Pius Manetsch aus Graubünden hat es vorgemacht: Trotz massiver Wolfspräsenz des Stagias-Rudels in der Region Mompé-Medel verzeichnet er keine Risse in seinen Schaf- und Ziegenherden. Wie die BauernZeitung kürzlich berichtete, setzt der Landwirt konsequent auf korrekt gebaute Litzenzäune – mit Erfolg.

Die Beratungsorganisation Agridea hat ein umfassendes Merkblatt zu Wolfschutzzäunen auf Kleinviehweiden publiziert, das die technischen Anforderungen systematisch aufschlüsselt. Die Gegenüberstellung wirft Fragen auf.

Was die Jagdverordnung verlangt

Das Agridea-Merkblatt fasst die rechtlichen Rahmenbedingungen zusammen: Gemäss Jagdverordnung (JSV) gilt ein Herdenschutzzaun als fachgerecht erstellt und unterhalten, wenn er bestimmte Kriterien erfüllt. Die Anforderungen sind präzise formuliert:

  • Er muss der Geländekontur folgen
  • Geschlossen und ausreichend gespannt sein
  • Mindestens vier Litzen aufweisen, wobei der Abstand der untersten Litze zum Boden maximal 20 cm und der maximale Abstand zwischen den Litzen 25 cm betragen darf
  • Bei Knotengittern muss zusätzlich eine elektrifizierte Litze oberhalb und eine elektrifizierte Stoppdraht 20 cm ab Boden unterhalb angebracht sein
  • Die Höhe muss bei Kleinwiederkäuern mindestens 90 cm betragen
  • Die Spannung soll durchgehend 3000 Volt aufweisen

Diese Vorgaben definieren den Mindeststandard, bei dessen Einhaltung Tierhalter Anspruch auf Entschädigung bei Wolfsrissen haben – sofern alle Bedingungen erfüllt sind.

Das Verhalten des Wolfs: Lernen und Meiden

Abo Herdenschutz «Ein richtig gebauter Zaun schützt» – Altlandwirt Pius Manetsch über ein Leben mit Kleinvieh Tuesday, 11. November 2025 Die Autoren Daniel Mettler und Andreas Schiess von Agridea erläutern im Merkblatt das Verhalten von Wölfen gegenüber Elektrozäunen. Wölfe reagieren empfindlich auf elektrische Schläge und respektieren elektrifizierte Systeme in der Regel. Das Überspringen von Elektrozäunen durch Wölfe in der Schweiz geschieht laut Agridea äusserst selten.

Dennoch besteht ein Risiko: Grösser als die Gefahr eines Übersprungs ist die Möglichkeit, dass ein Wolf versucht, unter dem Zaun hindurchzuschlüpfen. Macht er dabei keine negative Erfahrung mit einem Stromschlag, weil die unterste Litze zu hoch angebracht ist oder die Spannung nicht ausreicht, prägt sich der Wolf diesen Weg ein. Er kehrt zurück, solange er dort zeitlich und örtlich genügend Nahrung findet – ein klassisches Lernverhalten.

Sichtbarkeit als unterschätzter Faktor

Ein bemerkenswerter Aspekt des Agridea-Merkblatts betrifft die Farbgestaltung von Zäunen. Immer häufiger werden Weidenetze und Drahtlitzen in verschiedenen Farben angeboten. Die Begründung ist zweigeteilt:

Orange Weidenetze oder Zäune warnen Menschen vor dem elektrifizierten Zaunsystem, sind aber für Nutztiere – und interessanterweise auch für Wildtiere – schlecht sichtbar. Die eingezäunten Nutztiere kennen die Zäune bereits als Grenze und respektieren diese meist. In Paniksituationen kann es allerdings vorkommen, dass sie die Zäune durchbrechen.

Abo Herdenschutz mit Litzenzäunen Wo Manetschs Zaun steht, reisst kein Wolf – doch die Ausbildung hinkt hinterher Tuesday, 2. December 2025 Für Wildtiere hingegen ist die gute Sichtbarkeit neuer Zäune besonders wichtig. Das Merkblatt weist darauf hin, dass Kontrastfarben die Sichtbarkeit für Nutz- und Wildtiere erhöhen. Ein Wildwechsel, der durch einen Zaun getrennt wird und die Barriere rechtzeitig wahrnimmt, kann sich nicht oder zu spät wahrnehmen und sich verfangen oder den Zaun zu Boden reissen.

Die Autoren empfehlen daher, bestehende Zaunsysteme kostengünstig mit Flatterbändern visuell zu verstärken. Diese 10 bis 20 cm langen Bänder in Blau-Weiss oder Rot-Weiss sollten in regelmässigen Abständen am Zaun angebracht und je nach Zustand der Vegetation regelmässig ausgetauscht werden – idealerweise jährlich nach der Weidesaison.

Die Praxis und die Norm: Eine kritische Lücke?

Die zentrale Frage, die sich aufdrängt: Entspricht ein in der Praxis nachweislich erfolgreicher Zaun automatisch den gesetzlichen Mindestanforderungen? Der Fall Manetsch zeigt, dass fachgerecht gebaute Litzenzäune Wölfe fernhalten können. Doch das Agridea-Merkblatt macht auch deutlich, wo potenzielle Schwachstellen liegen:

  • Gräben und Vertiefungen im Zaunverlauf, wo die Bodenfreiheit zu gross wird
  • Stark verbuschte Abschnitte im Zaunverlauf, die das Risiko erhöhen
  • Weidedurchgänge, die nicht genügend elektrisch gesichert sind
  • Zusätzliche Stoppdraht-Verstärkungen beim Knotengitter, die nicht elektrisch verstärkt werden

Das Merkblatt enthält dazu eine Bildstrecke mit drei Kategorien: «Empfehlung», «Grundschutz» (markiert mit Sternchen) und «Nicht geeignet». Die Kategorie «Grundschutz» verweist auf Zäune, die zwar einen gewissen Schutz bieten, aber bei einer Verstärkung von Knotengitter durch zusätzliche Stromlitzen die Anforderungen an einen fachgerechten Herdenschutz gemäss JSV nicht erfüllen könnten.

Materialkosten und Unterstützung

Die finanzielle Dimension spricht das Merkblatt ebenfalls an: Zaunanpassungen für den Herdenschutz sowie Elektrozaungeräte werden finanziell vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) und den Kantonen unterstützt. Die Beiträge sind im Massnahmenkatalog des Bafu für Herdenschutzmassnahmen aufgelistet.

Ein Werkzeug, keine Empfehlung

Das Agridea-Merkblatt versteht sich ausdrücklich als Informationsinstrument. Es richtet sich an Betriebe mit von Kleinvieh genutzten landwirtschaftlichen Flächen ausserhalb des Alpengebiets. Für Betriebe im Sömmerungsgebiet werden laut Herausgeberin andere Schutzmassnahmen empfohlen.

Die Publikation fasst die allgemein wichtigen Empfehlungen zur Installation und zum Unterhalt von Schutzzäunen zusammen und präzisiert die nötigen Anpassungen bei Wolfspräsenz. Verstärkte Knotengitter, Weidenetze sowie Litzen mit zusätzlichen Flatterbändern oder Drahtlitzen werden dargestellt. Die Autoren betonen jedoch, dass es gelegentlich Sinn machen kann, bestimmte Zäune aufzugeben und durch ein neues Zaunsystem zu ersetzen.