Die Zellzahl in der Tankmilch entscheidet über Milchgeld, Eutergesundheit und Betriebserfolg. Doch wie schaffen es Spitzenbetriebe, dauerhaft unter 100 000 Zellen/ml zu bleiben? Und was können Tierhalter konkret tun, wenn die Zellzahl steigt? Hier sind die bewährten Strategien aus Forschung und Praxis.
Die Zellzahl verstehen: Das Frühwarnsystem im Stall
Die Zellzahl ist der wichtigste Indikator für Eutergesundheit. Somatische Zellen – eine Mischung aus Immunzellen (98%) und Milch produzierenden Zellen (2%) – zeigen an, ob im Euter alles in Ordnung ist oder eine Entzündung droht.
Bei gesunden Eutern liegt die Zellzahl unter 100 000 pro Milliliter, wie die Vetsuisse Fakultät Bern in ihren Studien zur Eutergesundheit festhält. Werte zwischen 100 000 und 200 000 gelten als Grenzbereich – die Kuh sollte beobachtet werden. Ab 200 000 Zellen/ml ist eine Infektion wahrscheinlich, mindestens ein Viertel ist betroffen. Über 300 000 deutet auf eine deutliche Infektion mit relevanten Erregern hin.
Für die Tankmilch gilt in der Schweiz gemäss Verordnung über die Hygiene bei der Milchproduktion (VHyMP) ein gesetzlicher Grenzwert von 350 000 Zellen/ml. Viele Abnehmer verlangen aber inzwischen 300 000. Ambitionierte Betriebe streben Werte unter 150 000 an, Spitzenbetriebe erreichen sogar dauerhaft unter 100 000 – auch bei hohen Milchleistungen, wie Hochleistungsbetriebe weltweit beweisen.
Schritt 1: Früherkennung durch konsequente Kontrolle
Milchleistungsprüfung optimal nutzen
Die monatliche Milchleistungsprüfung (MLP) ist die wichtigste Informationsquelle für Landwirte. Die Viehzuchtorganisationen empfehlen, bereits ab 200 000 Zellen/ml bei Einzelkühen zu reagieren, denn diese Tiere sind wahrscheinlich infiziert. Entscheidend ist die Dokumentation: Welche Kühe zeigen wiederholt erhöhte Werte? Treten hohe Zellzahlen in bestimmten Laktationsphasen oder bei bestimmten Tiergruppen auf? Diese Muster liefern wichtige Hinweise auf die Ursachen.
Schalmtest als Zwischenkontrolle
Der Schalmtest vor Ort gibt sofortige Gewissheit. Die Vetsuisse Fakultät Bern beschreibt den Test als schnelles Screening-Verfahren für verdächtige Kühe. Er ermöglicht die Identifikation betroffener Viertel und lässt sich einfach während der Melkroutine durchführen. Für Rohmilchkäse-Alpen ist der Schalmtest vor und nach der Alpfahrt gemäss Strickhof-Empfehlungen sogar Pflicht.
Zusatzkontrollen gezielt einsetzen
Suisselab bietet zusätzliche Analysen an, die besonders hilfreich sind, wenn die Tankmilch-Zellzahl plötzlich steigt, einzelne Problemkühe genauer überwacht werden sollen oder nach Behandlungen der Therapieerfolg kontrolliert werden muss.
Schritt 2: Melkhygiene – Die Basis für niedrige Zellzahlen
Vor dem Melken
Die Zitzenvorreinigung ist nur bei sichtbarer Verschmutzung nötig, dann aber mit feuchten Einwegtüchern oder mit dafür vorgesehenen Dippmitteln (Schaum) mit anschleissendem Abtrocknen mit trockenen Einwegtüchern. Nasse Zitzen beim Anrüsten sollten vermieden werden, wie die Melkberatung Deutschland in mehreren Fachartikeln betont. Saubere, trockene Zitzen reduzieren die Keimübertragung massgeblich.
