Von Linthal, dem hintersten Dorf in Glarus Süd, kennt die Standseilbahn nur eine Richtung: 600 Höhenmeter bergauf. Oben liegt das autofreie, sonnige Braunwald, das nicht nur für Touristen und Ferienhausbesitzer ein besonderer Ort ist, sondern auch die Heimat von fast dreihundert Einwohnern.
Einer von ihnen ist der Junglandwirt Emil Jud. Sein Betrieb liegt noch etwas höher, zum Wohnhaus und Stall gelangt man nur mit dem «Gator», einem Offroad-Transporter, oder mit einem landwirtschaftlichen Fahrzeug. Alles, was der Betrieb braucht, aber auch produziert, nimmt diesen mühsamen Weg über Luftseilbahn und Gator – das erfordert Planung. Für Emil Jud stellte dies kein Hindernis dar, im Gegenteil: Mit der Übernahme erfüllte er sich einen langjährigen Traum.
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Betrieb direkt nach Lehrabschluss übernommen
«Hätte der Betrieb nicht zum Verkauf gestanden, hätte ich allenfalls noch zwei Jahre Winter gemacht – also im Sommer in Neuseeland Pisten präpariert und im Winter hier», sagt der 22-jährige Braunwalder. «Aber es war gut, dass ich den Betrieb so jung kaufen konnte – so kann ich alles noch selbst und nach den eigenen Vorstellungen weiter ausbauen.»
Direkt nach Abschluss der landwirtschaftlichen Ausbildung übernahm er so als 19-Jähriger im Januar 2022 den Betrieb, den sein Vater Hermann Jud zuvor in Betriebsgemeinschaft mit Franz Schumacher und später alleine bewirtschaftet hatte. Schon als Kind verbrachte Emil Jud mit seinen Geschwistern viel Zeit auf dem Hof. Zu Hause hiess es immer: «Ihr müsst nicht, aber könnt.» Gekommen seien sie immer freiwillig.
Emils Eltern, Hermann Jud, Bauernsohn aus Benken, und seine Frau Marianne kamen vor 23 Jahren nach Braunwald. Fortan arbeitete der gelernte Forstwart bei der Gemeinde. Zuvor war er jahrelang Älpler auf der Alp «Dreckloch» und betrieb später das Gasthaus Käsernalp. [IMG 6]
Der Hof mit 12 Hektaren ist eine Familienangelegenheit
«Das Bauern hat man im Blut», sagt Vater Hermann, der seit dem Umzug nach Braunwald stets beim Nachbarn auf dem Betrieb mithalf. Auch heute geht der 60-Jährige nach seiner Arbeit seinem Sohn noch tatkräftig zur Hand und freut sich darüber, dass gleich zwei seiner Kinder seine Freude an der Landwirtschaft teilen und leben.
Denn neben Emil Jud trifft man auch den 18-jährigen Franz oft im Stall. Der jüngste Bruder befindet sich in der Ausbildung zum Landwirt. Zusammen mit ihren drei Schwestern sind die beiden im Ortsteil Schwettiberg aufgewachsen und nach sechs Primarschuljahren in Braunwald hinunter nach Linthal in die Oberstufe gegangen. Nach der Oberstufe ging es für die beiden Brüder in die Landwirtschaft. Emil absolvierte seine Lehrjahre bewusst auf Milchwirtschaftsbetrieben mit Grossvieh und Ackerbau, um andere Bereiche kennenzulernen. Franz arbeitet zurzeit auf einem Milchschafbetrieb. Das Ziel der Brüder: Den eigenen Betrieb so vergrössern, dass beide davon leben können.
Momentan führt Emil Jud den 12 Hektaren umfassenden Betrieb in der Bergzone IV im Nebenerwerb. Im Stall stehen heuer «nur» um die sechzig Schafe. Wegen eines geplanten Umbaus reicht die Futterlagerkapazität dieses Jahr nicht wie üblich für etwa hundert Tiere.
Gemischt mit Jakobschafen
«Meine Schafe sind alles Mischlinge», sagt Emil, während er mit der Gabel Heu in die Futterraufen füllt. Ein Blick in die Herde zeigt Weisse Alpenschafe, Dorper, Texel, Engadiner und zwei behornte Jakobschafe. Auf Letztere ist er besonders stolz. «Diese Tiere können bis zu sechs Hörner bekommen, aber solche mit mehr als vier Hörnern gibt es in der Schweiz nicht», erzählt Emil Jud, der auch einen Jakobschafbock in seiner Herde gehalten hat.
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Derzeit stehen die Tiere alleine im Stall, denn bei den Widdern findet gerade der Wechsel statt. Nach zwei Jahren tauscht Emil Jud sie aus und setzt mit dem Einsatz der neuen Schafböcke wieder den Zuchtschwerpunkt anhand der Stärken der Vorgänger. Langfristig möchte er möglichst ausgeglichene Muttertiere züchten.
Einen grossen Teil der Lämmer verkauft Emil Jud an die einheimische Gastronomie sowie eine treue Stammkundschaft. Ein weiterer Teil des Fleisches geht über die Homepage weg.
Im Sommer geht es auf die Alp
Zwei Jahre nach der Betriebsübernahme klopfte das Glück erneut an Emil Juds Tür: Er pachtete die Schafalp «Bösbächi» von der Gemeinde Glarus Süd. Sein Vorteil: Er hatte bereits bei den Alpvorgängern mitgearbeitet und kannte die Alp. Schon im ersten Alpsommer gab er die Sömmerung von Alpakas auf und erhöhte die Zahl der Schafe auf fast 500 Stück.
In der kleinen, in die Felsen eingebauten Schäferhütte verbringt er je nach Wetter zwei bis dreimal die Woche auch die Nächte. Ansonsten fährt er vom Heimbetrieb mit dem E-Bike ins Bächital. Von der «Bächibeiz» geht es dann zu Fuss in knapp einer Stunde zum Hüttli. Viele Zäune erstellt Jud hier mit vier Litzen, da er die Gefahren der Weidenetze für Nutz- und Wildtiere gering halten möchte.
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Viel Handarbeit beim Heuen
Im Winter, wenn die Alp geschlossen und das Vieh im Stall ist, trifft man Emil Jud auf dem Pistenbully bei der Präparation der Pisten im Schneesportgebiet Braunwald. Das Vollzeitpensum bei den Bergbahnen reduziert er in den Sommermonaten auf rund 40 Prozent. Dann fallen die Arbeitsspitzen auf der Alp und bei der Heuernte an. Ein grosser Teil dieser Ernte erfolgt nach wie vor in Handarbeit, weil einige Flächen zwischen zahlreichen Ferienhäusern liegen und nur schwer zugänglich sind. [IMG 7]
Muss Emil Jud abends dann noch auf die Alp gehen, verlässt er sich auf seinen Vater. Der übernimmt gerne die Handarbeit, die beim Mähen und beim Einführen des Heus mit dem Handrechen anfällt. «Es muss sauber aussehen, man hat schliesslich seinen Berufsstolz», sagt Hermann Jud, sein Sohn Emil Jud stimmt ihm zu. Und genau dieser Stolz auf saubere Arbeit im Stall, auf der Alp und auf der Piste zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gemeinsames Leben in Braunwald.
Weitere Informationen zum Betrieb Jud
Betriebsspiegel
Schafhof Jud
LN: 12 ha, Bergzone 4
Tiere: 60 Schafe mit Lämmern, 5 Hühner
Alp Bösbächi: 82 ha, 490 Schafe 1 Hund