Carlo Müller aus Susch im Unterengadin hat vier spannende Jahre hinter sich. Ende 2021, er war noch mitten im Studium zum Techniker HF Maschinenbau, standen er und seine drei Brüder vor der Frage, wer ab Anfang 2022 den familieneigenen Hof übernehmen sollte, denn Vater Emil Müller wollte im Unterland in einen neuen Lebensabschnitt starten. Sein älterer Bruder Uorsin, der den Betrieb bis dahin zusammen mit dem Vater bewirtschaftete, winkte ab, da ihm der Hof zu gross war. Auch Andri und Rico, die anderen beiden Brüder, waren beruflich zu stark engagiert.
Weiterbestand des Hofs lag am Herzen
Obwohl Carlo Müller just zu diesem Zeitpunkt ein interessantes Jobangebot in der Maschinenbau-Branche erhielt, stieg er kurzentschlossen in den Betrieb ein. «Da mir der Weiterbestand unseres Familienbetriebs am Herzen lag, übernahm ich den Hof auf den Mai 2022 in Pacht», erklärt Carlo Müller rückblickend. Trotz laufendem Teilzeitstudium führte er mit der Unterstützung seiner Brüder den 53-Hektar-Betrieb im ersten Jahr ohne Angestellte.
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Betrieb in Sent seit 2025
Auch im privaten Bereich von Carlo Müller gab es in der Vergangenheit Änderungen. Vor einem Jahr wurden der 30-Jährige und seine zukünftige Ehefrau Laura Salomon ein Paar. Die Bauerntochter aus Sent machte eine Ausbildung als Dentalassistentin, war aber danach mehrheitlich in der Hotellerie tätig. Im vergangenen Winter bekam ihr Vater gesundheitliche Probleme, wodurch dieser zeitweise zu 100 Prozent arbeitsunfähig wurde. «Wir wollten meinen Vater in dieser schwierigen Situation unterstützen», erklärt die 25-jährige Laura Salomon rückblickend. Aus Gesprächen innerhalb ihrer Familie ging hervor, dass ihre einzige Schwester den 30 Hektaren grossen Bergbetrieb nicht übernehmen wollte. Plötzlich ging alles sehr schnell: Laura Salomon und Carlo Müller pachteten den Schafbetrieb in Sent rückwirkend auf den ersten Januar 2025.
Hervorragende Mitarbeiter erleichterten Start
«Das erste Jahr, in dem wir die beiden Betriebe zusammen führten, lief dank gutem Wetter und hervorragenden Mitarbeitern gut», blickt Carlo Müller auf die intensive Zeit zurück. Auf Anfang Juni habe er glücklicherweise seinen Bruder Uorsin fest anstellen können. «Uorsin kannte unseren Hof bereits und gab in den vergangenen Monaten vollen Einsatz.»
Die beiden Betriebe liegen 25 Kilometer voneinander entfernt. Der Betrieb Sasslatsch in Susch umfasst 54 Hektaren, rund 40 Angus-Mutterkühe mit Stier und Nachwuchs stehen im Stall. Auf dem 30-Hektar-Betrieb in Sent, dessen Hauptstall mitten im Dorf steht, leben 140 Mutterschafe. Von der gesamten Betriebsfläche sind 60 Prozent Biodiversitätsförderflächen (BFF). Der Anbau von Braugerste wurde 2025 von drei auf neun Hektaren ausgebaut. «Wir hatten die letzten drei Jahre im Unterengadin immer genügend Niederschläge und damit auf den Naturwiesen sehr hohe Erträge. Dadurch konnten wir, trotz der Aufstockung bei den Mutterkühen von 32 auf 39 Stück, die Ackerflächen ausdehnen», erklärt Carlo Müller. Der Getreideanbau hat auf dem Hof Sasslatsch Tradition, schon Vater Emil Müller hat Ackerbau betrieben. Zudem sei auch die Wertschöpfung bei der Bio-Braugerste interessanter als in der Rindviehhaltung.
Jede Arbeitsstunde entlöhnen
Carlo Müller kalkuliert genau: «Jede Arbeit auf unserem Betrieb wird entlohnt, entsprechend wichtig ist es, dass die Betriebszweige rentieren.» Nicht nur seine Partnerin, sein Bruder und mehrere familieneigene Aushilfen stehen auf der Lohnliste, auch die zwei Älpler der Schaf- und Mutterkuh-Alp Grialetsch am Flüelapass sind von ihm angestellt. «Ich habe die grossflächige Alp 2025 gepachtet. Da mein Bruder Uorsin diese vorher mehrere Jahre führte, war er mir auch da eine sehr grosse Unterstützung.» Neben 800 Schafen werden auf der Alp auch 200 Stück Rindvieh gesömmert.
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Klare Kommunikation
Eine enorm weitläufige Alp, ein grosser Talbetrieb an zwei Standorten und eine Vielzahl von familieneigenen Mitarbeitern – besteht da nicht Konfliktpotenzial? «Ich konnte in der Vergangenheit in externen Unternehmen Erfahrungen in der Mitarbeiterführung machen. Das kommt mir jetzt sicher zugute», erklärt Carlo Müller. Er habe allen seinen Familienmitgliedern und Mitarbeitern immer klar kommuniziert, dass es in intensiven Phasen zu Problemen und externer Kritik kommen könne. «Wichtig ist, dass Probleme ausdiskutiert werden und der gegenseitige Respekt erhalten bleibt.» Anmerkungen von älteren Landwirten betreffend der veränderten Bewirtschaftungsweise sieht er auch als Chance: «Ein Input von erfahrenen Vorgängern kann auch wertvoll sein.»
Stall mitten im Dorf Sent
Auch die Zukunft wird auf dem Betrieb Sasslatsch herausfordernd bleiben. Insbesondere eine effiziente Arbeitseinteilung bleibe infolge der Distanz der Betriebe eine Daueraufgabe. Auf der Alp wird im nächsten Sommer ein dritter Hirte angestellt werden müssen. «Der Aufwand für das Zäunen ist mittlerweile infolge der Präsenz von Grossraubtieren unverhältnismässig geworden, in diesem Frühjahr waren fünf Personen rund zwei Wochen lang daran, Weidezaunnetze aufzustellen», erklärt Carlo Müller. Am Betriebsstandort in Sent werden über kurz oder lang Anpassungen beim Stall anstehen, da das Alter des Stalles und der Standort mitten im Dorf eine effiziente Tierbetreuung erschweren. Laura Salomon, die momentan in der Ausbildung zur Bäuerin/Bäuerlichen Haushaltsleiterin steht, möchte die Direktvermarktung auf dem Hof ausbauen. Und auch privat stehen weitere Veränderungen an: Der Hochzeitstermin von Laura Salomon und Carlo Müller für den nächsten Sommer ist gesetzt.
Betriebsspiegel
Standorte: Susch und Sent im Unterengadin, Bergzone 4
Flächen: 83 ha LN, davon 9 ha Braugerste, 5 ha Kunstwiese und 15 Aren Kartoffeln. Alp Grialetsch mit 800 Schafen und 200 Stück Rindvieh.
Tiere: 39 Angus-Mutterkühe mit Kälbern und ein Stier, 140 Mutterschafe und 100 Legehennen.
Arbeitskräfte: Betriebsleiter Carlo Müller, Laura Salomon, Uorsin Müller und zwei Älpler angestellt, dazu mehrere Aushilfen im Stundenlohn.