Über 90 Katzen kastrierte die Tierschutzorganisation Netap (Network for Animal Protection) am 25. Oktober im bernischen Lyssach. Dabei handelte es sich grossmehrheitlich um verwilderte oder streunende Tiere, die sich unkontrolliert vermehren. Viele von ihnen kommen von Bauernhöfen. Netap-Präsidentin Esther Geisser sieht auch den Schweizer Bauernverband und die Politik in der Pflicht. 

Wo liegen heute die grössten Probleme beim Umgang mit herrenlosen Katzen in der Schweiz – besonders im ländlichen Raum?

Esther Geisser: Eine der grössten Schwierigkeiten besteht darin, festzustellen, ob die Tiere tatsächlich herrenlos sind. Oft sind sie es nämlich nicht. Sie stammen von Katzen, die nicht kastriert und nicht betreut wurden, aber durchaus einen Halter haben. Entsprechend müssten diese Tierhalter Verantwortung auch über den durch sie produzierten Nachwuchs übernehmen. Tun sie es nicht, kommt das im Ergebnis einem Aussetzen eines Tieres gleich, dessen Verfolgung aber mangels Beweisen scheitert.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Haustiere auf dem Hof Wie die Katzenpopulation explodieren kann Thursday, 3. October 2024 Die Tierhalter verhalten sich sehr opportunistisch: Einerseits wollen sie darüber bestimmen, ob ihre Tiere kastriert werden, andererseits aber wollen sie kein Geld für die eigenen und die davon abstammenden Tiere ausgeben, noch nicht einmal, wenn sie Hilfe bräuchten. Die meisten herrenlosen Katzen finden sich heute entweder auf Landwirtschaftsbetrieben oder in Schrebergärten. Ausnahmsweise entstehen auch Kolonien auf Industriegeländen oder in Wäldern. In Siedlungsgebieten sind es meist bewusst ausgesetzte oder entlaufene Privatkatzen. Findet man solche Katzen, stellen sich weitere Folgeprobleme. Da das Gesetz eine zweimonatige «Aufbewahrungsfrist» vorsieht, bevor man ein Tier kastrieren oder umplatzieren darf, ist es unglaublich mühsam, wenn zum Beispiel ein ungechippter, unkastrierter, zahmer Kater gemeldet wird. Kein Tierheim nimmt einen solchen Kater auf, weil dessen Unterbringung sehr viel Aufwand erfordert. Was also tun, wenn dieser als herrenlos gemeldet wurde?

Wie stark ist denn die Landwirtschaft von verwilderten oder unkastrierten Katzen betroffen?

Sehr stark! 80 % unserer Einsätze führen uns auf landwirtschaftliche Betriebe. Leider gibt es immer noch viel zu viele Landwirte, die aus den verschiedensten Gründen nicht kastrieren wollen. Landwirtschaftsbetriebe sind aber auch beliebte Orte für Privathalter, die ihre Katze auf einfache Weise loswerden wollen.

Wie entsteht der Kreislauf von verwilderten Katzen auf Landwirtschaftsbetrieben, und warum lässt er sich so schwer durchbrechen?

Es ist ein Teufelskreis: Auf Landwirtschaftsbetrieben kommen Kätzchen zur Welt, die von den Landwirten für praktisch kein Geld an Private abgegeben werden, ohne zu kontrollieren, ob diese sich überhaupt für die Katzenhaltung eignen oder sie sich leisten können und wollen. Passt dann die Katze nicht mehr zu den eigenen Lebensumständen, kostet sie plötzlich Geld, das man nicht ausgeben will oder hat man einfach das Interesse an der Katze verloren, will man das «Billigprodukt» wieder loswerden. Tierheime sind meist voll oder verlangen eine Abgabegebühr, die man natürlich auch nicht zahlen will. Eine kostenpflichtige Euthanasie kommt auch nicht infrage – was uns im Ergebnis natürlich für das Tier freut. Also wird die Katze ausgesetzt, häufig der Einfachheit halber wieder auf einem Landwirtschaftsbetrieb, um das eigene Gewissen zu beruhigen, weil man vermutet, dass sie dort dann versorgt wird. Und so haben selbst vorbildliche Landwirte, die alle Katzen kastriert haben und sich um ihren Katzenbestand sorgen, ständig wieder Neuzugänge, die dann allenfalls Nachwuchs haben, der mangels Fürsorge verwildert. Sind es irgendwann zu viele, wandern sie ab und bilden an anderen Orten neue Kolonien.[IMG 2]

Warum braucht es aus Ihrer Sicht eine Chip- bzw. Kastrationspflicht – und was hindert ihre Umsetzung?

Das Katzenelend in unserem Land wächst laufend weiter. Die Population hat einen Höchststand von über zwei Millionen erreicht. Die Eigenverantwortung funktioniert nicht und auch die viel zitierte Aufklärung hat ebenfalls klar versagt. Deshalb muss die Situation im Interesse der Tiere hoheitlich reguliert werden. Ohne eine Pflicht wird das Katzenelend bald ein Ausmass annehmen, wie wir es von Süd- und Osteuropa kennen.

