Abo Herdenschutz mit Litzenzäunen Wo Manetschs Zaun steht, reisst kein Wolf – doch die Ausbildung hinkt hinterher Tuesday, 2. December 2025  «Mein Wohnort war und ist Mompé-Medel», sagt Pius Manetsch. Der 81-Jährige erzählt aus einem langen Leben in der Landwirtschaft – vom Ziegenhirten zum Kleinviehbauern bis hin zum heutigen Befürworter moderner Zauntechnik. Einen Beruf im klassischen Sinn hat er nie erlernt: «Ich sagte lange, ich habe nichts gelernt – was aber falsch ist. Ich habe einfach keinen Beruf abgeschlossen.» Er half zu Hause auf dem Hof, war Ziegenhirt und verbrachte einen Sommer auf einer Kuhalp.

Nach acht Jahren Primarschule und einem Jahr Sekundarschule veränderte ein tragischer Unfall das Leben der Familie. «Wir waren zu siebt auf einem landwirtschaftlichen Fahrzeug. Eine zwei Jahre ältere Schwester und ein vier Jahre älterer Bruder überlebten den Unfall nicht. Ich war damals noch nicht sechzehn Jahre alt.»

Der Vater war bereits 60, dazu gab es neun jüngere Geschwister – insgesamt 15 Kinder. «Ein weiterer Schulbesuch war nicht mehr möglich, ich musste zu Hause bleiben und helfen», erinnert er sich.

Der Weg in die Landwirtschaft

Nach einigen Jahren kam ein jüngerer Bruder nach, und Pius konnte sein Leben wieder neu planen. Er war in verschiedenen Tätigkeiten aktiv und besuchte noch zwei Jahre Mittelschule. 1970 heiratete er seine Frau Anna-Maria. Einige Jahre später konnten die beiden einen Teil des elterlichen Betriebs mit rund einem Dutzend Schafe und ebenso vielen Ziegen übernehmen.

«Meine Frau und ich stiegen in die Ziegenmilchwirtschaft ein und produzierten selber Ziegenkäse», erzählt er. Gemeinsam mit ihren vier Kindern bauten sie den Betrieb kontinuierlich aus.

Vom Ziegenhüten zum Litzenzaun

Als das traditionelle Ziegenhüten und der freie Weidegang kaum mehr möglich waren, beschlossen Manetschs, die wachsende Herde in der Nähe des Dorfes auf Wiesen und überwachsenen ehemaligen Magerwiesen einzuzäunen.

«Wir begannen mit Forstgattern von 130 Zentimeter Höhe – auf steilem Gelände kein einfacher Job», erinnert sich Pius Manetsch. Zunächst entstanden nur zwei Koppeln, was sich bald als unpraktisch erwies. Danach teilten sie die Flächen mit drei Litzen in kleinere Abschnitte. «Das funktionierte recht gut. Der nächste Schritt war, nur noch mit Litzen zu zäunen – und dieser Schritt war richtig», sagt er.

Mit wenigen Anpassungen lief das System dann stabil. «Das bewies, dass Kleinvieh genauso gut in Litzen gehalten werden kann, wie Grossvieh.»

Eine andere Sicht auf Herdenschutz

Beim Schutz von Schafen auf Weiden und Alpen setzt man heute oft Herdenschutzhunde ein. Für Pius Manetsch ist das keine ideale Lösung. Um seine Sicht zu verdeutlichen, stellt er eine Beispielrechnung auf:

Eine Alp mit 700 Schafen und ebenso vielen Lämmern (rund 150 Normalstoss) wird von vier Herdenschutzhunden und zwei Hirten betreut. «Zwei Hirten sind nötig, um die Tiere den ganzen Tag zu hüten und abends wieder in die Nachtkoppel zu treiben. Aber das ist vor allem bei schwierigem Gelände und schlechtem Wetter im Nebel fast unmöglich.»

Ungeschützt zur leichten Beute für Wölfe

Das Abtreiben aller Tiere am Abend sei eine Herkulesarbeit, verbunden mit grossem Aufwand. Tiere, die draussen bleiben, seien trotz des Personaleinsatzes ungeschützt und leichte Beute für Wölfe.

