Die Karte des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden erzählt eine Geschichte. Rote und rosa Kreise überziehen die Region um Mompé-Medel wie ein dichtes Netz – jede Sichtung, jede Spur, jede Fotofalle des Stagias-Rudels ist dort verzeichnet. Die Wolfspräsenz ist massiv. Und doch fehlen genau dort, wo Pius Manetschs Schafe und Ziegen weiden, die schwarzen Kreise. Sie würden Risse markieren, doch sie sind nicht da. Obschon bei dieser Dichte an Wolfsnachweisen durchaus damit zu rechnen wäre.
Das Wolfsrudel lebt keine tausend Meter vom Dorf entfernt, Manetschs Tiere bleiben den ganzen Sommer draussen, Tag und Nacht. Ringsum gibt es Risse – bei ihm nicht. Was macht der 81-Jährige anders? «Ein richtig gebauter Zaun schützt», sagt er und zeigt auf seine fünf Litzen, korrekt gespannt, perfekt geerdet. Seit Jahren funktioniert sein System. Dann kommt seine Kritik: «Warum lernt man das nicht in der Ausbildung?»
Gute Frage. Die BauernZeitung hat bei landwirtschaftlichen Bildungszentren der Schweiz nachgehakt: Plantahof in Landquart GR, Inforama in Zollikofen BE, Landwirtschaftliches Zentrum in Salez SG, Landwirtschaftliches Zentrum in Visp VS. Die Fragen waren konkret: Wird Zaunbau systematisch unterrichtet? Gibt es praktische Übungen? Werden typische Fehler gezeigt?
[IMG 1]
Plantahof: Theorie ja, Praxis nein
Thomas Vetter, Leiter Bildung am Plantahof, antwortet ausführlich und kommt gleich zur Sache: «Im aktuellen Lehrplan der Grundbildung – Landwirtin/Landwirt EFZ sowie Agrarpraktikerin/Agrarpraktiker EBA – sind Herdenschutz und die damit verbundenen Massnahmen, inklusive Zaunbau, nicht explizit vorgesehen.» Wer heute eine landwirtschaftliche Lehre macht, muss also nicht lernen, wie man einen Zaun richtig baut.
Am Plantahof versucht man trotzdem, das Thema in den Unterricht zu integrieren. «Wir bringen diese Inhalte seit mehreren Jahren aus der Weiterbildungs- und Beratungstätigkeit direkt ein», erklärt Vetter. Im dritten Lehrjahr behandelt die Berufsfachschule Herdenschutz im Rahmen der Schaf- und Ziegenhaltung, die Inhalte stammen aus der eigenen Herdenschutzberatung. Das klingt vielversprechend, bis Vetter einen entscheidenden Satz anfügt: «Aktuell werden die Inhalte nicht praktisch vermittelt.» Theorie ja, Praxis nein. Niemand zeigt den Lernenden, wie man eine Litze richtig spannt, wie man erdet, wo die Tücken lauern.
Inforama: Wahlfach oder Glückssache
Vom Inforama in Zollikofen kommt eine ähnliche Einschätzung. Lars Hulliger schreibt: «In den aktuellen Bildungs- und Schullehrplänen ist der Herdenschutz kein grosses Thema. Zäune werden eher im Allgemeinen thematisiert.» Es gibt zwar ein Wahlfach «Haltung kleine Wiederkäuer», dort ist Herdenschutz selbstverständlich Thema. Aber die Lernenden müssen im dritten Lehrjahr drei Wahlfächer belegen – welche sie wählen, steht ihnen frei. Wer sich für andere Schwerpunkte entscheidet, lernt also nichts über Zaunbau.
Auf den Betrieben sei Herdenschutz sicher ein Thema der praktischen Ausbildung, räumt Hulliger ein, fügt aber eine wichtige Einschränkung an: «Aber nicht standardisiert.» Es hängt also vom Zufall ab, vom Lehrbetrieb und vom Berufsbildner, ob jemand lernt, wie man einen Zaun korrekt baut.
Rheinhof Salez: Die Ausnahme bestätigt die Regel
Aus Salez kommt eine Antwort, die aufhorchen lässt. Martin Willi, Bereichsleiter am Bildungszentrum St.Gallen, berichtet: «Das Thema wird einerseits im überbetrieblichen Kurs (üK) im ersten Lehrjahr praktisch instruiert, weiter ist es im Wahlfach Kleintierhaltung im dritten Lehrjahr eines der Kernthemen.» Besonders interessant: «Der Unterricht wird von unserem kantonalen Herdenschutzbeauftragten unterrichtet, somit stellen wir den Wissens- und Erfahrungstransfer zu den Lernenden sicher.»
