Zunächst sind auf der entfernten Wiese nur weisse Punkte zu sehen, darunter auch einige dunkle. Sie kommen immer näher und werden immer grösser. Bald ist klar, dass es sich um eine Ziegenherde handelt, die durch die Rufe der Besitzerfamilie angelockt wird: Es sind die Kaschmirziegen von Johannes und Ann-Kathrin Sutter.
Die Wahl fiel auf die Fleisch- und Wollproduktion
Die Familie lebt in der Toggenburger Gemeinde Hemberg auf knapp 1000 m ü. M. Ihren Hof konnte sie 2014 als Betrieb mit 10 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche in Pacht vom Sonderschulinternat Hemberg übernehmen. Sutters suchten damals nach einem geeigneten Zweig, um den Biobetrieb im Nebenerwerb zu führen.
«Ursprünglich hätten wir gerne Schafe oder Ziegen gemolken, fanden jedoch in der näheren Umgebung keinen Abnehmer für die Milch», erzählt der gelernte Landwirt Johannes Sutter. Dieser ist zudem Teilzeit als Sozialpädagoge beim nahe gelegenen Sonderschulheim Hemberg tätig. Schliesslich fiel die Wahl auf die Fleischproduktion: Heute leben im Rüteli Mutterkühe, Kaschmirziegen und Schafe. 2014 haben sie die ersten Kaschmirziegen zugelegt, 2019 konnten sie zusätzlich den Hof eines Nachbarn mit seiner Herde übernehmen.
Die Kaschmirziege passt gut ins gebirgige Toggenburg
Dank Pachtangeboten von Dritten bewirtschaften Sutters heute insgesamt 31 Hektaren. Dabei weisen sie 40 Prozent ökologische Ausgleichsflächen aus. «Uns ist es ein Anliegen, den Betrieb extensiv zu führen», hält der St. Galler fest. Dazu seien Wiederkäuer – und vor allem Ziegen – speziell gut geeignet. Die Tiere seien leicht, trittsicher auch in steilen Lagen und würden strukturreiches Raufutter bevorzugen. Die Kaschmirziege passt laut Johannes Sutter hervorragend ins gebirgige Toggenburg mit seinen schattigen Hängen. Diese ist mit Gras, Heu und Emd zufrieden, Kraftfutter braucht sie nicht.
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Sutters verleihen Böcke für die Zucht
Rund 40 Mutterziegen halten Sutters in einer Herde. Jährlich verkaufen sie 10 bis 15 Jungtiere für die Zucht, weitere 20-30 Tiere lassen sie bei einem Metzger im Nachbardorf schlachten. Dazu kommt eine Herde mit rund 10 Böcken, welche sie nicht ausschliesslich für die eigene Zucht einsetzen, sondern auch schweizweit an Ziegenhaltende verleihen. «Eine breite Palette an Genetik ist interessant», so der Landwirt.
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Nebst dem Fleisch liefern Kaschmirziegen auch Wolle. «Erntezeit» ist jeweils von Mitte März bis Ende April, wenn sie ihre dichte Unterwolle abstossen. «Während dieser Zeit werden alle Ziegen zwei- bis dreimal gekämmt», erklärt Ann-Kathrin Sutter. Dann packen auch Helferinnen und Helfer von auswärts fleissig mit an – darunter auch Schulkinder vom Sonderschulinternat Hemberg. «Damit sie stillhalten, stehen die Ziegen nebeneinander am Fressgitter», führt die Bäuerin weiter aus. So sei es auch Kindern möglich, die Tieren mit einem Holz- oder Metallkamm zu bürsten.
Zucht Richtung Wollqualität oder -quantität
Der Ursprung der Kaschmirziege liegt ursprünglich im Himalaya. Dabei handelt es sich nicht um eine Rasse im eigentlichen Sinne, sondern um einen Typ der Hausziege mit einer besonders langen und feine Unterwolle. Nach internationalem Standard für Kaschmir ist ein Durchmesser der Faser von höchstens 18,5 Tausendstel eines Millimeters erlaubt. Das Edelhaar enthält anders als die Wolle der Schafe kein Lanolin (Wollwachs). Tiere mit einem weissen Fell kommen bei Kaschmirziegen am häufigsten vor, es gibt jedoch auch schwarze, braune, graue und solche mit mischfarbigem Fell. Kaschmirziegen sind behornt und erreichen eine Widerristhöhe von ca. 60 cm (weibliche Ziege) bzw. ca. 65 cm (Bock). Hierzulande werden manchmal auch Walliser Schwarzhalsziegen eingekreuzt, wobei die Tiere der ersten Kreuzung ebenfalls eine gute Wollqualität aufweisen.