«Bei diesem System sind zwei volle Arbeitskräfte notwendig. Um die Tiere abends zu sammeln, muss man früh beginnen, das verkürzt die Futteraufnahme. Wenn der Hirte morgens zu spät aufsteht, verkürzt sich die Weidezeit zusätzlich.»

Er rechnet vor: «Ein Lamm nimmt pro Tag etwa 200 Gramm zu. Bei verkürzter Weidezeit könnten es nur noch 170 Gramm sein, also 30 Gramm weniger. Multipliziert mit 120 Alpungstagen ergibt das 3,6 Kilo weniger Gewicht pro Lamm.» Bei 700 Lämmern seien das 2520 Kilogramm weniger Gewicht. Bei 6 Franken Netto-Lebendgewicht pro Kilo entspricht das einer Ertragseinbusse von rund 15 120 Franken.

Wird die Alp hingegen mit Litzenzäunen zu Koppelweide eingezäunt, könne man mit 1,5 Arbeitskräften gut auskommen. «Bei einem Bruttolohn von 7000 Franken pro Monat kostet eine halbe Stelle etwa 14 000 Franken jährlich.»

Die Kosten für Herdenschutzhunde seien hingegen dauerhaft: «Sie müssen das ganze Jahr gefüttert und gepflegt werden. Dazu kommt das ständige Bellen – im Dorf und im Tourismusgebiet eine Belastung.» Für Wanderer und Gäste sei das oft unangenehm. «Ein Zaun hingegen kann im Herbst abgebaut und im Winter eingelagert werden.»

Die Landwirtschaft in Mompé-Medel

Heute gibt es im Dorf noch sechs Bauernbetriebe. Vier halten Grossvieh, zwei davon auch Schafe. Zwei Betriebe haben Ziegen und Schafe. Vier Betriebe behalten einen Teil der Tiere während der ganzen Weidesaison auf dem Betrieb. «Einige verwenden Netze, wir nur Litzen. Keiner dieser Betriebe besitzt Herdenschutzhunde. Unsere Tiere bleiben Tag und Nacht den ganzen Sommer draussen. Das Stagias-Wolfsrudel ist weniger als einen Kilometer entfernt. Unser Zaun funktioniert seit Jahren problemlos», so Manetsch.

«Der Mensch ist das Problem!», sagt der 81-Jährige überzeugt. «Ein Grossraubtier respektiert einen korrekt erstellten Litzenzaun sogar mehr als weidende Tiere.» Denn während des Weidens kämen die Tiere dem Zaun nahe und spürten den Strom. «Sie merken sofort, wenn der Zaun keinen Strom mehr führt», so Pius Manetsch.

Auch ein junger Wolf erkunde sein Revier Stück für Stück. «Wenn er an einen korrekt installierten Elektrozaun kommt, ist der Schlag unvorstellbar gross – und er wird diesen Zaun ein Leben lang meiden», ist Pius Manetsch sicher.

Viele schlecht erstellte Zäune

Leider gebe es viele schlecht gebaute Zäune. «Wenn man neben einem Zaun läuft oder fährt, sieht man immer wieder kleinere oder grössere, aber auch unverzeihliche Fehler. Ein Knopf an einer Litze kann schon einen grossen Fehler bedeuten – um den Pfosten gewickelt oder schlecht geerdet ist falsch», so Manetsch.

Ein Zaun müsse beweglich bleiben und richtig installiert sein. Dazu hat Pius Manetsch auch einen ausführlichen Film gemacht und diesen auf YouTube unter dem Titel «5-Litzenzaun richtig gemacht» veröffentlicht.

Nach dem Ende der eigenen Milchproduktion und Vermarktung bewirtschafteten Manetschs eine Schafalp, die Alp Cristallina mit rund 1400 Tieren. «Mein Ziel war von Anfang an, die Tiere in Koppeln weiden zu lassen, nur mit Litzen – Netze nur in Ausnahmefällen, so stand es in der Alpverordnung», erinnert er sich.