Ein Praktiker also, der aus erster Hand weiss, worauf es ankommt. Wie stark das Zäunen im Kontext Herdenschutz thematisiert wird? «Sehr stark, gerade im Wahlfach ist die Motivation zur Instruktion genau das Thema Schutz der Herde», betont Willi. Zur Erfahrungsweitergabe ergänzt er: «Das ist nicht nur Plan, sondern wird so praktiziert.» St. Gallen macht also bereits heute, was Manetsch fordert, bildet aber die Ausnahme, nicht die Regel.
Visp verweist auf nationale Ebene
Das Landwirtschaftliche Zentrum in Visp wurde ebenfalls angefragt. Karin Oesch verweist darauf, dass die Fragen die nationale Ebene betreffen: «Die Fragen gehen in Richtung Lehrplan, also einen nationalen Bereich, der von der OdA Agri Ali Form geprägt wird. Wir stecken mitten in der Revision Grundbildung, welche ab Sommer 2026 umgesetzt wird. Da ist auch ein üK Herdenschutz/Zäunen vorgesehen.» Sie verweist uns an Petra Sieghart von Agriprof, die die Revision eng begleitet.
Das System erklärt die Lücke
Die Antwort auf die Frage, warum ein so praxisrelevantes Thema fehlt, liegt im System der Schweizer Berufsbildung. Das Inforama erklärt: «Für die Erstellung der Bildungs- und Schullehrpläne ist die OdA Agri Ali Form zuständig. Diese gelten anschliessend verbindlich für alle Schulen, Verbände und Betriebe, welche die entsprechenden Berufe in der Schweiz ausbilden.» Die Organisation der Arbeitswelt bestimmt also, was gelehrt wird. Die Schulen setzen die Vorgaben im Unterricht um, die Verbände organisieren die überbetrieblichen Kurse, die Berufsbildner vermitteln das Wissen im Betriebsalltag. Was im Lehrplan nicht steht, muss nicht gelehrt werden. Schulen wie der Rheinhof oder der Plantahof, die das Thema trotzdem aufgreifen, handeln aus eigener Überzeugung.
2026: Der Wendepunkt
Alle Antworten münden in das gleiche Datum: August 2026. Dann tritt die grosse Revision der landwirtschaftlichen Grundbildung in Kraft. Petra Sieghart von Agriprof, die die Revision begleitet, bestätigt: «Mit dem neuen Bildungsplan ab 2026 machen wir hier tatsächlich einen Schritt vorwärts.» Die Grundlagen werden künftig in der Handlungskompetenz für alle Landwirtinnen und Landwirte gelegt. In der neuen Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft wird das Thema dann vertieft. Sieghart verweist auf die Handlungskompetenzen g 1.6 und g 2.4 im neuen Bildungsplan: «In der linken Spalte stehen die betrieblichen Leistungsziele, in der mittleren die schulischen. Und zu g 2.4 gibt es dann auch noch einen überbetrieblichen Kurs, wo praktisch geübt wird.»
Bildungsplan Landwirtin EFZ / Landwirt EFZ
Thomas Vetter vom Plantahof wird konkreter: «Mit der Bildungsrevision ab dem kommenden Jahr erhält das Thema deutlich mehr Gewicht. In der neuen Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft sind Herdenschutz und Zäune fester Bestandteil, unter anderem im neuen überbetrieblichen Kurs üK 8 ‹Herdenschutz und Zäune›.» Das Inforama bestätigt, dass das Thema im Bildungs- und Schullehrplan an Bedeutung zunimmt, sobald sich Lernende im dritten Lehrjahr für die Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft entscheiden. Martin Willi von Bildungszentrum St. Gallen ergänzt: «In der neuen Ausbildung ab August 2026 ist in der Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft ein grosser Teil dem Thema ‹Herde einzäunen und schützen› inkl. üK 8 gewidmet. Insgesamt gewinnt das Thema in der landwirtschaftlichen Ausbildung an Bedeutung.»
Praxis statt nur Theorie
Der Plantahof beschreibt, was künftig gelehrt wird: Im neuen Bildungsmodell werden die Lehrinhalte sowohl im überbetrieblichen Kurs als auch in Exkursionen praxisnah vermittelt. «Dabei werden alle wichtigen technischen Aspekte praktisch demonstriert und geübt», schreibt Thomas Vetter. Dazu gehören die Funktionsweise eines sicheren Stromkreislaufs, die Bedeutung und Ausführung einer korrekten Erdung sowie das Erkennen und Beheben typischer Fehlerquellen wie lockere Litzen, falsche Pfostenabstände oder Materialfehler. «Auch im Unterricht zu den Kleinwiederkäuern wird dann gezielt auf praktische Herausforderungen eingegangen, aktuell vor allem im Zusammenhang mit der Grossraubtierpräsenz», ergänzt Vetter.