Das Anrüsten und Vormelken gehört zur täglichen Routine: Die ersten Milchstrahlen in den Vormelkbecher oder auf eine schwarze Unterlage ermöglichen das sofortige Erkennen von Veränderungen wie Flocken oder wässriger Konsistenz. Gleichzeitig wird der Milchfluss stimuliert und das Infektionsrisiko gesenkt.
Während des Melkens
Beim Ansetzen des Melkzeugs sind Lufteinlässe zu vermeiden. Das Melkzeug muss gerade hängen und darf das Euter nicht belasten. Automatische Abnahmesysteme verhindern Übermelken, wie Studien des National Mastitis Council zeigen.
Die Melkreihenfolge spielt eine wichtige Rolle: Jungkühe und eutergesunde Kühe werden zuerst gemolken, Kühe mit hohen Zellzahlen oder chronischer Mastitis zuletzt. Ideal ist eine separate Melkeinheit für Problemtiere.
Nach dem Melken
Das Dippen ist gemäss allen Eutergesundheitsexperten Pflicht. Sofort nach dem Abnehmen müssen alle vier Zitzen gedippt werden, das Dippmittel muss alle Zitzen vollständig benetzen. Es schützt die offenen Strichkanäle für die kritischen ersten 2-3 Stunden.
Die Kühe sollten mindestens 30 Minuten nicht hinliegen. Futter oder Kraftfutter nach dem Melken animiert die Tiere zum Stehen, sodass der Strichkanal sich schliessen kann, bevor die Kuh liegt.
Schritt 3: Melkanlage optimal einstellen
Eine schlecht eingestellte Melkanlage ist ein Hauptrisikofaktor für Mastitis, wie die Melkberatung in zahlreichen Studien belegt hat.
Jährliche Kontrolle durch Fachperson
Die Vakuumhöhe (38-42 kPa für Kühe), die Pulsation (60 Takte/Minute, Saugphase 60-65%), die Milchleistung der Anlage und der Zustand der Gummiteile müssen jährlich geprüft werden. Zitzengummis sind gemäss Herstellervorgaben spätestens nach 2500 Melkungen zu wechseln. Auch die Reinigungsleistung der Anlage muss kontrolliert werden.
Tägliche Wartung
Das Reinigungsprogramm – Temperatur, Dauer und Chemikalien – sollte täglich kontrolliert werden. Eine Sichtkontrolle auf Milchreste und Ablagerungen, das Wechseln der Filter sowie die Prüfung von Vakuumpumpe und -leitung gehören zur täglichen Routine.
Schritt 4: Stallhygiene und Haltung optimieren
Liegeboxen: Trocken und sauber
Die Einstreu spielt eine zentrale Rolle für die Eutergesundheit. Sand ist laut Studien zur Mastitisprävention die beste Option mit 5-10 cm Auflage. Bei Stroh muss täglich nachgestreut und feuchte Stellen müssen entfernt werden. Kompost oder Sägemehl kann zum Keimherd werden, wenn die Feuchtigkeit nicht kontrolliert wird. Gummimatten sollten mit Stroh oder Kalk trocken gehalten werden.
Als Faustregel gilt: Wenn sich die Kuh hinlegt, sollte sich kein Abdruck in der Einstreu bilden – zu nass ist problematisch.
Laufflächen und Laufhof
Spaltenböden müssen regelmässig geschoben, planbefestigte Flächen mehrmals täglich gereinigt werden. Stehendes Wasser oder Gülle sind zu vermeiden. Die Klauenpflege darf nicht vernachlässigt werden – lahme Kühe liegen mehr und belasten das Euter stärker.
Abkalbebereich besonders sauber halten
Nach jeder Abkalbung sollte der Bereich komplett ausgemistet und neu eingestreut werden, wie die Vetsuisse Fakultät Bern empfiehlt. Kalbende Kühe sind besonders anfällig für Infektionen. Die Kolostralphase geht zwar natürlicherweise mit erhöhten Zellzahlen einher, aber das Infektionsrisiko ist in dieser Phase besonders hoch.