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Der Altlandwirt fordert Verbot von Netzen

Wie der Altlandwirt weiss, wollte der Schweizer Tierschutz später die Netze verbieten, «das wäre für die Alpwirtschaft gut gewesen», meint er. «Netze verlieren schnell an Strom und sind auf unebenem Gelände mühsam aufzustellen», erklärt er.

Auf der Alp Cristallina war Strom vorhanden, sodass sie den stärksten Elektrozaun-Apparat einsetzen konnten. «Zeitweise hatten wir bis zu zehn Kilometer Zaun installiert. Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten, die wir aber lösen konnten», erinnert er sich.

Die Familie bewirtschaftete die Alp 17 Jahre lang, davon zwölf Jahre ohne fremdes Personal – nebenbei brachten sie zu Hause noch die Heuernte unter Dach. In den letzten Jahren kamen neue Bewirtschafter dazu, die vier Herdenschutzhunde und einen Schafhirt einsetzten. «Das Zaunmaterial blieb immer am Ort, wir hatten genug Material für alle Zäune» erklärt der Altlandwirt weiter.

Ein Wolfsrudel ganz in der Nähe

Mit der Zeit siedelte sich oberhalb des Dorfs ein Wolfsrudel an – in einem Gebiet, das schon immer «Plaun da Luvs» (Wolfsboden) hiess. «Die Wölfe sind das ganze Jahr in der Nähe des Dorfs unterwegs», sagt Pius Manetsch.

Im Mai 2020 kam es zu einem Wolfsangriff im Dreilitzen-Zaun. Ob es das Stagias-Rudel war, ist unklar. «Seitdem haben wir mit fünf Litzen abgezäunt – und keinen Wolf mehr gesehen.»

Die zusätzliche Arbeit lohne sich: «Der Unterschied zwischen einem Zaun mit einer oder mehreren Litzen ist nicht gross, wenn man weiss, wie es geht.»

Forderung nach mehr Ausbildung

«Warum sieht man an Zäunen so viele Fehler?», fragt sich Pius Manetsch indes selber. «Jeder, der einen landwirtschaftlichen Betrieb übernimmt, sollte eine Ausbildung absolvieren, bei der man lernt, wie man einen sicheren Zaun in angemessener Zeit richtig aufstellt.»

Und dafür brauche es ein Lehrmittel. «Ich frage mich schon lange, warum es das nicht gibt. Für viele Fächer gibt es detaillierte Unterlagen – warum nicht auch fürs Zäunen?», fragt er weiter und ist sicher: «Hier sind die Behörden gefordert.»

Den grossen Erfahrungsschatz weitergeben

Auf die Frage, ob er heute wieder auf die Alp gehen würde, antwortet Pius Manetsch ohne Zögern: «Ja, schon morgen wieder. Jetzt geht es nicht mehr, Ende Sommer wurde ich 81 Jahre alt.» Sein grösster Wunsch ist es aber, seine praktische Erfahrung weitergeben zu können.

Er würde vieles gleich machen – manches aber gezielter: «Ich würde keine Netze und keine Herdenschutzhunde verwenden, sondern nur Koppelweiden mit Litzen zäunen. Das nächtliche Pferchen wäre unnötig.» Gefragt danach, was er auf die Alp mitnehmen würde, sagt Pius Manetsch: «Den stärksten Zaun-Apparat, Erdungsmaterial, Strommessgerät, Fernbedienung, ein passendes PV-Panel, verschiedene Litzen, Fiberglaspfähle ohne Metallspitzen, Tschipies, eine Drohne, verschiedene Kleinwerkzeuge und noch einiges mehr.» Heute sei es sogar möglich, die Stromstärke eines Zauns bequem von zu Hause aus zu kontrollieren, ergänzt er, im Wissen, dass es neben Wissen und Können eben auch Technik braucht. «Ich wünsche mir, dass meine Erfahrung nicht verloren geht. Ein richtig gebauter Zaun schützt – zuverlässig, nachhaltig und tierfreundlich», schliesst er.