Der Wolf als Katalysator
Was hat diese Änderung angestossen? Thomas Vetter bringt es auf den Punkt: «Der Fokus im Unterricht liegt derzeit klar auf Herdenschutz und Schutz vor Grossraubtieren.» Die Rückkehr des Wolfs habe den Druck erhöht und dem Thema die nötige Dringlichkeit verliehen. Im neuen Lehrplan für die Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft wird «Zäune im Kontext Herdenschutz» ein eigenes Kapitel erhalten. Wie stark Tierwohl und Prävention vor Grossraubtieren gewichtet werden, hängt allerdings noch vom ausstehenden Lehrmittel des Verlags Edition LMZ ab. Die detaillierten Vorbereitungen an den Schulen finden erst im Schuljahr 2027/28 statt.
Praktiker werden gefragt
Der Plantahof macht deutlich, dass man auf Praxiswissen setzen will: «Für den üK in der Fachrichtung sowie für Exkursionen werden wir gezielt auf das Wissen erfahrener Schaf- und Ziegenhalterinnen und -halter zurückgreifen – darunter würden wir bestimmt auch auf die Erfahrungen von Herrn Manetsch zurückkommen.» Vetter betont, dass diese Praxisexpertise ein zentraler Bestandteil einer wirksamen Ausbildung sei. Bereits heute arbeitet der Plantahof in der Schafhirtenausbildung und bei angehenden Wildhütern mit Praktikern zusammen.
Pius Manetsch, der Mann ohne Berufsabschluss, aber mit jahrzehntelanger Erfahrung, wird also künftig gefragt sein. Sein YouTube-Video «5-Litzenzaun richtig gemacht» erreicht bereits heute unzählige Landwirte, ab 2026 könnte sein Wissen direkt in die offizielle Ausbildung einfliessen.
[IMG 3]
Beratung läuft parallel
Während die Ausbildung nachzieht, ist die Beratung bereits aktiv. Das Inforama berichtet, dass die Herdenschutzberatung des Kantons Bern kostenlose einzelbetriebliche Beratungen auf Sömmerungs- und Heimbetrieben anbietet. Zusätzlich werden sämtliche Kleinwiederkäuerhalter jährlich per E-Mail über Neuerungen in der Gesetzgebung und Finanzierung informiert. Im Winter 2025/2026 organisiert die Herdenschutzberatung Informationsveranstaltungen in betroffenen Gebieten, bei denen Erfahrungen mit anderen Kantonen und betroffenen Hirten ausgetauscht werden können.
Auch in der höheren Berufsbildung ist das Thema bereits aufgenommen worden. Diese Ausbildung wird aktuell ebenfalls revidiert, und es ist davon auszugehen, dass der Herdenschutz in den Lernzielen noch mehr Gewicht erhalten wird.
Der Zeitplan bis zur Umsetzung
Die neue Ausbildung startet zwar im August 2026, doch bis die ersten Lernenden den vertieften Unterricht in Herdenschutz erhalten, dauert es noch. Die Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft ist für das dritte Lehrjahr vorgesehen, der erste Ausbildungsbeginn erfolgt im Sommer 2028. Wer heute eine Lehre beginnt, wird also noch nach dem alten System ausgebildet. Wer 2026 startet, erhält zumindest die Grundlagen in der Handlungskompetenz. Die volle Vertiefung in Herdenschutz und Zaunbau mit dem üK 8 gibt es ab 2028.
Hoffnung auf geschlossene Lücken
Thomas Vetter fasst die Erwartungen zusammen: «Wir sehen grosse Chancen, das Thema Zaunbau und Herdenschutz in der neuen Bildungsreform insbesondere in der Fachrichtung Alp- und Berglandwirtschaft stärker zu verankern. Mit dem neuen Modell wird dieses Thema einen deutlich höheren Stellenwert erhalten, sowohl theoretisch als auch praktisch. Dadurch können bestehende Praxislücken gezielt geschlossen werden.»
Die Karte des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden bleibt ein eindrücklicher Beleg dafür, dass korrekter Zaunbau funktioniert. Das Stagias-Rudel ist überall präsent, rote und rosa Kreise zeigen Sichtungen, Spuren und Fotofallen. Schwarze Kreise markieren Risse in der ganzen Region. Dort, wo Pius Manetschs fünf Litzen stehen, fehlen sie. Obschon die Wolfspräsenz hoch ist, obschon Risse zu erwarten wären. «Ein richtig gebauter Zaun schützt», sagt der über 80-jährige Manetsch. Ab 2026 soll die nächste Generation lernen, wie man ihn baut.
