Das Wetter könnte an diesem Dienstagnachmittag nicht schöner sein und der Blick auf das Panorama der Berner Alpen sorgt regelrecht für Hühnerhaut. Für Hühnerhaut sorgt auch der Stallbesuch bei Samuel und Marisa Pfander in Bleiken BE. Blitzblank sind die Kühe im dicken Strohbett, auf den Stallgängen liegt frisches Sägemehl. «Sämu, hast du meinetwegen noch die Kühe gewaschen?», frage ich den Betriebsleiter. «Ich habe gedacht, du machst sicher ein paar Bilder und wir haben einigen Kühen noch die Klauen geschnitten, das ging dann in einem zu», sagt der Landwirt und lacht.
Eine Betriebsumstellung
Der Betrieb von Pfanders liegt auf 1000 m ü. M. in der Bergzone II. «Im Jahr 2021 haben Sämu und ich den Betrieb von meinem Vater übernommen», erzählt Marisa Pfander die Geschichte. Vorher haben Marisas Eltern 800 Schafe auf dem Betrieb gehalten. Marisa, die noch 40 % auswärts bei der CasAlp arbeitet, wusste von Anfang an, dass sie mit Sämu einen Züchter durch und durch geheiratet hat. Seine Leidenschaft für die Kühe machte eine Betriebsumstellung unumgänglich. «Könnte ich nicht melken, wäre ich nie Bauer geworden», betont Sämu Pfander. Er, der nicht aus einer Bauernfamilie stammt, hat das Chüjern von seinem Onkel mitbekommen. «Als Bub durfte ich ihn oft zu verschiedenen Reinzüchtern begleiten. Unter anderem auch zu Armin Schmied selig nach Guggisberg BE oder zu den Gebrüdern Matti, Speiskorb, Zweisimmen BE.»
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Bei ihnen hätte er den vielen Erzählungen gelauscht und zugehört. «Ich habe es richtig aufgesaugt und war beeindruckt von ihren Zuchterfolgen und dem Gespür für die Zucht», sagt der Landwirt. Ein grosser Motivator für ihn sei auch Gottfried Burri aus Giffers gewesen. Während der Lehre hat Sämu Pfander seine Freizeit auf dem Betrieb von Burris verbracht. Bis tief in die Nacht hinein hätten sie jeweils am Küchentisch über die Reinzucht philosophiert. Für Sämu Pfander war immer klar, dass er eines Tages selber einen Betrieb führen will und sich der Zucht verschreiben möchte. Später konnte er einen kleinen Betrieb von seinem Grossvater in Guggisberg pachten. In der Zwischenzeit lernte er auch seine Frau Marisa kennen. «Als ich Sämu kennenlernte, wusste ich, worauf ich mich eingelassen habe», sagt Marisa und fügt an: «Das mit ‹keinem Bauern heiraten›; daraus wurde nichts.»
Mit wenig angefangen
In Bleiken hat die junge Familie dann mit wenig angefangen. 13 Kühe hatte Sämu Pfander von Guggisberg BE mitgenommen, einige wurden neu dazugekauft. «Ich versuchte Kühe möglichst günstig zu kaufen, und etwas aus ihnen zu machen», so der Landwirt. In den Anfängen bestand die Herde mehrheitlich aus Swiss Fleckviehtieren. Nach und nach kamen Simmentalertiere dazu, bis die Hälfte der Herde aus Simmentalern bestand. «Letztes Jahr habe ich bis auf zwei Stück alle SF-Kühe verkauft und durch Simmentaler ersetzt», erzählt er. Dabei mussten die Kühe nicht nur schöne Hörner haben, sie mussten auch im Exterieur und der Kuhfamilie seinen Ansprüchen genügen.
«Ich kann es selbst nicht recht beschreiben», fängt Sämu Pfander an zu erzählen. Er wolle einfach zurück zu den Wurzeln. Es sei nebst der Wirtschaftlichkeit auch die Tradition, was ihn an der Simmentalerrasse so fasziniere. Sämu Pfander, der die Abstammungen der Simmentalerstiere fast alle kennt, hat sich auch der Stierenzucht verschrieben. «Den grössten Teil unserer Tiere besamen wir im Natursprung», sagt er. Da der Stier Unic sehr verbreitet sei, will er vor allem Stiere züchten, die kein oder äusserst wenig von seinem Blut besitzen.
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Beim Stallrundgang kommt man sich vor wie an einer Ausstellung. Schwere Simmentalerkühe mit tadelloser oberer Linie, breiten Becken und wunderschönen Eutern lassen sogar den Schreibenden ins Schwärmen kommen. Und beim Stallrundgang laufen nicht nur Sämu und Marisa Pfander mit, sondern auch Bernhard Zumbrunnen, alias «Beckenbauer» aus der Lauenen BE.
