heute das Alpvieh jede Nacht zusammen, was sich negativ auf die Artenvielfalt auswirkt und zu einer Überdüngung führt.»
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Weidezaunnetze sind für Wild überwindbar
Für Christina Steiner ist der Wolf eine grosse Bereicherung und habe sogar einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt. Sie betonte: «Die Nachtpferche werden häufig gewechselt und die heutigen modernen Weidezaunnetze sind für das Wild überwindbar.» Die Organisation CHWolf habe in der Vergangenheit auf vielen Alpen den Herdenschutz aktiv unterstützt. Da, wo der Herdenschutz professionell umgesetzt worden sei, habe es kaum Tierverluste gegeben. Sie verneinte den Einfluss von Grossraubtieren auf den Strukturwandel in der Alpwirtschaft. Alpen würden nicht wegen der Wölfe aufgegeben, sondern wegen fehlender Nachfolgeregelung oder ausbleibender Wirtschaftlichkeit.
Markige Worte
Christina Steiner ging mit der grossen Zahl an Schafbauern im Saal hart ins Gericht. «Der Herdenschutz in der Schweiz ist vielfach schlecht, denn vielerorts wird lausig gezäunt.» Als dann die gelernte Tierpflegerin noch zu einem minutenlangen Vortrag über die Eigenschaften eines korrekten Herdenschutzzauns ansetzte, war in den Gesichtern von den anwesenden Schafhirten viel Ungläubigkeit erkennbar.
«Vielerorts in der Schweiz wird lausig gezäunt.»
Tierpflegerin Christina Steiner kritisiert die Qualität des Herdenschutzes.
Kritik an Bergbevölkerung
Für Kopfschütteln im Saal führte dann auch ein Votum aus dem Publikum. Er könne in Anbetracht der jährlich 1300 Kinder, die im Strassenverkehr sterben, nicht verstehen, warum in Bergregionen Mütter von Schulkindern die Wolfspräsenz so dramatisierten. «Es fehlt der Bergbevölkerung die Bereitschaft, mit Naturgefahren zu leben», so der aus der Zürichsee-Region stammende Votant. «Jedes Kind, das in Gefahr ist, ist eines zu viel», entgegnete Regierungsrat Sandro Patierno. «Wenn eine Bergbäuerin, die in einem Wolfsgebiet wohnt, mich aus Sorge um ihre Familie anruft, dann ist es meine Aufgabe, diese Sorge ernst zu nehmen», so der Mitte-Politiker.
Schwyzer Rudel wurde reguliert
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Das Chöpfenberg-Rudel ist das einzige Wolfsrudel im Kanton Schwyz. Am 2. September 2025 entschied der Regierungsrat nach vorgängiger Zustimmung des Bundesamtes für Umwelt, das Rudel mit einer Entnahme von zwei Dritteln der Jungwölfe zu regulieren. Gemäss einer Medienmitteilung des Kantons wurden inzwischen die drei zur Entnahme freigegebenen Jungwölfe erlegt. Damit ist die Regulierung abgeschlossen.
Ziel der Regulierung war es, potenzielle Schäden an Nutztieren zu reduzieren und Konflikte zwischen Wolf und Landwirtschaft zu minimieren. Durch die gezielte Reduktion eines Teils des Nachwuchses soll, ausserdem die natürliche Scheu der Wölfe gegenüber dem Menschen erhalten bleiben, was als zentraler Faktor für ein konfliktarmes Zusammenleben gilt. Die proaktive Wolfsregulierung war im Zeitraum vom 1. September bis zum 31. Januar zulässig. Zum Abschuss berechtigt waren Wildhüter und speziell ausgebildete Jägerinnen und Jäger, die im Streifgebiet des Rudels tätig sind.
