Die Aufgabe des Klimaschutzes in der Landwirtschaft verdichtet sich zu einer einzelnen, zentralen Frage: Braucht die Schweiz vor allem Kühe mit hoher Milchleistung oder langlebige, robuste Tiere, die weitgehend ohne Kraftfutter auskommen? «Für diese Debatte – und für die landwirtschaftliche Praxis – ist unser neues Faktenblatt gedacht», erklärte Jürn Sanders. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) begrüsste Medienschaffende am Bio-Viehtag in Frick AG, um das Faktenblatt «Kuh und Klima» von FiBL und Bio Suisse vorzustellen. Es soll einen Beitrag dazu leisten, die laufende Diskussion zu versachlichen.

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und wissenschaftliche Grundlagen

Abo Nachhaltigkeit Kritik an Kuh frustriert: Wie klimabelastend ist die Kuh wirklich? Tuesday, 30. September 2025 FiBL-Forscher Florian Leiber betonte, es handle sich bei der Frage «intensiv oder extensiv» nicht um eine Auseinandersetzung zwischen wissenschaftlichen Ansätzen und unwissenschaftlichen Wünschen. «Ich will nicht sagen, das eine sei richtig und das andere falsch», so Leiber. Sowohl die Hochleistungs- als auch die Graslandkuh hätten ihre Berechtigung und hinter beidem stehe mittlerweile gleich viel wissenschaftliche Arbeit. Aber die Milchviehhaltung befinde sich in einem Nachhaltigkeitsdilemma zwischen «Feed-no-Food» und «Netto Null».

Das Grasland auch für nächste Generationen erhalten

So lasse sich das Grasland, das in Form von Natur- und Kunstwiesen sowohl in der Schweiz als auch global zwei Drittel der Flächen ausmacht, nur mit Wiederkäuern für die menschliche Ernährung nutzen, gab Florian Leiber zu bedenken. «Und tun wir das nicht, sind Verbuschung und Erosion die Folgen.» Wir seien mitten im Klimawandel, fuhr der Forscher fort, «das passiert jetzt.» Entsprechend hält er die Klimaresilienz für wichtig, die für ihn den Erhalt der Graslandressourcen umfasst. Würden diese Landflächen der Verbuschung überlassen, seien sie innerhalb von zwei Generationen in dieser Form verloren.

Netto Null Treibhausgase auf den Landwirtschaftsbetrieben zu erreichen, sei zwar ein sinnvolles Ziel – aber sehr fokussiert auf Treibhausgase.

Bio Suisse will mit der ganzen Kette Richtung Netto Null

Bio Suisse hat in den Richtlinien 2022 Klimaschutzambitionen verankert – und zwar doppelt, erläuterte Jasmin Hufschmid, Projektleiterin Klima: Bis 2040 sollen die Treibhausgasemissionen Richtung Netto-Null reduziert werden und die ganze Knospe-Wertschöpfungskette soll im Rahmen ihrer Möglichkeiten entsprechende Massnahmen ergreifen. Gleichzeitig bekennen sich sowohl der Verband als auch das FiBL zum Grundsatz «Feed-no-Food».

Ein Verständnis für Rolle und Ziele der Bio-Rinder

«Wir brauchen ein klares Narrativ für die Bio-Wiederkäuer-Produktion in der Schweiz», fasste Florian Leiber zusammen. Ein Narrativ schafft ein gemeinsames Verständnis, in diesem Fall für die Rolle der Wiederkäuer in der biologischen Landwirtschaft hierzulande. Nach langer Auseinandersetzung – auch FiBL-intern, wie Leiber sagte – einigte man sich auf folgende Punkte:

  1. Ernährungssicherheit durch Lebensmittelproduktion auf Grasland als erste Priorität.
  2. Produktive Nutzung der nationalen Ressourcen (z. B. eben Grasland, trägt zur Unabhängigkeit der Schweiz bei).
  3. Langfristiger Erhalt der Ressource Grasland durch nachhaltige Nutzung (auch für die nachfolgenden Generationen).
  4. Erhalt des Kohlenstoffspeichers in den Böden (der Umbruch von Wiesen setzt Kohlenstoff frei).
  5. Erhalt und Förderung der Biodiversität.
  6. Artgerechte Tierhaltung.
  7. Im Rahmen des oben Genannten: Eingrenzen der Methanemissionen soweit irgend möglich.

«Wir dürfen uns nicht von der graslandbasierten Produktion verabschieden zugunsten einer eindimensional motivierten Treibhausgas-Reduktion», ergänzte Leiber. Der Bund folgt diesem Narrativ durch die GMF-Förderung, Bio Suisse mit seinen Fütterungsrichtlinien.