Welche Gründe gibt es denn, dass das nicht längst eingeführt wurde?

Haustiere auf dem Hof Fitte Katzen jagen gerne Tuesday, 24. September 2024 Die Schweiz hat generell Mühe, neue Gebote oder Verbote einzuführen, selbst wenn sie sinnvoll wären. Geht es dabei um Tierschutz, wird seit Jahren reflexartig auf das angeblich beste Tierschutzgesetz der Welt verwiesen, ohne wahrhaben zu wollen, dass dieses in vielen Teilen längst überholt ist. Zudem werden die bestehenden Vorgaben nicht oder nur sehr schlecht vollzogen. Hinzu kommt, dass sich bei Katzen jeder eine eigene Meinung erlaubt, weil man als Kind oder in der Familie eine Katze hatte. Also erachtet man sich als Katzenversteher, hört nicht mehr zu und will sich in diesen Fragen auch nicht weiterbilden. Schliesslich erachtet man eine Kastrations- und Chippflicht für Katzen nicht als dringlich genug im Vergleich zu anderen aktuellen Themen. Damit bleibt alles beim Alten: Das Tierleid wächst ungehindert weiter, die Verursacher bleiben ungestraft, Tierheime und Tierschutzorganisationen versuchen auf privater Basis und ohne staatliche Unterstützung den betroffenen Tieren zu helfen. Die Tiere bleiben die Leidtragenden.

Welche Aufgaben hat denn die Politik, um das Katzenelend zu stoppen?

Tierschutz ist eine Aufgabe des Gemeinwesens, das heisst des Bundes, der Kantone und der Gemeinden. Wird feststellt, dass in Sachen Tierschutz akute Mängel vorliegen, ist im Interesse der Leidtragenden umgehend zu handeln. Wenn sich die verschiedenen Gemeinwesen und Behörden seit Jahren gegenseitig die Verantwortung zuschieben, um nur nichts machen zu müssen, statt das Problem endlich zu lösen, ist das eine Frechheit gegenüber den leidenden Tieren und nichts anderes als eine Machtausübung über Schwächere. Darüber hinaus kommt dazu, dass die Verursacher des Elends, die privaten Tierhalter, weiterhin ungeschoren davonkommen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den betroffenen Bauern – wo läuft es gut, wo braucht es mehr Unterstützung?

Das verläuft total unterschiedlich. Viele Landwirte kommen aktiv auf uns zu und freuen sich über unsere unkomplizierte und unterstützende Hilfe dabei, ihr Problem im Interesse der Tiere auf nachhaltige und rücksichtsvolle Weise zu lösen. Das betrifft insbesondere jene Landwirte, die daran interessiert sind, die Katzenpopulation nachhaltig und tiergerecht zu kontrollieren, aber beispielsweise nicht wissen, wie sie verwilderte Tiere einfangen können. Sehr oft empfehlen uns genau diese Landwirte dann auch an ihre Kollegen weiter. Dann gibt es auch andere Landwirte, die kein Interesse am Kastrieren haben und das als Einmischung verstehen. Diese reagieren oft ungehalten, wenn wir zum Beispiel aufgrund einer Meldung Kontakt mit ihnen aufnehmen. Oft stellt man dann fest, dass auf einem Landwirtschaftsbetrieb betreffend dieser Frage auch ein Generationen- oder Geschlechterkonflikt besteht. Und schliesslich begegnen uns leider immer wieder auch solche Landwirte, die offen erklären, dass sie lieber töten als kastrieren.

Aber wie ändern?

Wir wünschten uns, dass vorbildliche Landwirte und auch der Bauernverband mehr Einfluss auf die Kollegen ausüben würden, die massgeblich zum existierenden Katzenelend beitragen.

Welche Massnahmen wären am dringendsten, um das Katzenproblem in den nächsten Jahren spürbar zu verringern?

Will man das Katzenelend reduzieren, ist zunächst quantitativ an der Zahl der Katzen anzuknüpfen. Das bedeutet, es muss viel mehr kastriert werden, um die Population endlich zu reduzieren. Das ist der einzige Weg zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation für alle. Überdies müssten die Behörden im Vollzug mutiger werden. Sie sollten die Situation der Katzen auf Höfen öfter überprüfen und rascher ernsthafte Massnahmen einleiten, wenn man sieht, dass etwas aus dem Ruder läuft. Viel zu oft sind wir auf Höfen, auf denen das Amt kein Katzenelend festgestellt hat, wir dann aber Dutzende schwer kranker Katzen bergen. Das hat wohl noch einen weiteren Grund: Eine Mitarbeiterin eines Veterinäramtes sagte einmal, sie könne keine Katzen beschlagnahmen, weil sie nicht wisse, wo sie die dann unterbringen könne. Deshalb haben sie einfach nichts gemacht und die Katzen weiterhin ihrem Schicksal überlassen. Das ist absurd.