Kaschmirziegen werden entweder betreffend Wolle auf Quantität oder auf Qualität hin gezüchtet. Beides auf einmal geht jedoch nicht: In der Schweiz, so Johannes Sutter, sei die Zucht in den letzten Jahren vermehrt Richtung Qualität der Fasern gegangen. Schweizweit werden rund 600-700 Kaschmirziegen gehalten. Rund 15 einheimische Züchterinnen und Züchter – darunter auch Johannes und Ann-Kathrin Sutter – sind via Verein Alpine Cashmere Association miteinander vernetzt. Das Land mit der grössten Kaschmirproduktion weltweit ist China.
Anfang Mai ist Schluss mit Kämmen
Pro Tier fallen im Frühling zwischen 100 und 200 Gramm Rohwolle an – davon hat etwa die Hälfte Wollqualität. Bei den jungen Ziegen erfolgt die erste Kämmung nach dem ersten Lebensjahr. Am ergiebigsten sind Kastraten. Deshalb ist es üblich, einige der Böcke kastrieren zu lassen und sie für die Gewinnung der begehrten Wolle zu behalten. Unkastrierte Böcke eignen sich dagegen nicht dafür, weil ihre Wolle intensiv riecht. Anfang Mai, wenn die Ziegen auf die Weide kommen, ist Schluss mit dem Kämmen. «Die Tiere sind dann weg von der Kämminfrastruktur und würden dann auch kaum mehr herhalten», sagt Ann-Kathrin Sutter lachend.
Das ausgekämmte Unterhaar schicken Sutters zum Waschen zur Firma Spycher Handwerk nach Huttwi BE. Von dort gelangt es weiter nach Grossbritannien und kommt als Kardenband retour. In der Schweiz fehlt es an Möglichkeiten, so feine Fasern zu entgrannen und kardieren. «Dazu ist der Markt hierzulande zu klein», stellt Ann-Kathrin Sutter fest. Zudem wird ein Teil der Wolle im Thurgau zu Strickgarn versponnen. Das Garn und die Kardwolle ihrer Ziegen kommen roh, das heisst ungefärbt, in den Verkauf.
Trotz stabiler Nachfrage wird die Herde nicht vergrössert
Hierzulande gilt die Faustregel: 1 Gramm Kaschmirgarn kostet 1 Franken. Die Familie vermarktet ihr Garn und Kardenband ausschliesslich über persönliche Kontakte, Instagram oder ihre Webseite. Den Kundinnen und Kunden sei es laut der Bäuerin wichtig, ein einheimisches Produkt zu kaufen. Es fehlt nicht an der Nachfrage nach Kaschmir und Milch – trotzdem wollen Sutters ihre Herde nicht vergrössern. Dann gäbe es nämlich noch mehr Gitzifleisch.
«Weitere Verkaufskanäle dafür zu finden, würde jedoch einen grossen Mehraufwand bedeuten», so Johannes Sutter. Für die Familie sei die Betriebsgrösse gerade richtig. Und bei der Haltung von Kaschmirziegen handle es sich in der Schweiz um eine Nische, die mit viel Idealismus verbunden sei.
Betriebsspiegel Kaschmirhof:
Name: Ann-Kathrin und Johannes Sutter mit Joschua, Aurelia und Cecilia
Ort: Hemberg SG
LN: ca. 31 ha
Tiere: 80 - 100 Kaschmirziegen, 20 Mutterschafe, 9 Mutterkühe, 2 Pensionspferde
Kulturen: 60 Obstbäume, 40 Nussbäume
Produkte: Fleisch, Wolle, Felle, Süssmost
Vermarktung:
Lamm- und Rindfleisch via Silvestri (Bio Weide Beef, Bio Weidelamm) und ab Hof, Ziegenprodukte (Fleisch, Garn und Kardenband, Felle, etwas Milch für die Kosmetikproduktion) ausschliesslich ab Hof.