Dass Schafe während der Trächtigkeit bereits eine Trächtigkeitstoxikose entwickeln können, ist bekannt. Doch wie steht es um die Energieversorgung der Tiere rund um den Zeitpunkt der Ablammung und in der anschliessenden Startphase? Dieser Frage ging Cheryl Frei in ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) nach. Gemeinsam mit weiteren jungen Forschenden von Agroscope, der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern, Grangeneuve und dem Inforama präsentierte die junge Agronomin ihre Resultate an der internen Vortragstagung des Netzwerks Nutztiere am Inforama in Zollikofen BE.
Negativ für die Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit des Betriebs
«Rund drei Viertel der Milchschafe in der Schweiz werden nach Bio-Suisse-Richtlinien gehalten. Der Kraftfuttereinsatz ist dabei auf maximal fünf Prozent des Trockensubstanzverzehrs pro Jahr beschränkt», erklärt Cheryl Frei. Mehrere Semesterarbeiten an der HAFL haben gezeigt, dass Laktationsketosen häufiger vorkommen als gedacht. Auch Schwankungen in der Grundfutterqualität erschweren eine bedarfsgerechte Fütterung. «Das alles hat negative Auswirkungen auf die Tiergesundheit und letztlich auf die Wirtschaftlichkeit des Betriebs», betont die Agronomin.
53 Auen über elf Wochen untersucht
In ihrer Bachelorarbeit untersuchte die Bernerin auf einem Bio-Betrieb mit rund 600 Milchschafen der Rasse Lacaune, ob die Rationen den Energiebedarf in der Startphase tatsächlich decken. Dazu wurden 53 trächtige Auen – sowohl erst- als auch mehrlaktierende – über elf Wochen rund um die Ablammung beobachtet. Erfasst wurden Futterproben, die Konzentration der Ketonkörper im Blut, der Body-Condition-Score (BCS) sowie das Körpergewicht der Tiere.
Nahe an einer subklinischen Ketose
«Die Ergebnisse zeigen, dass das Milchproduktionspotenzial (MPP) deutlich tiefer lag als die tatsächliche Milchleistung, die die Tiere erbrachten», erläutert Cheryl Frei. Die erstlaktierenden Tiere gaben rund eineinhalbmal so viel Milch, wie theoretisch aus dem Grundfutter möglich wäre. Bei den mehrlaktierenden Schafen lag die Leistung sogar zwei- bis zweieinhalbmal über dem MPP.
Der Futterverzehr wurde in der Untersuchung nur geschätzt und nicht berechnet. «Aufgrund ihres Gesundheitszustands gehe ich davon aus, dass die Tiere etwas mehr gefressen haben als geschätzt», fügt die Agronomin hinzu. Dennoch lagen die Ketonkörper-Konzentrationen, die auf eine Fettmobilisation hinweisen, im Mittel bei den erstlaktierenden sowie bei den mehrlaktierenden Tieren knapp unter dem Grenzwert einer subklinischen Ketose.
Stärkerer Konditionsabbau mit einem Lamm
«Betrachtet man die Tiere einzeln, zeigten 39 Auen mindestens einmal während der Untersuchung eine subklinische Ketose», so Frei weiter. Der bis etwa 14 Tage nach der Geburt sinkende Body-Condition-Score weist ebenso auf eine starke Fettmobilisierung hin.
«Anders als erwartet, zeigten erstlaktierende Tiere, die nur mit einem Lamm trächtig waren, einen stärkeren Konditionsabbau als gleichaltrige Auen mit Zwillingen», erklärt sie weiter. Der Grund dafür habe nicht vollständig geklärt werden können. «Es könnte sein, dass die Tiere mit mehr als einem Lamm haushälterischer mit ihren Energieressourcen umgegangen sind. Tiere, die stärker betroffen waren, könnten auch zusätzlichem Stress beispielsweise durch die Rangordnung, ausgesetzt gewesen sein», vermutet Frei.
Gruppendurchschnitte verdecken kritische Einzeltierabweichungen
Selbst mit der Zugabe von Kraftfutter wäre eine beträchtliche Menge nötig, damit die tatsächliche Milchleistung mit dem Milchproduktionspotenzial übereinstimmen würde. «Mit 500 g Kraftfutter pro Tier und Tag würde bei den erstlaktierenden Auen die Milchleistung knapp mit dem MPP übereinstimmen. Bei den mehrlaktierenden Tieren reicht diese Menge meistens nicht aus», so Frei.
«Der Zeitraum rund um die Ablammung stellt sowohl für erstlaktierende als auch für mehrlaktierende Tiere eine kritische Phase dar. Mit fünf Prozent Kraftfutteranteil in der Ration konnte der Bedarf nur knapp gedeckt werden», fasst Cheryl Frei zusammen. Wichtig sei ausserdem, jedes Tier einzeln zu betrachten, da Gruppendurchschnitte kritische Einzeltierabweichungen verdecken können.
«Auch kleine Wiederkäuer leisten Grosses»
Die Ergebnisse würden zudem die Frage aufwerfen, ob die Rasse Lacaune überhaupt für die biologische Milchproduktion geeignet ist. Gleichzeitig stelle sich aber die Frage, welche Milchschafrasse denn geeignet wäre. «Die Arbeit hat mir gezeigt, dass auch kleine Wiederkäuer Grosses leisten und dass es wichtig ist, ihre Bedürfnisse zu kennen. Und dass wir diesen in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken sollten», schliesst die Agronomin.