Eine Analyse von Faire Märkte Schweiz (FMS) zeigt, dass der Produktionswert der Schweizer Landwirtschaft (also die Erlöse) von 2020 bis 2025 um schätzungsweise 10 Prozent gestiegen ist. Diese Zunahme um rund eine Milliarde Franken sei aber von gestiegenen Vorleistungskosten «weggefressen» worden. Für Vorleistungen inklusive Investitionen für Maschinen und Ausrüstung haben die Betriebe laut FMS 2025 insgesamt 745 Millionen Franken mehr ausgeben müssen als noch 2020. Als Netto-Wertschöpfung resultieren in dieser Rechnung noch 255 Millionen Franken. Werden zusätzlich Ertragsminderungen und z. B. Pachtzinsen berücksichtigt, stagniert die Entschädigung für die geleistete Arbeit der Bauernfamilien gegenüber 2020.
«Weitgehend falsche Annahme»
Bemerkenswert ist, dass die Produzentenanteile am Ladenpreis in den letzten drei Jahren gestiegen sind. Aber: «Die Annahme, dass dies vollständig den Bauern zugutekommt, ist weitgehend falsch», teilt FMS mit. Die Entwicklung sei nur zum Teil auf höhere Produzentenpreise zurückzuführen. Die Hauptursache aber sieht der Verein in der Tiefpreispolitik im Detailhandel. Wenn der gesamte Kuchen kleiner wird, sieht ein Stück in derselben Grösse wie zuvor plötzlich nach mehr aus. «Die Landwirtschaft müsste ein deutlich grösseres Stück vom Kuchen abschneiden können, damit die generierte Wertschöpfung von Bäuer(innen) fair entschädigt wird», sagt FMS-Präsident Stefan Flückiger.
In der Sandwich-Position als Preisnehmer eingeklemmt
Für FMS steht fest, dass die Wurzel des Übels in der heutigen Marktstruktur zu finden ist. So könnten Abnehmer Preisvorteile nur in dem Masse weitergeben, dass die Einkommen der Bauernfamilien nicht noch schlechter werden. Eine Form der Erfolgsbeteiligung aber bleibt aus. Auf der anderen Seite fehlten Ausweichmöglichkeiten für den Einkauf von Produktionsmitteln ebenso wie für den Absatz. Insgesamt befinde sich die Landwirtschaft so quasi in einer Sandwich-Position, in der sie nur als Preisnehmer auftreten und steigende Kosten kaum weitergeben kann.
«Die strukturellen Gründe sind einerseits marktgemacht und politisch gewollt», fasst der Verein zusammen und verweist auf den kleinen, mit Grenzschutz abgeschotteten Markt in der Schweiz. Andererseits wiederholt FMS die Kritik an den Wettbewerbsbehörden (Weko), die wettbewerbswidrige Handelspraktiken nicht ahnden würden.
Bundesrat warnt vor administrativer Belastung und Rechtsunsicherheit
Derzeit nehmen zwei politische Vorstösse von Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger (SVP, BE) die Forderungen von FMS auf. Einer verlangt Sektoruntersuchungen, die der Weko präventive Analysen von Marktstrukturen ermöglichen würden. Dieses Instrument ist laut Rüegsegger in der EU bereits im Einsatz. Der Bundesrat aber spricht sich gegen Sektoruntersuchungen in der Schweiz aus. Wie er in einem Bericht darlegt, könnte es einen «gewissen Wandel» im hiesigen Wettbewerbsrecht hin zu einer verstärkten proaktiven Regulierung bedeuten. «Dies würde die administrative Belastung und Rechtsunsicherheit der Unternehmen erhöhen», warnt der Bundesrat.
«Die strukturellen Gründe sind marktgemacht und politisch gewollt.»
Der Verein Faire Märkte Schweiz übt deutliche Kritik an der Marktstruktur.
Nationalrat stimmt für den Aufbau einer «Gegenmacht»
Zum zweiten Vorstoss von Hans Jörg Rüegsegger in Sachen Märkte hat sich der Nationalrat bereits geäussert. Mit deutlicher Mehrheit hat sich die Grosse Kammer 2024 dafür ausgesprochen, im Landwirtschaftsgesetz eine Regelung für die Kooperation von Produzent(innen) zu schaffen. Eine solche «Gegenmacht» würde nach Meinung von FMS eine echte Chance bieten, um faire Preise auszuhandeln. Der Bundesrat ist hingegen der Meinung, die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten seien ausreichend.
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Neue Transparenzplattform für Produktionsmittel
In nächster Zeit erwartet FMS, dass sich die Situation eher noch verschärfen wird. «Obwohl bis zur letzten Datenerhebung im dritten Quartal 2025 noch keine auffälligen Preisnachteile bei relevanten Produzentenpreisen registriert worden sind, bestehen aktuell deutliche Anzeichen, dass der Preisdruck zunimmt.» Hinweise gebe es etwa auf dem Gemüsemarkt. Zudem sinken die Preise für Milchproduzenten.
Eine deutliche Zunahme von Meldungen an die FMS-Meldestelle bestätige die abnehmende Preisentwicklung. Mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette, eine wirksame Preisbeobachtung – auch im Vorleistungsbereich – sowie klare Regeln gegen unfaire Handelspraktiken sind in den Augen des Vereins der richtige Weg. FMS hat gemäss Mitteilung eine neue Transparenzplattform für Produktionsmittel bei der HAFL in Auftrag gegeben.
Der SBV spricht mit dem Detailhandel
Die «Preissenkungs-Euphorie» im Detailhandel ist für den Schweizer Bauernverband (SBV) das grösste Problem für die Einkommen der Bauernfamilien. Gegenüber der BauernZeitung hat SBV-Direktor Martin Rufer – wie FMS – von einer Vernichtung von Wertschöpfung gesprochen. Man stehe aber in Kontakt mit den Detailhandels-Spitzen, die laut Rufer auch zuhören. Der SBV konzentriert sich auf sein Marktpaket für die AP 30+ und saubere Vollkostenrechnungen für alle Produkte. Das Ziel des Verbandes sind zwei Milliarden Franken zusätzliche Markterlöse für die Landwirt(innen).
Agroscope untersucht, was «faire Preise» sind
Agroscope hat kürzlich ein neues Projekt unter dem Namen «Fair Chains» gestartet. Es untersucht die Wahrnehmung und das Verständnis einer fairen Wertverteilung innerhalb der Schweizer Agrar- und Lebensmittelversorgungsketten. Agroscope will aktuelle Konzepte zur fairen Verteilung von Kosten und Einnahmen analysieren. Im Fokus sind alle Akteure, von Landwirten über Konsumenten und Verarbeiter bis zum Detailhandel. «Ziel ist es, einen Konsens und Meinungsverschiedenheiten bei der Frage zu ermitteln, was einen fairen Preis ausmacht.»
Auch Umwelt- und Gesundheitskosten sollen in die Preisbildung einbezogen werden. Das Projekt wird laut Beschrieb Daten liefern, die zur Entwicklung von Förderstrategien für faire Preise und nachhaltige Praktiken in Wertschöpfungsketten beitragen. «Diese Bemühungen sind angesichts der anhaltenden Diskussionen über faire Preise und Markanteilsdynamiken von besonderer Bedeutung», schreibt die Forschungsanstalt.