Wo man in der Praxis ansetzen kann, um Methan zu reduzieren

Analyse Wir haben nicht zu viele Kühe – wir haben nur die «falschen» Monday, 20. October 2025 Für den letzten Punkt, die Eingrenzung der Methanemissionen, kommen gemäss FiBL Zucht die Verlängerung der Nutzungsdauer, ein verbessertes Weidemanagement, Fütterungsanpassungen sowie optimierte Hofdüngerlagerung und -management als Strategien in Frage. Das Faktenblatt gibt dazu Hinweise für die Praxis. Der FiBL-Forscher zeigte sich indes skeptisch gegenüber methanhemmenden Futterzusätzen. Dabei sei die Langfristigkeit sowohl für tanninhaltige Kräuter als auch synthetische Produkte wie Bovaer unbekannt und fraglich. Ausserdem greife man damit in ein sehr komplexes biologisches System – den Vormagen – ein.

Es herrsche Einigkeit darüber, dass der Klimawandel eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit sei, meinte Jürn Sanders. Das Faktenblatt «Kuh und Klima» stellt aber klar, dass der Klimawandel nicht die einzige Krise sei: Die Biodiversität schwinde, Böden verarmten, Gewässer würden überdüngt und Kulturland gehe verloren. «Klimaschutz allein reicht nicht aus», so das Fazit der Autoren. Wer sich nur auf dieses Ziel konzentriere, laufe Gefahr, andere zentrale Nachhaltigkeitsaspekte aus den Augen zu verlieren. «Nur ein ganzheitlicher Ansatz schützt langfristig Umwelt, Ernährung und Lebensgrundlagen.»

Im Sinne eines eigenen Leitbilds den Betrieb weiterentwickeln

Dieses Verständnis scheint Simon Schönholzer zu teilen. Der Demeter-Landwirt führt den Lobähof in Schönholzerwilen TG «im Tandem» mit seiner Frau, wie er sagt. Als sie eine Familie gründeten, gaben sich die beiden ein Leitbild für ihren Hof: «Wir möchten unseren Betrieb und unsere Böden der nächsten Generation ein klein wenig gesünder übergeben, als wir sie übernommen haben.» In diesem Sinne haben Schönholzers den Lobähof weiterentwickelt:

Kreislaufwirtschaft: Maximale Eigenfutterverwertung für die Tiere, nur Recyclingdünger zugeführt (Kommunalkompost).

Pflanzenbau: Reduktion des Pflugeinsatzes, optimierte Fruchtfolge, bewusster Anbau von Kunstwiesen und Zwischenfutter.

Tierhaltung: Reduktion des Kraftfutters schrittweise, möglichst wenig Antibiotika dank Homöopathie und Phytotherapie.

Ökonomischer Erfolg: Die Familie soll vom Betrieb leben können, v. a. vom Produktverkauf. «Ich sehe unsere Hauptaufgabe in der Kalorienproduktion», so der Thurgauer. «Ein auf Direktzahlungen optimierter Betrieb befriedigt mich nicht.»

Die Produktion muss für Simon Schönholzer eingebettet sein in Kreisläufe und möglichst wenig Schaden anrichten. Wo trotzdem Schäden entstehen, will er sie wieder beheben. Dabei soll das Ganze auch sozialverträglich sein, «wir sind keine Extremsten».

Aufgabenteilung mit dem Berggebiet durch ausgelagerte Aufzucht

Simon Schönholzer hat die Aufzucht ausgelagert, nach drei Monaten und bis zum Abkalben ist das Jungvieh des Lobähofs in Tschiertschen GR im Berggebiet. «Das ist eine sinnvolle Arbeitsteilung», findet der Landwirt. So könne er die Bealpung fördern, zur Vermeidung der Verbuschung beitragen und gleichzeitig bei sich im Talgebiet mehr Ackerbau betreiben.

Bei der Fütterung folgt der Thurgauer dem Grundsatz «möglichst einfach und unkonserviert». Wegen wenig arrondierter Fläche lässt er seine Kühe im Sommer halbtags weiden und grast dann für den Abend und die Nacht ein, ergänzend kommen für die Pansenstabilität 2 kg Heu als Strukturquelle zur Ration dazu. Frischgekalbte bekommen Maiswürfel als Energiekick. Im Winter besteht die Ration aus zwei Dritteln Dürrfutter und einem Drittel Silage. Den hohen Eiweissgehalt des Herbstgrases gleicht Simon Schönholzer mit energiereichen Zuckerrübenschnitzeln aus. Zur richtigen Zeit verfüttert steige so die Milchleistung deutlich, schilderte er.

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Kühe züchten, die zum Betrieb passen

Ein weiterer Punkt für Schönholzers war, Kühe zu züchten, die zum Betrieb passen. Dabei gehe es nicht nur um die Wahl der Rasse oder die Berücksichtigung des Standorts, sondern auch dessen, was der Hof bieten kann. «Wir haben gemerkt, dass wir unsere Ziele mit Kühen ab Stange nicht erreichen», so Simon Schönholzer. Durch die Kombination zweier guter Mutterlinien und mehrerer Rassen entstand eine Herde von mehr oder weniger braunen Kühen. Noch immer arbeite er an Langlebigkeit, guter Futterverwertung und Gesundheit. «Aber es funktioniert», so sein Fazit.

«Mit Kühen ab Stange erreichen wir unsere Ziele nicht.»

Simon Schönholzer züchtet seine Herde selbst.