Schritt 5: Fütterung und Stoffwechsel im Blick
Pansengesundheit ist auch gleich Eutergesundheit
Die Vermeidung von Pansenazidose ist zentral für die Eutergesundheit. Der Fett-Eiweiss-Quotient in der MLP sollte laut Braunvieh-Organisation zwischen 1,0 und 1,4 liegen. Strukturiertes Futter muss ausreichend angeboten und Kraftfutter langsam angefüttert werden.
Die Energieversorgung ist gerade zu Laktationsbeginn kritisch. Ketose schwächt das Immunsystem, weshalb der Aceton-Test in MLP-Proben ein wichtiges Instrument ist.
Mineralstoff- und Spurenelementversorgung
Verschiedene Elemente sind gemäss Fütterungsempfehlungen von Agroscope besonders wichtig für die Eutergesundheit: Selen für die Immunfunktion (0,2-0,3 mg/kg Futtertrockenmasse), Vitamin E für den Zellschutz (500-1000 IE/Kuh/Tag), Zink für den Zitzenhautschutz (50-80 mg/kg Futtertrockenmasse) und Kupfer für die Immunabwehr (10-15 mg/kg Futtertrockenmasse).
Harnstoffwerte beachten
Ideal sind Werte zwischen 150 und 300 mg/l in der Milch. Werte über 300 deuten auf Eiweissüberschuss und einen überlasteten Pansen hin, Werte unter 150 auf Energiemangel oder Eiweissdefizit. Beides schwächt das Immunsystem der Kühe.
Schritt 6: Trockenstellen strategisch angehen
Die Trockenstehzeit ist die wichtigste Phase für die Sanierung des Euters, wie die Vetsuisse Fakultät Bern in ihren Studien zur Eutergesundheit betont.
Selektives Trockenstellen
Nicht jede Kuh braucht Antibiotika beim Trockenstellen. Kühe mit Zellzahlen über 200 000 in den letzten zwei Monaten, Kühe mit klinischer Mastitis in der aktuellen Laktation oder chronisch infizierte Tiere sollten Antibiotikum plus Zitzenversiegler erhalten. Eutergesunde Kühe mit dauerhaft unter 100 000 Zellen sowie Jungkühe bei der Erstlaktation kommen mit einem Zitzenversiegler aus. Diese Strategie reduziert den Antibiotikaverbrauch deutlich, wie verschiedene Studien belegen.
Abruptes versus schrittweises Trockenstellen
Abruptes Trockenstellen – sofortiges Stoppen – ist der Standard bei gesunden Kühen. Schrittweises Reduzieren kommt nur bei Hochleistern über 25 kg pro Tag infrage. Das Kraftfutter sollte bereits ausgesetzt, aber spätestens dann reduziert werden, die Zitzen müssen in der ersten Woche täglich kontrolliert werden.
Schritt 7: Problemkühe managen
Wann behandeln?
Bei klinischer Mastitis – erkennbar an Flocken, Schwellung, Rötung oder Schmerz – ist sofortiges Handeln nötig. Der Tierarzt sollte für eine gezielte Therapie konsultiert werden, bei wiederkehrenden Fällen empfiehlt sich eine Erregerbestimmung.
Bei subklinischer Mastitis (hohe Zellzahl ohne Symptome) sollten zunächst die Ursachen gesucht werden: Melktechnik, Hygiene, Fütterung. Bei ansteckenden Erregern wie Staphylococcus aureus oder Streptococcus agalactiae ist eine Behandlung in der Trockenperiode sinnvoll. Umweltkeime wie E. coli oder Streptococcus uberis heilen oft spontan ab.
Wann ausmerzen?
Chronische Fälle sind eine Infektionsquelle für die gesamte Herde. Kühe mit dauerhaft über 500 000 Zellen über mehrere Monate, wiederkehrende klinische Mastitiden (drei oder mehr pro Laktation), Blindviertel oder verhärtetes Eutergewebe sowie fehlende Besserung nach Behandlung sind Ausmerz-Kandidaten. Die wirtschaftliche Rechnung zeigt: Eine chronisch kranke Kuh kostet durch Mindermilch, Behandlung und Ansteckungsrisiko mehr als ihr Ersatz.
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