Eine Tierhaltergemeinschaft
«Ab dem 1. Januar 2026 starten wir zusammen mit einer Tierhaltergemeinschaft», sagt Bernhard «Bärnu» Zumbrunnen zufrieden. Angefangen habe es, als Bärnu Zumbrunnen Sämu Pfander fragte, ob er Platz für einen Muni habe. «Wir sind beide nicht nur angefressene Reinzüchter, sondern sind auch richtige Müneler», ergänzt Sämu die Erläuterungen. Aus einer Anfrage sei eine Freundschaft geworden. Und so fanden immer mehr Tiere von Zumbrunnen den Weg nach Bleiken. «Ich habe meinen kleinen Landwirtschaftsbetrieb in der Lauenen verpachtet und mit meiner Bäckerei immer noch viel zu tun», so die Begründung von Bärnu Zumbrunnen.
Während des Stallrundgangs stellt Sämu Pfander jede Kuh einzeln vor, spricht über ihre Abstammung und erzählt, wie er zum jeweiligen Tier kam. «Die Mutter dieser Kuh konnte ich zum Beispiel vor dem Schlachtviehmarkt kaufen, sie wollte nicht mehr trächtig werden», sagt er und zeigt mit dem Finger auf ein eindrückliches Exemplar. Einmal mit dem Muni, und schon hatte die maximal punktierte Kuh wieder aufgenommen.
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Jetzt stehen wir vor einer Kuh, die kürzlich an der Junior Expo in Thun für Furore sorgte: Dällenbach Odessa. Diese Kuh im zweiten Kalb holte an der Junior Expo den Championtitel. «Sie verkörpert schon das Zuchtziel von uns», hält der Züchter fest. Über den ganzen Körper, mit viel Breite ausgestattet, dazu eine gute Bemuskelung und ein starkes Euter. «Die reine Rasse darf vor allem in der Breite, im Fleisch sowie in der Milch nicht noch mehr Terrain verlieren», so seine Beobachtung. «Da ich Swissfleckviehtiere hatte, kann ich den Vergleich auf meinem Betrieb ziehen. Milch gaben bei unserer Fütterung beide Rassen fast gleich viel, beim Fleisch und den Kälbern ist aber die Simmentalerkuh für uns wirtschaftlicher.» Dadurch sei es wichtig, die Fleischigkeit zu behalten – das mache die Simmentalerkuh schlussendlich aus. Und nicht zu verachten sei es, dass die Simmentalerkuh, mit ihrem geringerem Futterverzehr pro Tag, im raueren Klima in den Bergen sehr gut funktioniere. «Aus meiner Sicht muss man zur Reinzucht Sorge tragen, schnell werden wir mehr verlieren statt gewinnen.»
Auch die Züchter in der Pflicht
Er gebe zu, dass er kein Fan von österreichischem und deutschem Fleckvieh sei. «Die Schweizer Simmentalerkuh ist für mich etwas Besonderes, denn diese Rasse haben wir mit den gegebenen Grundlagen seit jeher gezüchtet und wir müssen zu ihr Sorge tragen», sagt Sämu Pfander. Für ihn sei es wichtig, dass es in der Reinzucht vorwärtsgehe und nicht zur Blutverengung komme. Er fügt an, dass seiner Meinung nach die künstliche Besamung hier mit einem mässigen Beispiel vorangehe, weil sie sich nur auf die Zahlen stützen würde. «Zurzeit sind viele direkte Cyrill-Söhne oder Nachkommen mit Cyrill-Blut im Angebot», bestätigt der Reinzüchter. Somit komme oft nur eine Blutlinie zum Zuge, das sehe man bei der einseitigen Auswahl an Kuhfamilien. Aber auch die Züchter sieht er in der Pflicht: «Dieser sollte einmal etwas mit neuem Blut wagen», so Sämu Pfander.
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Für ihn komme in seinem Stall vor allem der Natursprung zum Einsatz. «Dank des Natursprunges konnte die Reinzucht enorme Fortschritte erzielen. Und dieser hilft uns auch aus der Blutverengung heraus», so seine Überzeugung. Sicherlich trage auch die künstliche Besamung zum Zuchterfolg bei. «Eine Anpaarung muss so oder so immer gut überlegt sein. Für mich müssen die Stiere immer aus guten Linien und Kuhfamilien stammen.» Auf jeden Fall scheint die Familie Pfander mit ihren Simmentalerkühen auf dem richtigen Weg zu sein.