Zur Emissionsreduktion setzt man auf dem Lobähof schon lange auf den Schleppschlauch und gute Wetterbedingungen für das Ausbringen von Hofdüngern. Das Güllelager befindet sich ausserhalb der Gebäude, damit sich die Gülle schneller abkühlen kann. «Zusätzlich haben wir den Mistanteil erhöht und reizen die Bilanz nicht ganz aus», ergänzte der Thurgauer.

Weniger Kraftfutter und eine längere Nutzungsdauer bei tiefen Tierarztkosten

Dank der Teilnahme am Ressourcenprojekt Klimastar kann Simon Schönholzer seine Resultate mit anderen Betrieben vergleichen. Bei Klimastar wird mit Klir gearbeitet, «einem Rechner für die intensive Landwirtschaft», bemerkte der Demeter-Landwirt. Die Milchleistung seiner Kühe ist zwar mit durchschnittlich 6366 kg deutlich tiefer als der Durchschnitt aller 222 Klimastar-Betriebe (7822 kg), weshalb der Klir-Rechner ihm 24 g Treibhausgase pro kg Milch mehr attestiert. Dafür kommen Schönholzers Tiere mit markant weniger Kraftfutter aus, das obendrein ausschliesslich aus der Region stamme – die Nahrungsmittelkonkurrenz sei gleich null. «Mein Fazit als Praktiker: Ich arbeite ziemlich effizient.» Kommt hinzu, dass die Kühe des Lobähofs zwar pro Jahr weniger Milch geben, dafür aber länger leben. Ihre Nutzungsdauer ist rund 1,4 Jahre länger als der Rassendurchschnitt, sie werden etwa 7,5 Jahre alt (Erstkalbealter 32 Monate).

Ein Faktor sind für Simon Schönholzer die tiefen Tierarztkosten auf seinem Betrieb, die er auf 60 Franken pro Kuh und Jahr beziffert. Seit 2014 setze er keine Antibiotika im Euter mehr ein.

Mit angepassten Tierzahlen auf Weidehaltung setzen

«Beim Klima geht es ums grosse Ganze», findet Schönholzer. Man könne zwar durch eine Intensivierung der Produktion die CO₂-Emissionen senken. «Dafür fällt mehr Hofdünger an, der ausgebracht werden muss.» Bei ungünstigen Bedingungen entstehe dabei Lachgas, das klimaschädlicher sei als Methan oder CO₂. Das Faktenblatt von FiBL und Bio Suisse propagiert die Weidewirtschaft, in der Tierzahlen und Futterbasis den lokalen Bedingungen angepasst werden: «Dadurch entstehen weniger Nährstoffüberschüsse, weniger Umweltbelastung und wertvolle Proteine aus Flächen, die sonst nicht genutzt werden könnten.»

Zum Faktenblatt «Kuh und Klima»:

Kohlenstoffkreisläufe und Klimawandel
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«Das ist unser Problem, von da kommt der Klimawandel», sagte FiBL-Forscher Florian Leiber und zeigte auf eine Darstellung des fossilen Kohlenstoffkreislaufs. Darin gelangt zuvor in fossilen Quellen wie Erdöl oder Kohle gespeichertes CO₂ in die Atmosphäre. Biogenes CO₂ aus der Atmung von Tieren und Menschen oder aus Zersetzungsprozessen hingegen sei nicht klimawirksam, da es sich in einem geschlossenen Kreislauf bewegt und so die Gesamtmenge an CO₂ in der Atmosphäre gleich bleibt. Im Gegensatz dazu stammt biogenes Methan zwar aus der Verdauung von Wiederkäuern und damit letztlich aus Pflanzen. 

Da es aber die Wärme stärker als CO₂ reflektiert, ist es gemäss FiBL trotzdem nicht klimaneutral, weil es in der Atmosphäre wie ein zusätzlicher Erwärmungsschub wirke – vor allem kurzfristig. «Egal ob biogen oder fossil (z. B. Erdgas): Wenn mehr Methan in die Atmosphäre gelangt als dort natürlicherweise zu CO₂ umgewandelt werden kann, steigt die Erderwärmung exponentiell an», heisst es dazu im Faktenblatt. «Das Methan ist wegen des fossilen CO₂ quasi das Sahnehäubchen geworden», so Florian Leiber. Es sei ein neuer Bereich, in dem sich Treibhausgase reduzieren liessen, und zwar dank der kurzen Verweildauer in der Atmosphäre in kurzer Zeit. «Aber wir könnten nur einmal alle Rinder abschaffen», gab er zu bedenken.

Eigentlich werde die radikale Methan-Reduktion nur vorgeschlagen, damit mit dem fossilen Kreislauf länger wie bisher weiterverfahren werden kann, so Leiber. Methan- und CO₂-Emissionen müssten im Energiesektor eingespart werden. In der Schweiz falle Methan aus der Tierhaltung besonders ins Gewicht, weil es hierzulande weder Schwerindustrie noch den Abbau fossiler Energieträger als grosse Emissionsquellen gibt.